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Übersetzung

Vierter Monat, Tag 25

Wenn es noch nicht zu spät  ist, zeige ich dir den Weg aus dem Labyrinth heraus.
Vor einiger Zeit waren Korridore, Kräuterorakel und hermaphroditische Wolken mein tägliches Brot.
Kein Gott hat sich eingemischt, und ich konnte die Aufenthaltsorte des Minotaurus und der Tiefseefische durchqueren.
Ich habe eine neue Sterbeart für die Akazien erdacht:
Man muss sie den Schweigsamen zur Nahrung darbieten, um so den Angriffen der Sonne trotzen zu können.
Jetzt sehe ich Hahnenkämme, die sich über den Hügeln erheben.
Lass uns noch nicht aufbrechen, lass uns warten!
Nur der Tag weiß von ertrunkenen Jugendlichen und von Städten, so wie Inseln.

 

Gefangen im Labyrinth des Lebens

Die  beiden ausgewählten Gedichte der 1948 in Teneriffa geborenen kanarischen Dichterin Cecilia Domínguez Luis stammen aus dem Zyklus "Cuaderno del orate" / „Notizbuch des Wahnsinns “ mit dem Untertitel "cuatro meses y un día" / „Vier Monate und ein Tag“ und thematisieren ein wiederkehrendes Leitmotiv der Autorin:  das, aus der griechischen Mythologie bekannte Labyrinth, als den magischen  Aufenthaltsort des menschenvertilgenden  Minotaurus, den Kampf um ein Entkommen und den Fluchtversuch des geflügelten Ikarus aus diesem Gefängnis.

Auch der Protagonist dieses Gedichtezyklus  befindet sich  in einer ähnlichen Situation. Er ist  in ein, wie immer geartetes,  Gefängnis abgeführt und allein gelassen worden.

Alle  restlichen 121 Gedichte  könnten ebenso wie diese beiden Beipiele als Kerben, als kurze tägliche Notizen, an einer imaginären Gefängniswand zu verstehen sein. Im Gesamtzusammenhang  geht man als Leser sicher nicht fehl, dieses Gefängnis mit einem Irrgarten des Lebens gleichzusetzen, der den Protagonisten, das lyrische Ich dieser Gedichte, verschluckt hat.  Das Verschwinden im "Labyrinth" liegt über vierzig Jahre  - unter dem politischen Einfluss der Francozeit bzw.  dem der Zeit des " Übergangs"-  zurück, und fand in einer psychiatrischen Klinik statt.  Nicht in allen Gedichten ist das politische Element in der Leidensgeschichte des Protagonisten zu finden, auch sind die  interpretatorischen  Möglichkeiten der lyrischen Notizblätter so  vielseitig, versteckt in mehr oder weniger rätselhaften Metaphern und  in wunderbar sprachgewaltigen Bildern;  jedoch die Zeitumstände sind latent präsent, erkennbar vor allem, wenn man die Narben, die der zurückliegende Bürgerkrieg hinterlassen hat, zu deuten weiß.

Das Trauma, das in jedem einzelnen der 123 Gedichte auf ganz unterschiedliche Weise thematisiert wird, kann als ein persönliches (Leid, Verlust, Schuld) interpretiert werden, aber auch als ein gesellschaftliches, religiöses oder politisches (Unterdrückung, Bedrohung, Gewalt). Es findet in jedem der Gedichte seinen ganz individuellen Ausdruck und muss immer wieder von Neuem definiert werden, damit der Leser am Ende, wie nach einer langen Therapie, zusammen  mit  dem Protagonisten den Ausgang des Labyrinths  erreicht.

Cuarto mes, día 25

Si no es tarde aún, te enseñaré a salir del laberinto.
Hace tiempo me alimenté de corredores,
de oráculos de hierba y hermafroditas nubes.
Ningún dios intervino, y pude pasearme
por las estancias de los minotauros y de los peces abisales.
Inventé una nueva forma de morir para las acacias:
servir de alimento a los taciturnos, desafiando así los ataques del sol.
 Ahora veo las crestas de los gallos alzarse sobre la colina.
No salgamos. Espera.
El día sólo sabe de jóvenes ahogados  y de ciudades como islas.

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