Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Übersetzung

Joan Jukes‘ short story On the Floor

Joan Jukes‘ short story On the Floor erschien erstmals 1935 in der Zeitschrift New Stories, dann in der Anthologie Best Short Stories des selben Jahres. Drei Jahre später schließlich wurde sie noch einmal abgedruckt in Penguins zweitem Band der Selected Modern Short Stories.

Über die Autorin, ihren Namen und biografische Daten gibt es keine gesicherten Auskünfte. Der Betreiber der Neglected Books Page hat dem Text einen Artikel gewidmet mit dem Titel "On the Floor" and the Mystery of Joan Jukes. Ein interessierter Leser namens Bill Lloyd hat Mutmaßungen bezüglich der Identität der Autorin angestellt. Danach habe sie in den dreißiger Jahren Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien publiziert und stamme aus Dorset, vermutlich 1876 als Joan Godwin, ___STEADY_PAYWALL___geborene Nightingale, zur Welt gekommen. Jukes sei der Geburtsname ihrer Mutter gewesen.

Ungeachtet dieser Rätselhaftigkeit dürfte die short story, die ich hier ins Deutsche übertragen habe, ein frühes, wenn nicht das erste bekannte Zeugnis einer körperbehinderten Erzählerin der Literaturgeschichte ablegen.

(Klaus Bonn)

 

Am Boden

Doch beim Öffnen der Tür stelle ich fest, dass jemand meinen Stuhl verstellt hat. Blitzartig trifft mich unbändige Wut, dann bin ich wieder ruhig. Ich drücke fest die Klinke, mal mit der einen, mal der anderen Hand, drehe meinen linken Fuß herum, halte die Tür mit meiner linken Hand und versuche so, hinein zu schleichen. Ich gerate ins Rutschen, und die Tür schürft mir den Rücken auf. Wie ermüdend, wenn ich hier so tatenlos eingesperrt werde! Ja, ich gehe, nach unten, komme herunter (denn Liebe ist des Tales, du mögest herunter kommen und sie finden), lass dich gehen, langsam fallen, sanft wie eine Schneeflocke --. So! Hat mich jemand gehört? Lausche einen Moment lang. Nein. Ich habe wieder Glück gehabt. Die Tür kratzt an meinem Rücken, drück' sie weg! Ich sitze auf meinem rechten Fuß, und es schmerzt. Ich muss Abhilfe schaffen, sie von mir drücken, fest drücken! So! Jetzt fühle ich mich wohl. Kann ich die Tür schließen und mich mit dem Rücken zur Wand setzen? Ja. Jemand könnte in fünf Minuten vorbeikommen (oder vielleicht in anderthalb Stunden). Was kann ich machen? Nichts. Wie kann ich mich unterhalten? Ich muss über die Veränderlichkeit menschlicher Angelegenheiten nachdenken.

Vor fünf Minuten ging ich aus dem Arbeitszimmer, um einen Brief aus dem Esszimmer zu holen (nicht mit einem Hauch von Stolz oder Arroganz, denn das ist nicht meine Gangart, aber doch in der Hoffnung auf das Beste. Ein Brief ist so leicht zu tragen. Ich kann ihn unter meine Schulterriemen oder meinen Kragen stecken). Doch jemand hatte den Stuhl verstellt, den ich nun rechts auf drei Beinen stabilisiere, und so war alles vergebens. Die Zeit, die zu kurz war für mein Vorhaben, wird langsam vergehen, während ich unbequem und ungeduldig auf dem Boden sitze. (Aber wenigstens ist es Sommer geworden. Ich werde nicht frieren).

Es ist unmöglich, auf dem Boden herum zu kriechen und mir das lesenswerteste Buch von der an der besten zugänglichen Reihe des nächsten Bücherregals zu greifen, denn ich bin ja im Esszimmer. Da gibt es keine Bücherregale, keine Reihen und keine Bücher. Also gibt es nichts für mich zu tun. Ich kann dann nach Belieben jedem Gedanken nachhängen, so lange ich hier bleiben muss.

Was habe ich letzte Nacht geträumt? Es war etwas Lachhaftes. - Ich erinnere mich, dass ich lachte, als ich aufwachte. Ja genau, ich ging eine Treppe hoch. Ging einfach nach oben, als müsste ich nur mit dem Finger schnippen. Ich wusste, irgendetwas stimmte nicht, selbst während ich schlief. 'Das bin nicht ich'. Es ist seltsam, dass ich jetzt solche Träume habe. Letzte Nacht dachte ich, dass ich einen Faden in eine Nadel einfädelte. In meiner linken Hand hielt ich sie oben ganz fest und führte den Faden mit meiner freien Rechten wie beiläufig geradewegs hindurch. Fädele noch ein Dutzend ein, während du wartest! Vor ein paar Jahren waren meine Träume von solcher Art. Tagsüber kroch ich herum, aber nachts war ich lebhaft und tüchtig. Meine Träume hinkten der Wahrheit hinterher. Aber mittlerweile haben sie ihre Prise Salz aufs Ende einer schwachen Wirklichkeit geträufelt, und ich bin nachts so hilflos wie bei Tage. Sie überkamen mich erst langsam, aber jetzt haben sie es geschafft. Sie haben es übertrieben. Eines Nachts führten mich meine Träume mehr als zwanzig Jahre zurück in die Vergangenheit. Ich war wieder Kind. Es war das Weihnachtsfest. Wir alle hatten unsere weißen Kleider an, und einige von uns hatten rosa Schärpen umgelegt. (Ich hatte keine Schärpe, aber ich trug eine blaue Schleife im Haar). Wir waren bereit, den Haymaker1 zu tanzen, standen ordentlich aufgereiht, hüpften vor Aufregung und warteten auf den Einsatz des Klaviers. Ich war nicht die Erste, einige der großen Mädchen hatten sich vor mir hinein gezwängt, aber ich stand ziemlich am Anfang, so dass ich nur kurze Zeit warten müsste, und dann wäre ich an der Reihe, zur Mitte zu springen, im Trippelschritt zu drehen und wieder zurück zu tanzen. Ich konnte es kaum aushalten, bis die Musik anfangen sollte --

