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Rede

In Gedenken an Gertrud Kolmar

Einführungsrede zur Lesung / Josefine Israel liest Gertrud Kolmar

 

Liebe Gäste, ich möchte Sie herzlich zur Preisverleihung des 1. Gertrud Kolmar Preises begrüßen. Den 1. Teil des Abends widmen wir der Namensgeberin des Preises Gertrud Kolmar.

Und nun will ich kurz zum Anfang der Idee eines Fixpoetry-Preises für Gedichte von Frauen zurückblenden. Als wir uns vor rund zwei Jahren überlegten, welchen Namen wir dem neuen Fixpoetry-Lyrikpreis geben sollten, war mir sofort klar, dass als Namensgeberin bloß eine wirklich großartige Schriftstellerin in Frage kam. Im nächsten Augenblick wusste ich schon, dass es Gertrud Kolmar sein sollte, nein, musste und keine andere. Warum werden Sie mich jetzt vielleicht fragen? Gertrud Kolmar war und ist für mich und alle am Preis beteiligten Frauen, seit Jahrzehnten eine sehr wichtige Lyrikerin und zugleich unsere poetische Wegbegleiterin, deren Texte wir gern und immer wieder zur Hand nehmen. Doch Gertrud Kolmar hat nicht nur Bedeutung für uns, sondern gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Für Nelly Sachs etwa war sie „eine der größten Lyrikerinnen“. Es macht mich wütend, dass Kolmars schriftstellerisches Wirken durch das barbarische Treiben der Nationalsozialisten behindert und jäh beendet wurde.

Gertrud Käthe Chodziesner, wie sie eigentlich hieß, war Jüdin und wurde am 10. Dezember 1894 in Berlin als ältestes von vier Kindern in eine bürgerliche, kunstinteressierte Familie geboren. Schon früh begann sie, Verse zu schreiben und Theaterstücke für ihre drei jüngeren Geschwister Hilde, Georg und Margot. Kolmar wurde Lehrerin für Englisch und Französisch, übte diesen Beruf aber nie aus. Stattdessen arbeitete sie bis 1927 als Erzieherin und bildete sich im Selbststudium intensiv weiter. 1917 erschien ihr erstes Buch, ein schmaler Lyrikband mit dem Titel „Gedichte“. Sie wählte als Pseudonym den Namen Kolmar, der sich vom deutschen Namen jener polnischen Stadt herleitete, aus dem die Vorfahren ihres Vaters stammten. Ab 1928 betreute sie ihre schwerkranke Mutter, die 1930 starb. Während dieser Zeit entstand unter anderem die romanhafte Erzählung „Die jüdische Mutter“. Um 1930 begann sie, sich intensiv mit der antisemitischen Hetze auseinanderzusetzen, und ab 1933 mit der beginnenden Judenverfolgung. Obwohl die Dichterin ab 1938 von vielen Menschen gedrängt wurde, Deutschland zu verlassen, wollte sie ihren alten Vater nicht allein zurücklassen und blieb bei ihm in Berlin. Ihren drei Geschwistern hingegen glückte rechtzeitig die Flucht.

Über die zunehmenden Schikanen der Nazis gegen Juden und den immer schwierigeren Alltag gab Kolmar in zahlreichen Briefen Auskunft, die erhalten blieben. 1941 verpflichteten die Nazis sie zur Zwangsarbeit. Im September 1942 wurde ihr Vater nach Theresienstadt verschleppt, er starb im Februar 1943. Gertrud Kolmar wurde schließlich Ende Februar 1943 festgenommen und am 2.März 1943 ins Konzentrationslager Auschwitz transportiert. Sie wurde entweder gleich nach der Ankunft oder bereits auf dem Weg dorthin ermordet.

Gertrud Kolmar hat zu Lebzeiten nur wenige ihrer Arbeiten publizieren können. Einige Texte gelangten in Anthologien und Literaturzeitschriften und sie veröffentlichte drei Bücher mit Gedichten. Neben dem schon erwähnten ersten Lyrikband „Gedichte“ aus dem Jahr 1917 sind dies 1943 der Zyklus „Preußische Wappen“, der alte Stadtwappen als Urbilder einer Menschheit manifestiert, die sich dem Schöpfungsursprung, der sogenannten „Erdenkindheit“, entfremdet hat und dem Gesetz des Tötens verfallen ist. Im August 1938 erschien noch das schmale Bändchen „Die Frau und die Tiere“, ein lyrisches Bekenntnis zu den Schutzbedürftigen der Schöpfung. Dieses Buch wurde allerdings kurz nach Erscheinen im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom verramscht.

