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The Ghetto, and other Poems [7]

Die Kante

Ich dachte, ich stürbe jene Nacht in der Einsamkeit, wo sie mich niemals
                                                                                                                 finden würden …
Aber es war noch Zeit …
Und ich lag ruhig auf den angezogenen Knien des Berges
Und starrte in den Abgrund …
Ich weiß nicht wie lange …
Ich konnte die Stunden nicht zählen, sie verrannen so schnell
Wie kleine barfüßige Schmuddelkinder – sie schüttelten meine Hände ab …
Aber ich erinnere mich,
Irgendwo tröpfelte Wasser wie aus einer durchtrennten Vene …
Und ein Wind erhob sich aus dem Gras,
Berührte mich sanft, zaghaft, wie ein Pfötchen.

Als die Nacht hereinbrach,
Löste sich die graue Wolke, die den Himmel wie ein Bußkleid bedeckt hielt,
In aschgraue Falten auf über den Hügeln,
Wie Jungfrauen mit Hauben, die ihre Mäntel enger ziehen …
Da muss ein Mond abgebrannt sein,
Denn der Schleier des Großen hielt einen Silberschimmer zurück …

Auch daran erinnere ich mich …
Und an den sich wiegenden Berg
Stille
Und pochende Sterne …

Die Morgendämmerung
Lag wie eine wächserne Hand auf der Welt,
Und entfaltete Hügel
Brachen aus in ein jähes Wunder von Gipfeln, klar und kalt in die Höhe gereckt,
Bis der Große aufblühte gleich einer Lilie,
Sonnengesprenkelt,
Fein wie goldener Blütenstaub –
Es schien, als könnte ein Wind ihn vom Schnee her wehen.

Ich roch das raue süße Wesen der Dinge
Und hörte die Spinnen in den Gräsern
Und das Ticken kleiner Füße,
Als winzige Kreaturen aus ihren Gängen kamen
Um zu sehen, wie Gott Licht in seinen Stern träufelte …

… Es schien das Leben
Keine Zukunft und keine Vergangenheit bereit zu halten außer dieser …

Und auch ich erhob mich steif von der Erde,
Und hielt mein Herz in die Höhe wie einen Kelch …

The Edge

I thought to die that night in the solitude where they would never find me...
But there was time...
And I lay quietly on the drawn knees of the mountain,
staring into the abyss...
I do not know how long...
I could not count the hours, they ran so fast
Like little bare-foot urchins - shaking my hands away...
But I remember
Somewhere water trickled like a thin severed vein...
And a wind came out of the grass,
Touching me gently, tentatively, like a paw.

As the night grew
The gray cloud that had covered the sky like sackcloth
Fell in ashen folds about the hills,
Like hooded virgins, pulling their cloaks about them...
There must have been a spent moon,
For the Tall One's veil held a shimmer of silver...

That too I remember...
And the tenderly rocking mountain
Silence
And beating stars...

Dawn
Lay like a waxen hand upon the world,
And folded hills
Broke into a sudden wonder of peaks, stemming clear and cold,
Till the Tall One bloomed like a lily,
Flecked with sun,
Fine as a golden pollen -
It seemed a wind might blow it from the snow.

I smelled the raw sweet essences of things,
And heard spiders in the leaves
And ticking of little feet,
As tiny creatures came out of their doors
To see God pouring light into his star...

... It seemed life held
No future and no past but this...

And I too got up stiffly from the earth,
And held my heart up like a cup…

 

Aus: Lola Ridge: The Ghetto, and Other Poems. Huebsch, 1918

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