„Every night when I get home,
The monkey‘s on the table“2

Plötzlich tauchte Mutter hinter mir auf und versuchte mich zur Seite zu ziehen, um mit mir zu sprechen. Ich wollte nicht ohne handfesten Grund gehen. "Du solltest das besser nicht versuchen, meine Liebe", sagte sie. Ich war überrascht und empört. "Warum nicht?", fragte ich, "warum nicht?" Sie versuchte mich ohne Erklärung fortzuführen, aber ich war stur, ich wollte es nicht hinnehmen, bestimmt nicht! Ich zuckte mit den Achseln und blieb störrisch. "Warum nicht?", fragte ich beharrlich, verärgert in dem sicheren Gespür, dass sie selbst kein Wort hervorbringen könnte. Doch ihr Gesicht wirkte traurig. "Du würdest die anderen aufhalten, meine Liebe", sagte sie leise. Es schnürte mir die Kehle zu vor Wut -- was sollte das? Fragen schwirrten in meinem Kopf herum wie Bienen im Stock. Sie zurückhalten! Was sollte das alles? Halte ich Leute zurück oder nicht? Ich versuchte mich zu erinnern. Alles war durcheinander. "Halte ich Leute zurück?", so dass ich aufwachte und mich erinnerte, dass ich zu diesem Schlag Mensch gehöre. Ich halte Leute immer zurück. Aber was sollte dieser ganze Unsinn beim Haymaker? Was hatte das damit zu tun? Rein gar nichts.

Denn ungefähr bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr war ich mehr oder weniger wie jede andere. Ich lebte ein unauffälliges Leben. Es passierte nicht viel. Ich war unbedeutend und gewöhnlich, bloß eine weitere von diesen stumpfsinnigen Nachbarinnen um mich herum. Dann veränderten sich die Dinge allmählich, und jetzt sieht alles ganz anders aus. Jeder beachtet mich. Ich bin eine Sensation. In jedem Verein oder in jedem Haus bin ich die wichtigste Person, genauso wie früher Dr. Johnson, und niemand missgönnt mir meinen Ehrenplatz.

All meine Freunde würden jetzt schleunigst vorbeikommen, wenn sie wüssten, dass ich hier bin. Wenn ich beim Hinfallen viel Lärm mache, dann ist das Haus sofort in Aufruhr. Türen werden in alle Richtungen aufgerissen, um Leute über Gänge oder die Treppen hinunter springen zu lassen an die Stelle, wo ich bin. Alle rufen sich zu, um zu erfahren, was denn diesmal mit mir passiert sei. "Wo ist sie? Wer ist bei ihr? Ich dachte, sie wäre bei Ihnen!", schreien sie sich im Vorbeihuschen vorwurfsvoll an. Jemand springt schamlos aus dem Badezimmer und verlangt nach einer Rückversicherung, während er sich kräftig mit dem Handtuch abreibt. Es jagt jedem einen heftigen Schreck ein, nur mir nicht, und der ganze nachfolgende Abend ist bedrückend. Ich aber kenne nur einen Moment des Schreckens, bis ich entdecke, dass ich eine einigermaßen sichere Stelle für meine unfreiwillige Landung habe.

Und jetzt hege ich kein großes Verlangen danach, die ganze Nacht hier zu bleiben. Ich möchte gern schreien, damit jemand kommt, mich mitnimmt und dahin bringt, wo es etwas zu tun gibt. Aber sobald man meine Stimme hört, kommt bestimmt Unruhe auf, und heute Nacht sind Besucher im Haus. Sie würden sich voller Entsetzen, mit bleichen Gesichtern gegenseitig anstarren, wenn ihre Gastgeberin aus dem Zimmer eilte. Sie würden nach Hause gehen und ihren Freunden von der furchtbaren Sache erzählen, die geschehen war, während sie in unserem Haus weilten, obgleich doch nichts passiert ist, überhaupt nichts, außer dass ich hier auf dem Fußboden des Esszimmers sitze, die Zeit davonschleicht und ich absolut nichts zu tun habe. Bei einer Gelegenheit wie dieser habe ich manchmal versucht, mit einer unmissverständlich fröhlichen Stimme um Hilfe zu singen, um jeden sogleich wissen zu lassen, dass ich unbeschwert und sorglos bin, weder ein Auge verloren noch ein Bein gebrochen habe, doch dieser Versuch ist nie erfolgreich gewesen, weil mein lustiges Hallo wie ein Schrei unerträglichen Leidens durch verschlossene Türen dringt. Das lange schon Befürchtete ist eingetreten, denken sie, ihre schlimmsten Befürchtungen sind Wirklichkeit geworden, und das wilde Chaos ist schlimmer denn je.

Sie wissen, dass ich mich nie verletze, so oft ich auch falle, wenigstens nicht so arg, also was ist das für ein lächerlicher Aufstand! Als ich die ersten Male hinfiel, waren meine Strümpfe immer zerrissen und meine Kniee aufgeschürft, oder es gab Schnittwunden. Aber jetzt verletze ich mich nicht mehr. Ich bin eine Akrobatin in allem, wenn man von einer Widerstandskraft und Geschicklichkeit einmal absieht. Ich führe ein geborgenes Leben. (Aber vor einem offenen Feuer ist meine Geborgenheit kraftlos. Das muss ich zugeben).

Sehr wahrscheinlich wird bald jemand vorbeikommen und sagen: "Hallo, alles in Ordnung? Schon lange da? Ich hole deinen Stuhl." Dann soll ich herein geschnippt und weggerollt werden. So etwas in der Art wird gleich passieren.

Ich frage mich, wie lange es her ist, dass ich einen Stern sah? Ich weiß es nicht. Es muss fast zehn Jahre her sein, als ich einen Berg hinauf stieg. Von Balerno aus kreuzten wir eines Tages die Pentlands3 und wanderten durch das dunkle Tal der Elefanten, bis wir den Berg über Pennycuik erreichten. Es war kalt, windig und regnete heftig. Im Schutz des Berges stiegen wir langsam nach oben, und als wir die Spitze erreichten, kam uns ein kräftiger Schwall aus Wind und Regen entgegen, verpasste unseren Gesichtern einen stechenden Schmerz, nahm uns den Atem und zwang uns dazu, uns umzudrehen. Wir sahen einander an und lachten. Allen Widrigkeiten zum Trotz machten wir uns bereit, hinunter zu kraxeln. Als ich zurückkam, weigerte sich meine Wirtin, meine Schuhe sauber zu machen. Niemand macht jetzt meine Schuhe sauber. Es gibt keinen Bedarf. Sie sind nie schmutzig.