Die meisten ihrer Werke erschienen erst postum und haben heute ihre Heimat in den Verlagen Wallstein und Suhrkamp. Dazu zählen u.a. die dreibändige Ausgabe „Das lyrische Werk“, herausgegeben von Regina Nörtemann im Wallstein Verlag sowie der Band „Briefe“, herausgegeben von Johanna Woltmann, ebenfalls im Wallstein Verlag. Kolmars Nachlass liegt im Literaturarchiv Marbach.

Gertrud Kolmar schuf Dramen, einen Roman und Erzählungen, die allerdings literarisch nicht den Rang ihrer Gedichte erreichten. Sie ist heute vor allem als Lyrikerin bekannt und geschätzt. Sie selbst nennt 1940 in einem Brief an ihre Schwester als Vorbilder ihrer Dichtung „die große französische Lyrik; auch der Eindruck der Slawen ist da.“ Einflüsse u.a. von Trakl, Droste Rilke und Hölderlin, aber auch Lasker-Schüler werden ihrem Werk nachgesagt, dennoch fügt sich Kolmars Dichtung keiner Tradition, sondern ist genuin eigenständig, hat ihren eigenen, unverkennbaren Ton und ist geprägt von großer sprachlicher Virtuosität und strengem Formbewusstsein.

Es ist unmöglich, an diesem Abend auf alle Werke dieser wunderbaren Dichterin einzugehen. Daher nenne ich stellvertretend ihre großen Lyrikzyklen, die sie in ihren dreißiger Jahren schrieb: „Das preußische Wappenbuch“, „Weibliches Bildnis“, „Mein Kind“ und „Tierträume“

Zu den Texten, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen und ihr Vermächtnis gegen die Verbrechen der Zeit sind, gehören der zeitkritische lyrische Zyklus „Das Wort der Stummen“ und der Hymnus „Wir Juden“.

Erwähnen möchte ich noch, dass Gertrud Kolmar eine besonders tiefe Beziehung zu ihrer elf Jahre jüngeren Schwester Hilde und deren 1933 geborenen Tochter Sabine Wenzel hatte. Beiden gelang im März 1938 die Flucht in die Schweiz. Die Schwestern schrieben sich Briefe, die dank der Umsicht Hildes und ihres Mannes erhalten geblieben sind. Es sind bewegende Zeugnisse, in denen die Persönlichkeit der Dichterin spürbar wird, ihre enge Bindung an die Familie, ihr Pflichtbewusstsein und ihr Verantwortungsgefühl. Während Hilde Wenzel vor ihrer Flucht mit dem Aufbau einer Buchhandlung in Berlin beschäftigt war, gab sie ihre kleine Tochter Sabine oft in die Obhut ihrer Schwester. Gertrud Kolmar entwickelte eine tiefe Zuneigung zu ihrer Nichte, nannte sie „Püppi“ oder „das kleine Ungeheuer“ und verfolgte deren Entwicklung auch nach deren Flucht weiter. Sabine Wenzel lebt heute hochbetagt in Brasilien und wird später noch kurz zu Wort kommen.

Jetzt darf ich Josefine Israel auf die Bühne bitten, die uns eine Auswahl von Gedichten von Gertrud Kolmar vortragen wird. Ein Teil der Auswahl stammt aus einer Veranstaltung, die am 09. Mai 2019 unter dem Titel Gegenwartsproof Gertrud Kolmar im Haus für Poesie in Berlin stattgefunden hat. Die Auswahl wurde um einige Gedichte ergänzt. Josefine Israel wurde 1991 in Frankfurt/Oder geboren. 2015 erhielt sie beim Treffen deutschsprachiger Schauspielstudierender einen Solopreis. Seit der Spielzeit 2015/16 gehört sie zum Ensemble des Deutschen SchauSpielHauses.

 

 

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