Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Übersetzung

ein Mittag

Du bist vorsichtig mit wem du über dich selbst sprichst
und wer dich beobachtet. Weil mit jedem Wort, das
zu anderen gelangt, weniger von dir bleibt. Du bemerkst wie,
in der Dunkelheit kalter Kammern, die Buchstaben der vergessenen
Chronik sich häuten. Du vergräbst Fotos wie exotische Pflanzensamen,
wartest geduldig darauf, dass sie aus dem Herbarium sprießen.
Sterbensallein trinkst du ein erfrischendes Glas Riesling und
denkst daran, wie wirkliche Poesie zweifellos in Einfachheit steckt
an die du nicht heran kommst: im bedeutsamen Stück unseres täglichen Brotes
auf dem Tisch, der bezaubernden Einfachheit einer Olivenschüssel,
der unbestreitbaren Wärme einer Steinbank auf die du
deine Hand legst. Plötzlich – Mittag. Und, ja, wie kannst du das Auge
seiner reinen Verkündigung nicht beneiden, auf dem grenzenlos blauen Himmel,
das die Umrisse des Glockenturmes hervorhebt, in dem die Stille sich sammelt?
Das Auffliegen der Tauben wie ein schwarzes Sternbild in einer wilden Helix
verschwindet aus dem Blickfeld, Bewusstsein, Erinnern. Und ein silberner
Ballon, losgelassen aus Angst, schwebt die Seelenqual der Echos hinab.
Stimmlos erzittert der Schatten der Uhr der Sonne.

Übersetzung aus dem Englischen: Astrid Nischkauer

podne

Paziš kome se pričaš i ko te svjedoči. Jer, sa
svakom riječju što promine u druge manje te
ima. Slutiš kako se, u tami hladnih odaja, lјušte
slova zaboravlјenog lјetopisa. Pohranjuješ slike
kao sjeme egzotičnog bilјa, čekajući strplјivo  
iz herbarijuma da prolista. Utvarno sam, ispijaš
orošenu čašu rizlinga, i pomišlјaš da prava poezija
vjerovatno prebiva u jednostavnosti koju nikako da
dosegneš: u nasušnoj očiglednosti kriške hlјeba na stolu,
očaravajućoj običnosti zdjele maslina, neporecivoj toplini
kamene klupe na koju polažeš dlan. Odjednom –
podne. I zaista, kako ne zavidjeti oku na čistoj
blagovijesti, na plavetnilu što rezbari konture zvonika
u kom se opet sabira tišina? Jato golubova poput
crnog sazviježđa u divlјoj spirali odmiče van
pogleda, svijesti, pamćenja. I jedan se srebrni balon,
ispušten od straha, otiskuje niz agoniju odjeka.
Bezglasna, podrhtava sjenka sunčanog sata.

Alen Bešić, Original: Serbisch, aus „Golo srce“ (bloßes Herz)

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