Ich werde wohl niemals mehr da hoch klettern, nie mehr. Aber ich will auch nicht. Wie ich auf dem Fußboden des Esszimmers sitze, ohne dass mir etwas groß Schwierigkeiten bereiten würde (abgesehen davon, dass ich hier nichts zu tun habe; dabei gibt es viele Dinge, die ich tun möchte; das Leben ist so kurz, und natürlich muss ich meine Beine in Bewegung halten, wenn die Arterien verengt sind, und manchmal zucken sie, und ein Krampf durchfährt sie, so dass der Knopf an meinem Schuh schmerzvoll in meinen Fuß gedrückt wird), wie ich hier so ruhig sitze, kann ich nicht glauben, dass Berge zu besteigen jemals irgendjemandem Freude bereitet hat. Wenn ich nur daran denke, dreht sich mir alles im Kopf, und meine Beine tun weh.

Und sowieso war ich schon damals wackelig auf den Beinen. Das Leben war oft verwirrend und nicht so angenehm. Daran kann ich mich erinnern.

Da gab es diese überraschende Nacht, als ein gutgläubiger Bursche mich zu meiner Unterkunft begleitete und beunruhigt war, dass er mich, die er in Sicherheit wähnte, auf einmal stützen musste, in der Annahme, dass die Vorsehung mich befähigt hätte, für mich selbst zu sorgen. Oder er mag seinem ritterlichen Impuls Zügel angelegt haben. Während er sich trübsinnig fragte, ob meine Absichten ehrenhaft seien, oder etwa nicht, gewährte er mir jede Unterstützung, die unter solchen Umständen nötig schien.

Es war natürlich die Dunkelheit, die mich taumeln und nach Halt greifen ließ. Aber ich war blöd. Ich verstand es nicht. Von da an hatte ich Angst, nachts spazieren zu gehen. Ich wusste, dass ich alles andere als standfest war. Und doch war ich in jener Nacht überrascht, als ich angsterfüllt durch einige stille dunkle Straßen zog. Ich torkelte quer über eine schummrige Allee und stürzte mich auf ein Geländer, das robust genug war, um mich daran festzuklammern. Doch ich staunte, als ich eine Dame sagen hörte, ich sei noch ein so junges Mädchen und ein widerwärtiger Anblick, denn das war das erste Mal, dass es passierte. Aber es war nicht von Belang. Ich hatte ein robustes Geländer, um mich festzuhalten, und ich hielt mich daran fest. Und selbst wenn ich mich davon entfernt hätte und in einer Rage der Selbstrechtfertigung herüber getaumelt wäre, um ihr zu versichern (indem ich sie fest bei den Schultern gepackt hätte, um mich aufrecht zu halten), dass ich feierlich schwören könnte, nie auch nur einen Tropfen anzurühren, hätte sie mir wohl nicht geglaubt. Mein Benehmen wäre ihr vermutlich nicht als schlüssiger Beweis meiner Nüchternheit vorgekommen. Doch wie oft ist mir so etwas passiert! Es war nur das erste Mal, dass es mir besonders auffiel. Ich erinnere mich, dass ich zu jener Zeit in Paris den Bahnhof wechseln musste. Ich bat meinen Gepäckträger darum, ein Taxi zu rufen. Er sagte, es sei die Mühe nicht wert. Ich fügte mich. Ich nahm seinen Rat an. Ich schwankte in die Dunkelheit hinein und blieb ihm so auf den Fersen. Es fühlte sich an, wie wenn man auf dem Meeresgrund spazieren geht. Die Lichter von Paris tanzten Walzer und schwammen jenseits der Brücke ineinander. Auch die Brücke geriet ins Schwimmen. Mein Träger drehte sich ab und an um und betrachtete mit Interesse meinen Fortschritt. Ich glaube, er dachte, es hätte alles in Allem doch die Mühe wert sein können.

Damals war alles unsicher und verwirrend, aber es ist amüsant, heute darauf zurückzublicken. Ich kann hier sitzen und schmunzeln (bewege dabei mein linkes über mein rechtes Bein, wenn meine Position mich zu sehr ermüdet), wenn ich mich an jenen erstaunlichen Samstagmorgen erinnere. Ich ging auf der Princes Street4 hinaus zum Spazieren und ließ mich im Strom der Bummler treiben, die immer noch so frohgemut und elegant waren wie vor über hundert Jahren, als Thomas Carlyle sich müßig von der gemeinen Menge treiben ließ. Ich hatte das so oft gemacht. Es war so angenehm. Beim Register House stieß ich auf die Promenade -- das war die Stelle, an der sich Carlyle nach Christopher North5 umdrehte, der mit strammem Schritt vorüber eilte -- und ich ging sorglos und zuversichtlich weiter, freute mich, da unter all den Leuten zu sein, die so viel aufgeweckter und besser waren als ich selbst. Auf einmal sprang Jenners Schaufenster mich an. Mir stockte der Atem und ich blieb eine Weile ruhig stehen, während es wieder langsam an seinen Platz zurück schwenkte. "Ich muss aufpassen", sagte ich zu mir selber und ging mit einem beklemmenden Gefühl weiter. Doch die Fenster wurden kühner. Sie lehnten sich bedrohlich auf mich und zuckten dann zurück. Sie traten ganz dicht vor meine Nase und luden mich ein, durch sie hindurch zu gehen. Menschen bedrängten mich, und ich musste aus dem Weg gehen, aber wohin sollte ich gehen? Es gab keinen Ausweg, es sei denn, ich würde in die Schaufensterauslage eines Schuhgeschäfts stürzen, das plötzlich vor meinen Augen schlingerte. Dann zog es sich wieder zurück, und ich konnte mich durch die Enge zwischen den Leuten, die mir zu Leibe rückten, und dem Glas hindurch schlängeln, das, wenn ich mich nicht vorsah, nach vorne taumeln und um mich herum in tausend Stücke zerspringen würde. Ich muss also standfest bleiben. Ich muss weiter geradeaus gehen, hellwach bleiben und auf die winzigen Lücken achten, die ich betreten kann, dachte ich, als ich mich hindurch fädelte und an Mcvitties Imbiss-Eck dachte, dass es dort Stühle gäbe, jede Menge von Stühlen, alle frei, einer würde genügen, ich würde mich auf einen setzen, den nächstbesten. Ich hatte es fast geschafft. Ich war fast da. Keiner der Schaufenster-Gucker hatte mich zu Fall gebracht. Ich war den mörderischen Angriffen jener Spiegelglasscheiben entkommen. Doch sieh an, da hob sich aus den Formen und Gesichtern, die vor meinen glasigen und geblendeten Augen tänzelten, die Gestalt eines Mannes ab, eines Mannes, den ich kannte, eines äußerst angenehmen Mannes. Er trat hervor, um mich anzusprechen. Was konnte einem Mädchen Besseres widerfahren? Wenn alles in Ordnung gewesen wäre, hätte der Anblick mich erfreuen müssen, doch konnte ich jetzt nicht stehen bleiben. Mit unerbittlicher Zielstrebigkeit drängte ich nach vorne, dachte an die unbesetzten Stühle in Mcvitties Imbiss-Eck, die auf mich warteten, und über kurz oder lang würde ich einen besetzen. Ich muss stetig und entschieden die Stufe hoch nehmen und weiter meinen Weg durchs volle Geschäft bahnen -- mich durch niemanden aufhalten lassen. Denn er hatte ganz selbstverständlich und unschuldsvoll gedacht, dass er gerne etwas verweilt und ein paar Minuten mit mir geplaudert hätte, aber er verstand nicht. Wenn er begriffen hätte, dass ich nicht hatte stehen bleiben können, dass ich entweder ins Fenster hinter mir hätte fallen oder ihm vornüber in den Bauch stoßen müssen oder ihn auf die eine oder andere Weise in eine peinliche Lage gebracht hätte, in die er besser nicht geraten wäre, dann wäre er auch nicht so erpicht darauf gewesen, mich anzusprechen. Er hätte einen sicheren Abstand gewahrt, wenn er gewusst hätte, in welcher Gefahr ich schwebte. Ich schleppte mich ernsthaft mit schweren und breiten Schritten voran und kam am Imbiss-Eck an. Da war ein leerer Stuhl. Ich erreichte ihn. Ich setzte mich auf ihn nieder. "Meine Tante", sagte ich (oder irgendeinen sanften Schwur, den ich damals in Gebrauch hatte).

