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Übersetzung

Anne Boleyn an Henry VIII. 1536

Letzte Briefe von den tragischen Tudor-Königinnen. Neu- und Erstübersetzungen.

Dieser Brief ist eine Übersetzung aus dem Frühneuenglischen. Seine Authentizität ist umstritten. Er soll von Anne Boleyn verfasst oder diktiert worden sein, der Renaissancekönigin aus dem Haus Tudor, an ihren Ehemann Henry VIII. Zwei frühe deutsche Übersetzungen waren aufzufinden:

Stockhausen, J.C.: „Johann Christoph Stockhausens Sammlung vermischter Briefe. 2“. Wien: Trattnern 1774, S. 82 - 86. Niemeyer, August Hermann: „Reise nach England. 1“. Halle; Berlin: Buchhandlung des Hallischen Waisenhauses 1820, S. 217 - 219.

Herr, das Missfallen von Euer Gnaden und meine Gefangenschaft sind so befremdliche Umstände für mich, dass ich vollständig ahnungslos bin, was ich schreiben oder wofür ich mich entschuldigen kann; wohingegen Ihr denjenigen zu mir schickt, von dem Ihr wisst, dass er mein längst erklärter Feind ist, um mir das Geständnis zu einer Wahrheit abzuringen und so Eure Gunst zu erreichen; Kaum hatte ich die Nachricht von ihm erhalten, erfasste ich Euren Sinn dahinter; und falls, wie Ihr meint, die Wahrheit zu gestehen allerdings meine Sicherheit bewirken kann, beabsichtige ich mit aller Bereitwilligkeit und Pflicht Euren Befehl zu vollziehen. Nur lasst Euer Gnaden nie in der Vorstellung verweilen, dass Eure arme Ehefrau dazu gebracht werden kann eine Schuld zu bekennen, von der nicht einmal ein Gedanke daran erfolgte. Und um die Wahrheit zu äußern, nie hatte ein Herrscher eine in ihrer Pflicht loyalere und in ihrer Zuneigung treuere Ehefrau als Ihr in Anne Boleyn gefunden habt, mit deren Namen und Stand ich mich bereitwillig begnügt hätte, wenn dies Gott und Euer Gnaden Wohlgefallen zufriedengestellt hätte. Auch habe ich mich zu keiner Zeit bisher auf meinen Aufstieg, oder die erhaltene Königinnenwürde verlassen, sondern sah mich beständig nach solchen Änderungen um, wie ich sie jetzt vorfinde; da der Grund meiner Erhebung auf keinem zuverlässigeren Fundament steht als auf dem Begehren von Euer Gnaden, wusste ich, die kleinste Änderung würde ausreichen, dieses Begehren auf eine andere Untergebene zu übertragen. Ihr habt mich von einem niedrigen Stand erwählt, um Eure Königin und Begleiterin zu sein, was meinen Verdienst und mein Verlangen weit übertraf. Wenn Ihr mich damals solcher Ehre wert befunden habt, lasst Euer Gnaden nicht aufgrund einer flüchtigen Verstimmung oder dem schlechten Rat meiner Feinde mir Eure fürstliche Gunst vorenthalten; lasst ebenso nicht diese Schande, diese unwürdige Schande eines untreuen Herzens gegenüber Euer ehrenvoll Gnaden je Eurer pflichtgetreusten Ehefrau und der Prinzessin im Kleinkindalter, Eurer Tochter, einen schrecklichen Schandfleck aufprägen: Stellt mich vor Gericht, guter König, aber lasst mich einen gerechten Prozess bekommen und nicht meine Todfeinde als meine Ankläger und Richter vorsitzen; ja, lasst mich einen öffentlichen Prozess erhalten, denn meine Wahrheit befürchtet die öffentliche Schande nicht; dann sollt Ihr erfahren, wie entweder meine Unschuld ermittelt wurde, Euer Verdacht und Gewissen beruhigt und die Niederträchtigkeit und Verleumdung dieser Welt aufgehalten, oder meine Schuld öffentlich verkündet. Sodass was auch immer Gott oder Ihr über mich bestimmt, Euer Gnaden von öffentlichem Vorwurf befreit wäre; und mein Vergehen so rechtmäßig bewiesen, dass Euer Gnaden vor Gott und den Menschen über die Freiheit verfügt nicht nur die angemessene Bestrafung an mir als widerrechtliche Ehefrau durchzuführen, sondern auch Eurer Zuneigung für jene Person zu folgen, um derentwillen ich mich jetzt in dieser Situation wiederfinde, deren Namen ich schon vor einer Weile hätte hervorheben können: Euer Gnaden entgeht mein Verdacht diesbezüglich nicht. Doch falls Ihr bereits über mich entschieden habt, sodass nicht nur mein Tod, sondern auch eine entehrende Verleumdung Euch in den Genuss Eures begehrten Glückes bringt; dann ersehne ich von Gott, dass er Eure große Sünde diesbezüglich verzeiht und genauso meinen Feinden, die die Instrumente davon sind; dass er Euch nicht zur strengen Rechenschaft wegen Eurer unfürstlichen und grausamen Behandlung von mir zieht; vor dessen breiten Richterstuhl wir beide, Ihr und ich, in Kürze erscheinen müssen und durch dessen Urteil, darüber zweifle ich nicht (was auch immer die Welt über mich denken mag), meine Unschuld öffentlich bekannt sein soll und ausreichend erwiesen. Meine letzte und einzige Bitte besteht darin, dass nur ich selbst die Last von Euer Gnaden Missfallen auferlegt bekomme und dass sie nicht die unschuldigen Seelen dieser armen Ehrenmänner berührt, die sich (wie ich gehört habe) gleichfalls um meinetwillen in enger Inhaftierung befinden. Falls mein Anblick je Gefallen in Euch entfachte; falls der Name Anne Boleyn je angenehm in Euren Ohren klang, dann gewährt mir diese Anfrage; und somit werde ich davon absehen Euer Gnaden noch weiter zu belästigen, mit meinen aufrichtigen Gebeten zur Dreieinigkeit, um Euer Gnaden in seiner guten Obhut zu bewahren und Euch bei all Eurem Handeln anzuleiten.

