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Übersetzung

Vierter Monat, Tag 10

In der Wüste sah ich, wie du dich von meinem Körper löstest
und mit den blauen Nomaden fortgingst.
Ich wartete unter den Dattelpalmen.
Deine Rückkehr sollte mit der der Vögel und des Regens erfolgen.
Doch dann erschien der Milan, um mir die Gewissheit deines Abschieds zu
überbringen.
Ich zerstörte die Sphinxfiguren aus Luftziegeln, die teilnahmslos über die
Dinge und die Menschen hinwegblickten.
Dem Habicht riss ich die Federn aus und warf seinen Körper auf den
Scheiterhaufen.
Aber nichts stieg aus seiner Asche auf.
Es folgten die Fesseln, die Spinnweben und die Knebel am Abend.
Ich ließ mich abführen. Redete unterwürfig und lauschte  den Gleichnissen der
alten Männer.
Aber sie alle entdeckten mein Täuschungsmanöver und ließen mich in diesem
Labyrinth zurück. Wo ich allem entsagen muss.
Und jeden Morgen schaue ich auf den Lichtschein, der die Zwischenräume der
Tür durchdringt.
Ob du es bist, der kommt, um mich zu befreien.

Gefangen im Labyrinth des Lebens

Die beiden ausgewählte Gedicht der 1948 in Teneriffa geborenen kanarischen Dichterin Cecilia Domínguez Luis stammen aus dem Zyklus "Cuaderno del orate" / „Notizbuch des Wahnsinns “ mit dem Untertitel "cuatro meses y un día" / „Vier Monate und ein Tag“ und thematisieren ein wiederkehrendes Leitmotiv der Autorin:  das, aus der griechischen Mythologie bekannte Labyrinth, als den magischen  Aufenthaltsort des menschenvertilgenden  Minotaurus, den Kampf um ein Entkommen und den Fluchtversuch des geflügelten Ikarus aus diesem Gefängnis.

Auch der Protagonist dieses Gedichtezyklus  befindet sich  in einer ähnlichen Situation. Er ist  in ein, wie immer geartetes,  Gefängnis abgeführt und allein gelassen worden.

Alle  restlichen 121 Gedichte  könnten ebenso wie diese beiden Beipiele als Kerben, als kurze tägliche Notizen, an einer imaginären Gefängniswand zu verstehen sein. Im Gesamtzusammenhang  geht man als Leser sicher nicht fehl, dieses Gefängnis mit einem Irrgarten des Lebens gleichzusetzen, der den Protagonisten, das lyrische Ich dieser Gedichte, verschluckt hat.  Das Verschwinden im "Labyrinth" liegt über vierzig Jahre  - unter dem politischen Einfluss der Francozeit bzw.  dem der Zeit des " Übergangs"-  zurück, und fand in einer psychiatrischen Klinik statt.  Nicht in allen Gedichten ist das politische Element in der Leidensgeschichte des Protagonisten zu finden, auch sind die  interpretatorischen  Möglichkeiten der lyrischen Notizblätter so  vielseitig, versteckt in mehr oder weniger rätselhaften Metaphern und  in wunderbar sprachgewaltigen Bildern;  jedoch die Zeitumstände sind latent präsent, erkennbar vor allem, wenn man die Narben, die der zurückliegende Bürgerkrieg hinterlassen hat, zu deuten weiß.

Das Trauma, das in jedem einzelnen der 123 Gedichte auf ganz unterschiedliche Weise thematisiert wird, kann als ein persönliches (Leid, Verlust, Schuld) interpretiert werden, aber auch als ein gesellschaftliches, religiöses oder politisches (Unterdrückung, Bedrohung, Gewalt). Es findet in jedem der Gedichte seinen ganz individuellen Ausdruck und muss immer wieder von Neuem definiert werden, damit der Leser am Ende, wie nach einer langen Therapie, zusammen  mit  dem Protagonisten den Ausgang des Labyrinths  erreicht.

Cuarto mes, día 10

En el desierto vi cómo te desprendías de mi cuerpo y te ibas
con los nómadas azules.
Yo esperé bajo las támaras.
Tu vuelta sería en el regreso de las aves y la lluvia,
mas llegó el milano a dejarme la certeza de tu adiós.
Entonces destruí las esfinges de adobe que miraban más allá
de las cosas y de los hombres,
arranqué las plumas del azor y arrojé su cuerpo a la hoguera,
pero nada surgió de sus cenizas.
Llegaron los hierros, las telas de araña y la mordaza para las tardes.
Me dejé conducir, con sumisas prédicas y escuché las parábolas de los ancianos,
pero todos descubrieron mi engaño y me dejaron en este laberinto, donde nada me sacia.
Y cada mañana miro el punto de luz que traspasa los
intersticios de la puerta,
por si eres tú quien viene a rescatarme.

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