Mein Körper schien seinen eigenen Kopf zu haben. Er war nicht länger vertrauenswürdig. Doch eine Zeit lang wollte ich diesen Sachverhalt nicht wahrhaben und erteilte Befehle, die missachtet wurden. Ich kam mir ungemein blöd vor. Manchmal fiel ich hin. Ich konnte es mir nicht erklären. Jeder schaute überrascht drein, aber nicht mehr als ich glaubte. Ich ging fortan nervös und mit Rechtfertigungen durchs Leben. Ich erinnere mich, dass ich mit dem Kopf an einen Laternenpfahl stieß. Ich hoffte, dass niemand meiner Freunde es bemerkt hatte. Ich nahm so lebhaft am Gespräch teil, wie ich nur konnte bei dem Gefühl, dass der Stoß mir das Auge zudrückte.

Nie mehr muss ich so etwas durchstehen. So denke ich, während ich unbeholfen, aber ruhig hier auf dem harten Boden sitze, mich an die Wand lehne und darauf warte, dass jemand kommt, um mir aufzuhelfen. Ich ziehe mein rechtes Knie mit beiden Händen an und drücke es mit all meiner Kraft über das linke in dem Gedanken, dass, dem Himmel sei Dank, dergleichen endgültig vorbei ist. Nie mehr muss ich es durchstehen.

Danach waren die Dinge nämlich einfacher. Man stellte fest, dass ein normales Verhalten bei mir nicht zu erwarten war. Mein Leiden wurde erkannt. Mediziner steckten ihre Köpfe zusammen und brachten das passende Etikett an. Sie testeten und punktierten mich und prüften, welche Tricks mir gelangen und welche nicht. Ich denke ungern daran, wie bekümmert und wie begierig ich war, dass sie herausfinden sollten, was nicht stimmte und es schnell wieder einrenkten. Es ist besser, so zu sein, wie ich jetzt bin, denke ich, wenn das Schlimmste, was ein Arzt über mich sagen könnte, mir hoffentlich nicht mehr abnötigen würde als ein Wimpernzucken. Aber damals war ich ungebildet. Ich beobachtete sie ernsthaft und sorgenvoll. Manchmal bemerkte ich, dass der eine oder andere hoch erfreut war. Ich dachte, ich sei schon so gut wie geheilt. Aber das war ein Fehler. Später fand ich heraus, dass ein unerwarteter Freudenschein im Auge eines Mediziners -- selbst bei einem sehr netten Mediziner -- nicht notwendigerweise darauf hindeutet, dass jemandes Aussichten strahlend schön sind, dass er dabei ist, eine Beschwörungsformel zu äußern, einige magische Handbewegungen vollführt und einen eine halbe Stunde später kerngesund nach Hause schickt. Nichts dergleichen! Es heißt nur, dass man irgendwie -- man versteht das selbst überhaupt nicht -- auf verblüffende Weise seine vorläufige Diagnose bestätigt hat. Und die vorläufige Diagnose? Das ist eine ganz andere Geschichte.

Sie gingen sehr gut mit mir um. Sie bagatellisierten meine Angelegenheit nicht. Ich galt als ein zweiter Barbellion6. Sie hatten mich nicht zum Narren gehalten. Ich denke ungern an meine Betroffenheit, wenn ein Arzt sich wortgewandt auf meine Paralyse bezog -- auch Barbellion mochte das Wort nicht -- oder auf die mögliche Auswirkung auf meinen Verstand, oder an meine Verbitterung, wenn ich spürte, dass ich anstatt erwachsen und meine eigene Herrin zu sein, wahrscheinlich bis zum Ende meiner Tage unter einer Pflegeschaft leben sollte. Ich mag daran nicht denken. Und doch bin ich jetzt nicht mehr so verletzlich.