Eure loyalste und immer pflichttreue Ehefrau, Anne Boleyn

Von meinem trübseligen Gefängnis im Turm, an diesem 6ten Mai.

Anne Boleyn to Henry VIII. in 1536

Sir, your Grace’s displeasure, and my Imprisonment are Things so strange unto me, as what to Write, or what to Excuse, I am altogether ignorant; whereas you sent unto me (willing me to confess a Truth, and so obtain your Favour) by such a one, whom you know to be my ancient and professed Enemy; I no sooner received the Message by him, than I rightly conceived your Meaning; and if, as you say, confessing Truth indeed may procure my safety, I shall with all Willingness and Duty perform your Command.

But let not your Grace ever imagine that your poor Wife will ever be brought to acknowledge a Fault, where not so much as Thought thereof proceeded. And to speak a truth, never Prince had Wife more Loyal in all Duty, and in all true Affection, than you have found in Anne Boleyn, with which Name and Place could willingly have contented my self, as if God, and your Grace’s Pleasure had been so pleased. Neither did I at any time so far forge my self in my Exaltation, or received Queenship, but that I always looked for such an Alteration as now I find; for the ground of my preferment being on no surer Foundation than your Grace’s Fancy, the least Alteration, I knew, was fit and sufficient to draw that Fancy to some other subject.

You have chosen me, from a low Estate, to be your Queen and Companion, far beyond my Desert or Desire. If then you found me worthy of such Honour, Good your Grace, let not any light Fancy, or bad Counsel of mine Enemies, withdraw your Princely Favour from me; neither let that Stain, that unworthy Stain of a Disloyal Heart towards your good Grace, ever cast so foul a Blot on your most Dutiful Wife, and the Infant Princess your Daughter.

Try me, good King, but let me have a Lawful Trial, and let not my sworn Enemies sit as my Accusers and Judges; yes, let me receive an open Trial, for my Truth shall fear no open shame; then shall you see, either mine Innocency cleared, your Suspicion and Conscience satisfied, the Ignominy and Slander of the World stopped, or my Guilt openly declared. So that whatsoever God or you may determine of me, your Grace may be freed from an open Censure; and mine Offence being so lawfully proved, your Grace is at liberty, both before God and Man, not only to execute worthy Punishment on me as an unlawful Wife, but to follow your Affection already settled on that party, for whose sake I am now as I am, whose Name I could some good while since have pointed unto: Your Grace being not ignorant of my Suspicion therein.

But if you have already determined of me, and that not only my Death, but an Infamous Slander must bring you the enjoying of your desired Happiness; then I desire of God, that he will pardon your great Sin therein, and likewise mine Enemies, the Instruments thereof; that he will not call you to a strict Account for your unprincely and cruel usage of me, at his General Judgement-Seat, where both you and my self must shortly appear, and in whose Judgement, I doubt not, (whatsover the World may think of me) mine Innocence shall be openly known, and sufficiently cleared.

My last and only Request shall be, That my self may only bear the Burthen of your Grace’s Displeasure, and that it may not touch the Innocent Souls of those poor Gentlemen, who (as I understand) are likewise in strait Imprisonment for my sake. If ever I have found favour in your Sight; if ever the Name of Anne Boleyn hath been pleasing to your Ears, then let me obtain this Request; and I will so leave to trouble your Grace any further, with mine earnest Prayers to the Trinity to have your Grace in his good keeping, and to direct you in all your Actions.

Your most Loyal and ever Faithful Wife, Anne Bullen.

From my doleful Prison the Tower, this 6th of May.

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