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Übersetzung

das goldene Gleichgewicht

Du drehst eine Muschel in den Handflächen, kostest eine Feige, ziehst die Schuhe aus.
Aber bereits grau und träge, löscht das Meer deine Spuren im Sand,
überspült den bruchstückhaften Umkreis dieser millimeterlangen Wanderungen,
vom Zimmer zum Strand, vom Buchstaben zum Körper, von Ich zu Ich.
Von mir zu dir. Zypressen brennen in der frühen Hochsommernacht.
Der raue Schrei eines Esels zittert durch die verwirrten Sterne während die
letzten Pulsschläge des Tageslichts verebben. Du weinst an dieser ewig vertrauten Küste,
aber nicht weil die Welt sanfter oder teurer erscheinen würde, verhüllt
von einem feinen Tränentuch, sondern wegen einem Vers den dir jemand vortrug
vor einigen Jahrhunderten, und der dich endlich fand:
Lange lag ich hier vor dir und werde noch lange nach dir liegen – durch
den moosigen Samt scheint der Epitaph eines abgebrochenen Grabsteines hervor, brennt
die Epistel der Toten, das Flüstern des Steines, die Stimmen ohne Bilder.
Du bist reine Stille in dieser kürzesten der Nächte, während du nach dem
goldenen Gleichgewicht der Worte suchst, das den Himmel nicht wie ein Feuerpfeil aufreißt
und mit Logik die Geometrie des Falles übertrifft, sondern langsam ist wie eine Schildkröte,
die aus der verlorenen Erinnerung kriecht, und wie ein Traum, der aufsteigt aus dem endlosen
Ozean der Zeit, und sich still in einem verlorenen Herzen zusammenrollt.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Astrid Nischkauer

zlatni presjek

U dlanovima prevrćeš školјku, kušaš smokvu, izuvaš se.
Ali već sivo, čamotno more briše tvoje tragove po pijesku,
spira izlomlјenu kružnicu tih milimetarskih lutanja, od
sobe do plaže, od pisma do tijela, od sebe do sebe. Od mene
do tebe. Čempresi izgaraju u predvečerje Ivanjske noći.
Bolni magareći rev potresa zamućene zvijezde, dok zamiru
poslјednji damari svjetlosti. Plačeš na ovoj toliko poznatoj
obali, ali ne zato što svijet možda izgleda mekši i prisniji
obložen finom opnom suza, već zbog jednog stiha kojim ti se neko
obratio prije nekoliko stolјeća i koji te danas konačno pronašao:
Davno ti sam legao i dugo ti mi je ležati – kroz baršun mahovine
prosijava epitaf sa okrnjenog stećka, plamti poslanica mrtvih,
šapat iz kamena, glasovi bez slika. Čista si nepomičnost, ove
prekratke noći, dok tragaš za zlatnim presjekom riječi koje neće
poput zapalјene strijele zaparati tamno nebo, logikom nadigravši
geometriju pada, nego korakom kornjače domiliti iz zaborava,
iz sna, izroniti iz beskrajnog okeana vremena, i
tiho se sklupčati u nečijem umornom srcu.

Alen Bešić, Original: Serbisch, aus „Golo srce“ (bloßes Herz)

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