Weisheit und Verzicht hatte ich mir auferlegt. Ich sollte sogar zufrieden sein damit, hier zu sitzen und nichts zu tun zu haben, wenn nur der Boden nicht so hart wäre und ich nach dem Kissen da langen könnte. -- Es geht! Ich kann mich zum Kamin hin winden, das Kissen mit der Zange herziehen, und dann kann ich liegen und meinen Kopf darauf ruhen lassen. -- Gut, das habe ich erledigt. Ich bin genauso hilflos wie ein Kind, ohne seine Anmut oder sein Versprechen, aber ich verfüge über eine bessere Einsicht -- so denke ich selbstgefällig -- in Bezug auf meine physischen Kräfte. Und ich bin zurückhaltender. Ich brülle nicht und schreie nicht, bis man sich um mich kümmert. Ich liege ruhig da mit meinem Kopf auf dem Kissen, das mir meine eigene Findigkeit beschafft hat und erinnere mich an all das, was mit mir geschehen ist.

Ich kann mich entsinnen, wie ich durch den Park lief, um meine Freunde zu treffen. Ich kann mich jetzt selbst sehen, wie ich aufbreche. Ich gehe vorsichtig durch die Eingangspforte hinaus und bleibe stehen, halte meinen Kopf still, denn ein Zucken würde mich durcheinander bringen, während ich Ausschau halte und sehe, dass es keine Autos oder Fahrräder gibt, die sich in dieser ruhigen Straße fortbewegen  (aber natürlich gibt es keine -- wie könnte es welche geben?) Dann muss ich vom Bordstein herunter, und da ich gelernt habe, wie ich das mit meinen neuen Behinderungen bewerkstellige, ist es jetzt ziemlich einfach. Ich setze meinen Stock fest auf die Fahrbahn und stütze etwas von meinem Gewicht darauf ab. Ich halte meine Augen ganz weit offen, sodass ich alles sehe und nichts betrachte und übertrage langsam meine Füße vom Bordstein auf den Fahrdamm. Unterdessen zittern die Häuser leicht, aber die Zuckung schwindet bis auf einen kleinen regelmäßigen Ruck bei jedem Schritt, als ich auf ebener Erde weiter gehe. Der Weg zu den Parktoren ist ruhig und sicher. Der Fußpfad ist nicht unterbrochen oder unregelmäßig. Zu meiner Rechten gibt es ein Geländer, und in meiner Linken halte ich einen Stock. Es kann nichts passieren, es sei denn, ich bin unvorsichtig und betrachte etwas zu genau, ohne mich daran zu erinnern, dass mein Gleichgewicht von meinen Augen abhängt. Da steht jemand auf der anderen Straßenseite und schaut mich an. Ich könnte stehen bleiben, mich an meinem Geländer festhalten und hinüber starren, mein Gesicht zu einer Art Grimasse verziehen, wenn ich glaube, dass ich ein Lächeln sehen kann, aber ich ziehe es vor, geradeaus zu gehen. Es kann niemand sein, der mich kennt, weil jeder, der mich kennt, die Straße überqueren würde, um mich anzusprechen. Es ist jemand, der mich nie zuvor gesehen hat und die äußerst eigenwillige Art bewundert, wie ich mit meinen Beinen umgehe, so zwangsläufig wie jeder, der das sieht. Also taumele ich weiter. Doch als ich die Parktore erreicht habe, ist die Welt schon nicht mehr so ein guter Ort wie noch fünf Minuten zuvor. Der Himmel hat sich verfinstert. Die Vögel singen nicht, oder wenn sie es tun, wünschte ich, sie würden aufhören. Ich habe mein Geländer verlassen und gehe über den Asphaltweg, doch der ist widerspenstig. Er klappt sich vor meiner Schuhspitze auf. Ich muss meinen Fuß hochheben und dann nach unten drücken. Im Park gibt es Sitzplätze. Ich würde gerne auf einem Platz nehmen, bis der Grund leiser und sich nicht weiter hochwuchten und mich nach vorne werfen würde, aber wegen der Dummheit oder Boshaftigkeit der Mitglieder des Stadtrats -- ich wünschte sie alle mausetot am Boden -- sind die hölzernen Sitze an den Wegen nicht befestigt worden. Ich müsste einen Streifen von uneben struppigem Gras überwinden, um zu ihnen zu gelangen, und sechs Yards ungleichmäßigen Grundes sind für mich siebzig Meilen zu Fuß. Da drüben ist ein Sitz, der sich jenseits meines eingeschränkten Gesichtsfelds auf und nieder bewegt. Wenn ich ihn bloß sicher erreichen und mich hinsetzen könnte, hätte ich keine Schwierigkeiten mehr. Ich würde nie wieder aufstehen. Ich würde meine Augen schließen und an nichts denken. Und wenn es regnete, was würde das schon ausmachen? Es würde bedeuten, dass ich keine Wahl hätte. Ich müsste ruhig sitzen bleiben. Denn wenn ich während des Regens zu gehen versuchte, würde mein Stock auf der nassen Oberfläche ins Rutschen geraten, und der Regen würde mir in die Augen rinnen und mich blenden. Früher oder später würde ich stürzen. Also würde ich still auf dem hölzernen Platz sitzen bleiben, bei Regen oder bei Sonnenschein, wenn ich nur hin käme, aber ich schaffe es nicht. Ich muss weiter über diese Berg-und-Tal-Bahn gehen und versuchen, sie unten zu halten, sie dazu zwingen, dass sie ruhig und flach unter meinen Schritten bleibt, und dass wegen der boshaften Tricks dieser Bande elender Schurken vom Stadtrat, die lebensuntüchtig sind, aber nicht schlimmer -- langsam, langsam! Da, wo sich die Erde zu neigen beginnt. Bloß nicht auf die Nase fallen! -- Auf jeden Fall nicht schlimmer als all die anderen Menschen auf der Welt, die schnell herumlaufen, um jemanden, wenn möglich, umzurennen. -- Alle, das heißt, ausgenommen die Leute, die ich besuche und die einen stabilen Sessel in ihrem Flur nahe der Eingangstür stehen haben. Es gibt reichlich stabile Leisten und Türklinken für mich, um mich gut festzuhalten, und nichts Schreckliches haftet an ihrem Haus. Sie haben keine blank geputzten Böden mit unbegehbaren Fellteppichen, auf denen sich meine Füße verheddern und wegrutschen. Sie haben keine Glasschränke oder Porzellanvasen, Schalen oder Gipsabdrücke. Es liegt nichts herum, was ich zertrümmern könnte. Ich muss mich ihrem gläsernen Bücherschrank nicht nähern. Ich muss gerade diesen einen Schritt nach oben tun, um mich am Gitter festzuhalten, und dann binnen kurzem, binnen Kurzem -- öffnet sie die Tür, um mir herein zu helfen. Sie hat mich kommen sehen. Gleich werde ich mich hinsetzen. Aber sie ist so langsam, sie ist so blöd, sie nimmt meine Hand und sagt belanglose Dinge über meine Gesundheit und das Wetter, anstatt weiter mit mir zum Stuhl zu gehen. Lass mich weiter in den Flur drängen. Da! Jetzt sehe ich, was los ist! Mein Gesicht ist heiß, aber es wird wieder rot vor Wut. -- Kein Wunder, dass sie beschämt war! -- Sie haben mich betrogen und in die Irre geführt! Sie haben den Stuhl weggerückt! Ich muss mich geradewegs ins Arbeitszimmer machen. Ich kann niemandem mehr trauen. Sie hält mich sogar noch länger auf, indem sie vorgibt, mir dabei zu helfen, mich von meinen Sachen zu befreien. Aber ich dränge an ihr vorbei. Ich bin wie Prousts Großmutter auf den Champs-Élysées. Es kümmert mich nicht, ob ich meinen Hut trage oder nicht, ob er gerade oder schief sitzt. Es tut nichts zur Sache. Ich muss das Treppengeländer erreichen, und dann ins Arbeitszimmer. Habe ich Freude daran gehabt, durch den Park zu gehen? Unsinn. Ich will mich nur hinsetzen und meine Augen schließen, ohne hinzufallen und meine Füße und Beine ausruhen. Da! Ich wusste es! Er ist aus dem Arbeitszimmer herausgekommen! Er steht absichtlich an der Tür, um mich aufzuhalten und sagt, wie sehr es ihn freue, mich zu sehen -- hämischer, rachsüchtiger Heuchler! Bittet mich zu seinem Haus und steht da, redet über Tulpen im Park und lässt es nicht zu, dass ich mich hinsetze! Wenn ich ihn nur niederstrecken, zerschmettern könnte! Halte dich fern, wenn dir dein Leben lieb ist! Himmel, ich verwandle ihn in einen Geist, der mich Abstand halten lässt, Abstand! Der himmlische Segen sei mit ihm! Er hat mir zu einem Stuhl geholfen. Ein Wohlgefühl und Leichtigkeit durchströmen meine Beine. In mein Herz kehren Frieden und Wohlwollen ein. Ja, legt ruhig Hüte und Schals oder Ähnliches ab, soviel ihr wollt und könnt, das beunruhigt mich nicht.

