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Übersetzung

Der große Künstler überdenkt das homerische Gleichnis

Er schaut sich die letzte Metapher nochmals an,
und sein Blickfeld ändert sich; sein Blick nimmt
schwach die Unordnung auf dem Schreibtisch wahr und dann
den verschwommenen Garten, seine Ordnung, seine Aufteilung:
kahle Bäume, ein mit Blättern bestreuter Weg,
eine ferne, am Gartentor lümmelnde Gestalt –
Licht erfüllt die Fensterscheibe mit glänzenden
Diamanten aus Tau – er seufzt und lässt den Füllhalter fallen.
Wie wenn ein Kriminalpolizist im Frühling eine Hippie-
frau im Rausch zusammengekauert in ihrer Wohnung am Ende
der Straße der Trostlosigkeit vorgefunden und
sie aufgrund von gefälschten Beweisen eingelocht hat, wonach
bald ihr Kerl, ohne Geschenk von seiner Runde zurück,
die Wohnung leer und ohne Freundin vorfindet;
das lässt ihn ausflippen, er hält wie erstarrt inne und
umkreist dann mit kurzen, unruhigen Schritten den Häuserblock,
mit unterdrücktem Stöhnen ständig ihren Namen wiederholend;
aber sie liegt mit einer Überdosis auf dem Boden einer Zelle,
ein Haufen bunter Lumpen – nie mehr werden
Discospiegel ihr vorüberschwebendes Bild
einfangen, nie mehr wird das Badezimmer von ihren Entzugs-
schreien widerhallen – wie nun dieser arme Süchtige
sich voller Furcht versteckt hält, bis die Gefahr vorbei ist,
und nichts von seinem Verlust weiß, so brütete Matthew Arnold
über seinen sich ihm versagenden Gleichnissen. Die Tasse Tee
wurde kalt, während er auf die Herbstblätter hinaus-
starrte; eine Luftveränderung hätte er brauchen können,
ein paar Tage Entspannung in Dover oder Torquay ...
und während er grübelte, drehte ihm der Nichtstuer
am Tor – die Zukunft – den Rücken zu und ging von dannen.

Anmerkung: Matthew Arnold, englischer Dichter und Kritiker, 1822-1888.

The Great Artist Reconsiders the Homeric Simile

He looks back over the last metaphor
and his eyes shift their focus, his gaze weakly
taking in the litter on the desk and then
the blurred garden, its order and composition:
bare trees, a path strewn with leaves,
a distant figure dawdling at the gate –
light dazzles the window-pane with brilliant
diamonds of dew – he sighs, and drops his pen.
As when a detective in the spring has found
a junk-struck hippy crouching in her pad
at the dead end of Desolation Alley, and
has faked the evidence and booked her, soon
her man returning giftless from his rounds
sees the flat empty and his girl-friend gone;
at that he freaks out, and checks his stride
and with short uneasy steps circles the block,
with smothered groans repeating her name;
but she lies on the cell floor, overdosed,
a heap of bright rags – never again
will those disco mirrors catch her image
floating by, nor the bathroom echo her
withdrawal screams – as that poor addict
hides in horror till the heat cools off,
nor knows his loss, so Matthew Arnold brooded
on his failing similes. His cup of tea
grew cold as he stared out at the Autumn
leaves; a change of air was what he needed,
a holiday at Dover, or Torquay...
And as he mused, the lounger at the gate –
the Future – turned his back, and walked away.

Aus: John Tranter, Late Night Radio, Polygon, Edinburgh, 1998.

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