Ich muss nie wieder nach draußen spazieren gehen. Mit diesem mühsamen und gefährlichen Geschäft ist es aus und vorbei. Ich kann das jetzt alles vergessen. Aber ich wünschte, jemand käme vorbei. Ich habe ein Kissen, aber es ist unerträglich langweilig, nichts zu tun. Ich muss etwas tun. Wenn es etwas in Reichweite gäbe, würde ich es zerbrechen oder auf den Boden werfen, aber da ist nichts. Ich kann nichts machen.

Was ist mit dem Wörterbuch? Ein kleines Wörterbuch liegt auf der Anrichte. Ich hatte es vergessen. Ich könnte mich zum Schürhaken hin winden, um dann das Wörterbuch von der Anrichte herunter zu stoßen. (Wie ausdrücklich und bewundernswert in Gestaltung und Fortbewegung!) Aber es ist wirklich nicht die Mühe wert. Ich könnte mir die Kleider ruinieren. Zudem ist ein Wörterbuch wie ein kleines Kind. Selbst bei einem ganz kleinen ist die Handhabung misslich.

Und doch könnte ich das machen, wenn ich wollte. Ich beruhige meine steifen Kniee und sinne darüber nach, dass ich hier träge herumliege, was mir nicht aufgezwungen ist, sondern willentlich geschieht. Ich könnte das machen, denke ich selbstzufrieden, und zwar mit Leichtigkeit.

Es ist wunderbar, was wir tun können. Ich kannte einmal eine Frau im Krankenhaus, die wie Barbellion und ich mit Zetteln versehen war. Wir sagten "Hallo, Zwillinge" und verglichen unsere Stichpunkte. Ihre Beine waren fast nicht zu gebrauchen, aber sie sagte, sie sei eine gute Köchin. "Und wie --?" fragte ich. Sie wälzte sich auf dem Boden herum - wir können nicht robben, denn unser Kniesehnenreflex ist zu heftig - und beförderte, was sie brauchte, vom Schrank zum Herd. Ihre kleine Tochter half ihr, aber sie wurde bald fünf und würde zur Schule gehen. Was sollte dann werden?

Während sie mir erzählte, wie sie auf dem Boden sitzen und Pfannen mit kochendem Wasser vom Herd heben konnte, lachte sie, bis sie heulte. Auch ich lachte. Wir lachten beide. Ich glaube, die Ärzte stufen unser Lachen als symptomatisch ein, aber ich denke, wir haben hinter die Kulissen des Lebens geblickt und können jetzt auch die lustige Seite sehen. Der gewöhnliche Mensch nimmt sich ziemlich ernst und vergisst, wie lächerlich er in seinem grotesken Körper wirkt. Jede mechanische Vorrichtung ermuntert ihn dazu, ihre kümmerliche Absurdität zu verleugnen. Er ist eingelullt in ein pathetisches Wohlbehagen, weil Wasserhähne, Schalter und Türklinken immer genau da sind, wo er sie erreichen kann. Er läuft herum wie ein Gott. Bei uns ist das aber anders. Wir vergessen anscheinend nie, dass wir einen sperrigen und launischen Gefährten haben. Unsere Köpfe arbeiten anders als die anderer Leute. Kann ich zu diesem Konzert gehen? (Derlei Fragen stellen wir uns). Warum nicht? Jeder wird mir behilflich sein, um dorthin zu gelangen. Ich muss nur ruhig sitzen bleiben. Ja, aber - mal angenommen, mein Fuß würde mitten im Adagio rasch zu klopfen beginnen. Wenn alle sich zu mir umdrehen, ein böses Gesicht machen und "Psst!" sagen würden. Und angenommen, es würde nicht aufhören. Dann wiederum wünschte ich, diese Dame sollte mir nicht so nahe kommen. Ich weiß nicht, ob ich ihr vielleicht einen Tritt verpassen würde, jedenfalls könnte ich das nicht ausschließen. Wir haben ständig solche Gedanken. Und dann tut es mir sehr Leid, mein Herr, dass mein Fuß Ihren Durchgang versperrt, und ich tue alles, was in meiner Macht steht, um ihn zurückzuziehen, aber ich rate Ihnen, auf Ihre eigenen Bemühungen zu setzen und sich nicht auf mich zu verlassen. Schubsen Sie ihn aus dem Weg. Gerade so wie eine Mutter, die sehr wohl weiß, wie ungezogen ihre Kinder sind und sie angst- und sorgenvoll ins Gebet nimmt. Es ist eine aberwitzige Situation. Wir können nur noch lachen. Wir haben in den sauren Apfel des Lachens gebissen.

Als ich zum ersten Mal hinfiel, und das auch noch so plötzlich und unerwartet durch einen Zusammenbruch, da dachte ich zuerst an meine Augen, denn Braille wäre schwierig für meine starren Finger. Und so überrascht es mich nicht, dass John Milton den Verlust seines Augenlichts keineswegs zum Lachen fand. Doch mein Zwilling lachte laut auf, als sie mir erzählte, wie sie das Kochen bewerkstelligte. Sie brüllte vor Lachen. Die anderen Patienten ermahnten sie, aufzuhören.

Jetzt, da ich darauf zurückblicke, leuchtet mir ein, dass sie einen Stuhl hätte haben sollen wie den, den ich für Drinnen benutze. Nur ein leichtes Ziehen, und er bewegt sich, wohin immer man will, gleitet wundersam über die Böden und kurvt um die Ecken. Aber neulich ließ er mich im Stich, und das wäre für sie heikel, wenn sie allein wäre. Ich zog ihn mit einem Ruck. Er kippte um und warf mich in den Kohlekasten. Doch erneut war mir das Glück hold. Ich trug gerade ein ärmelloses Kleid, und als meine Arme und mein Gesicht mit dem Schwamm abgewaschen waren, war ich wieder sauber. Der Überdruss, mich umzuziehen, war nicht nötig.

Ich bewege mich jetzt in einem Rollstuhl fort. Ich vermag den meisten Erschütterungen, denen das Fleisch unterliegt, zu trotzen. Ich bin gelassen und heiter. In bequemem Schritttempo komme ich ohne jede Anstrengung vom Fleck, ohne irgendwelche ängstlichen Berechnungen über das nächste Geländer, ob es meinem Gewicht standhalten würde, und Probleme des Verkehrs betreffen niemanden weniger als mich. Vieles hängt natürlich - ungern muss ich mich an diese Kehrseite meines Rollstuhls erinnern - von der Diskretion des Fahrers ab. Einmal hatte ich ein Mädchen, das mich fuhr. Sie war lebhaft und kräftig. Sie stürmte mit mir auf harmlose Fußgänger los, und bevor ich mich entschuldigen konnte, wurde ich fortgetragen, fuchtelte in meinem hilflosen Bestreben zu kommunizieren mit den Händen, bis ich feststellte, dass ich dem nächsten Opfer in die Beine gekniffen hatte. Dann zog mich eine Dame ziemlich bedenkenlos nach hinten, ganz ohne Absicht in eine Metzgerei hinein. Der Geruch von Blut nahm mir den Atem. Ich war umgeben von Schlachtkörpern. Ich gab dem Metzger die Hand und tauschte Höflichkeiten mit ihm aus, aber nur sehr kurz, denn was eine Frau im Rollstuhl an Bemerkungen von sich gibt, ist einerlei. Jeder schenkt ihr seine Aufmerksamkeit, aber niemand erwartet eine Gegenleistung. Ich nuschelte etwas in mein Taschentuch. Er dachte, ich sei schwachsinnig. Ganz gleich, was ich gesagt hätte, an seinem Gedanken hätte das nichts geändert.

An einem anderen Tag gingen alle zum Ende eines seltsamen, abschüssigen Gartens herunter, um Tomaten zu kaufen. Sie parkten mich oben an einer schönen Stelle, wo es jede Menge Sträucher und Blumen gab, die einen süßen Duft verströmten. Aber als ich mich umdrehte, war da ein Bienenstock an meinem Ellbogen! Überall schwärmten die Bienen um mich herum. Das gefiel weder ihnen noch mir. Ich konnte aber nichts dagegen machen. Sie genauso wenig, und ich hoffte, sie würden diese Tatsache ruhig hinnehmen, und sie taten es! Wir kamen darin überein, uns zu tolerieren, und es dauerte nicht lange, bis man mich fortkarrte.

Mich schaudert noch immer, wenn ich an eines meiner Erlebnisse denke. Ich saß in meinem Stuhl unweit eines Zeitungsstands an den Bahngleisen und schaute meinen Freunden zu, wie sie ihren ermüdenden Pflichten nachgingen, von denen ich glücklicherweise befreit bin. Ich dachte, ich wäre in Sicherheit, aber auf einmal löste sich der Stuhl aus seiner Verankerung, wir hüpften nach vorne und steuerten mit voller Wucht auf das Bahngleis und den herannahenden Zug zu. Unter den wünschenswerten plötzlichen Todesarten, die mir durch den Kopf gegangen waren, zählte das Aufeinandertreffen meines Stuhls mit einem Zug nicht zu den Favoriten. Ich hielt meinen Atem an, halb weinte ich und wich zurück. Würde mich jemand aufhalten? Ich flog immer schneller, war verzweifelt. Ich sah meine Freunde kommen, aber womöglich nicht rechtzeitig. Sie schlenderten unbekümmert herum. Ich war fast über die Kante. - Auf einmal drehte ich mich und rollte parallel zur Bahnlinie dahin. Natürlich trieb mich jemand an. Wie blöd war ich doch gewesen! Aber wer um Himmels Willen? Ich wendete mich um. Es war ein Gepäckträger. Er war angewiesen worden, das Gepäck aufzusammeln und dabei weder mich noch die Koffer außer Acht zu lassen. In einem Rollstuhl werde ich als Persönlichkeit überhaupt nicht ernst genommen.

Die meiste Zeit über bin ich sogar unsichtbar. Mir wäre das vielleicht nicht aufgefallen, wenn ich nicht über Stevenson gelesen hätte. Frauen schauten ihn immer an, sagt er, und ich glaube das gerne, solange er nicht einen schäbigen Anzug trug und es unterließ, sich zu rasieren. Dann nämlich sahen sie ihn nicht. Er hatte ihre Blicke nicht bemerkt, bis sie sich allesamt mit einem Mal verweigerten. Er hatte daraufhin festgestellt, dass er "für das wohlgeordnete weibliche Auge unsichtbar" geworden war7. Da ich völlig außer Stande war, zu entscheiden, ob denn irgendein Auge, das je auf mich gerichtet war, wohlgeordnet sei oder nicht, so stellte ich gleichwohl fest, dass, unterwegs im Rollstuhl, mir etwas in der Art zugestoßen war. Während ich wie meine Nachbarn herumspazierte, war ich wie sie daran gewöhnt, von einem flüchtig Vorübergehenden angeschaut zu werden, bevor er sich entschloss, dass er in Sachen Anmut und Schönheit sich anderweitig umschauen müsste. Aber jetzt schaut mich niemand an, denn ich habe Farnsamen bekommen.8 Nur für die Alten und Gebrechlichen bin ich sichtbar.

Aber nein, nicht immer. Manchmal nimmt mich ein missmutig dreinblickender Fremder wahr und bringt ein Opfer seiner besten Gartenblüten. Für die spektakuläre Rolle der geduldig Leidenden bin ich meiner Ansicht nach wohl nie geschaffen worden, und nach Jahren der Praxis spiele ich sie immer noch schlecht, doch meine Mitspieler richten sich so schnell ein, dass sich meine eigene stümperhafte Aufführung noch einigermaßen erträglich ausnimmt.

Ich bin behindert. Ich kann nicht gehen. Ich habe keine anderen Eigenschaften. Leute sprechen von mir nie als von "einer solchen Person, die auf die eine oder andere Art abhängig ist", sondern sie sagen: "Diese kleine Behinderte, du musst gesehen haben, wie sie in ihrem Stuhl vorbei gerollt ist". Die Antwort ist: "Oh ja, ich habe mich oft gefragt, wer sie denn ist".

Wie lange habe ich gebraucht - ich bewege meine Beine und reibe meinen linken Arm - wie lange hat es gedauert, bis ich herausfand, dass ein lebender Feigling besser ist als ein toter Held? Offen gestanden bin ich nie ein Held gewesen, aber was soll's? Ein Kaninchen kann genauso gut tot sein. Denn auch wenn es ein großes Durcheinander und viel Gedöns gibt, wo immer ich auftrete, so bin ich doch jetzt überhaupt nicht von Belang.

Ich habe keine nennenswerten Feinde. Als ich noch gehen konnte, gab es eine Menge Leute, die es keinerlei Überwindung kostete, mit mir zusammen zu sein. Doch sobald ich offenkundig erledigt war, entfernten sich all meine Feinde. Sie huschten schleunigst fort, wie die Ratten vom sinkenden Schiff. Einmal sah ich eine von ihnen. Wir waren zusammen auf der Schule gewesen. Sie hatte einen ziemlichen Hass auf mich. Niemand konnte mich so abkanzeln wie sie. Es ist öde, ständig von liebender Güte umgarnt und niemals von einer steifen Brise der Gegensätze erfrischt zu werden. Als ich sie dann sah und meine Nase, wie ich glaubte, einen willkommenen Hauch der Feindseligkeit spürte, war ich froh und humpelte hoffnungsvoll auf sie zu. Es war aber nutzlos. Als sie sich umdrehte und mich ansah, wurden ihre Gesichtszüge weicher und ihre Augen feucht vor Mitleid. "Es hat mir schrecklich leidgetan zu hören -- ", fing sie an. "Et tu, Brute."9 Ich humpelte enttäuscht von dannen. Meine Feinde, diese gemeinen Abtrünnigen, haben mich hängen lassen.

Aber ich selbst werde gütiger. Wer bin ich denn, um so streng über die Schwächen meiner Mitmenschen zu urteilen? Meine eigenen Laster - auch wenn sie genau beschrieben sind - werden nie als solche bezeichnet. Eitelkeit und Unverfrorenheit werden jetzt gnädigerweise zugestanden, und keine meiner Sünden wird mir je zur Last gelegt. Zuwendung und Nachsicht sind mein täglich Brot geworden. So liege ich hier im Halbschlaf. Der harte Boden scheuert meine Knochen, und ich ärgere mich über niemanden - abgesehen von denen, die mich zum Aufstehen zwingen oder meine Schuhe außer Reichweite schubsen oder so tun, als würden sie mir helfen und mich in meinen Arm kneifen. Und manche Leute zerren an mir herum, tun mir weh und richten mich übel zu, wenn ich hingefallen bin, und zu ihrer Entschuldigung sagen sie dann, sie würden mir helfen, wieder hoch zu kommen.

Ich hasse diese Leute. Aber gerade jetzt hat das keine Gültigkeit. Ich wünschte nur, jemand käme vorbei und würde mich auflesen. Ich bin es so leid, hier zu liegen.

 

  • 1. Irischer Volkstanz
  • 2. Zeilen aus dem englischen Kinderreim „Pop! Goes the Weasel“.
  • 3. Eine Hügelkette in Schottland
  • 4. Die Hauptgeschäftsstraße in Edinburgh
  • 5. Gemeint ist der schottische Schriftsteller, Kritiker und Autor John Wilson (1785-1854), der unter dem Pseudonym ‚Christopher North‘ mit dem Blackwood‘s Magazine in Verbindung gebracht wird.
  • 6. Wilhelm Nero Pilate Barbellion (1889-1919) war ein englischer Diarist, dem beim Eignungstest, als Soldat in der britischen Armee im 1. Weltkrieg zu kämpfen, die Diagnose „Multiple Sklerose“ gestellt wurde, mit dem Vermerk, er habe weniger als fünf Jahre zu leben.
  • 7. Das Zitat stammt aus Robert Louis Sevensons Reise-Memoiren The Amateur Emigrant, die von seiner Reise 1879-80 von Schottland nach Kalifornien berichten.
  • 8. Eine Anspielung auf Shakespeare, Henry IV, wo der Räuber Gadshill einen Diebstahl plant und ausruft: „We have the recipe of fern-seed, we walk invisible.“ Farnsamen galt im Mittelalter als unsichtbar, daher der Glaube, dass derjenige, der den Samen fand, selber unsichtbar werden könnte.
  • 9. Zitat aus Shakespeares Julius Caesar

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge