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Übersetzung

Der Weltentänzer

aus dem Englischen ins Deutsche von Ute Eisinger

Sobald dein Tanz einsetzt
Blutet die Erde
Erzittert Wald
Stocken die sieben Weltmeere
Der Breitengrad
zieht sich schrittweise zurück
ein, zwei bis sieben

Die Ganges, Narmada, Kaveri
erschwellen zu Donner
Zeit übertritt Küste
Gift dringt vor
an die Körperumrisse.

Jahre gewartet
auf einen Augenblick Tanz
Hinter der Leinwand
Unter der Erde
jedenfalls in einer finstern
abgründigen Geografie

Der Tanz erreicht den Höhepunkt
wenn staubt und dämmert
der Tod.

Im versengenden Sonnenlicht
treibt ein letztes
Blattringeln aus
als ein noch reiner
Schlummer im Mutterschoß
lächelt.

Du tanzt den Himmel
und den Nadir
immer noch stärker
als den Tandava
Kala, Kali, Shava, Shiva.
Fächern die Köpfe
über deiner Gestalt,
nackt, Glied erigiert,
entfesselt fliegen Strähnen
schleudert der Schurz.

Sobald dein Tanz einsetzt
Singt wer die Flut?
Wer schlägt die Trommel des Todes?

Nadir - Unterwelt, die im Tanz mit Ober- und unserer Harmonie findet
Kala - die Zeit
Kali - Göttin der Ewigkeit
Shava - Leichnam
Shiva - Weltentänzer
Tandava - Shiva-Tanz

The Cosmic Tänzer

When you commence dancing
The earth bleeds
Woods shake
The seven seas are aghast
The latitude
retraces its steps
one by one to seven

The Ganges, Narmada, Kaveri
become vociferous
Time crosses the shore
Emitted poison
fills the body contours.

Years of waiting
for a moment of dance
Behind the screen
Beneath the earth
or in some dark
abyss of geography

The dance culminates
in the twilight dust
of Death.

Under the scorching Sun,
an ulitmately tender
leaf spouts
when an innocent
smile sleeps in
its mother's lap.

You dance the sky
and the nadir
Still more vigorous
than the tandava
Kala, Kali, Shava, Shiva.
Several heads all over
your body,
Naked, penis erectus
unleashed matted locks,
flinging the loin cloth.

When you commence dancing
Who sings the songs of deluge?
Who beats the drum of death?

Orissi (Odissi) nennt sich der traditionelle kultische Tanz des indischen Bundesstaats Orissa. Orissi ist ein Solotanz und einer der sieben klassisch indischen Tanztechniken. Er hat seinen Ursprung im Tempelwesen, so wie das europäische Theater ursprünglich aus Umzügen zu Ehren der Götter hervorgegangen ist. Dazwischen hat es Zeiten gegeben, wo der tiefere Zusammenhang mit dem Wertesystem und religiösen Vorstellungen auf Kosten der Unterhaltung ganz in Vergessenheit geraten ist.

Orissi wurde im Mittelalter in den Tempeln getanzt. Darstellungen der künstlerisch sehr elaborierten Technik datieren aber schon auf vorchristliche Jahrhunderte. So zeigen die aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert stammenden Reliefs im Höhlenkloster Udayagiri bei Bhubaneswar Orissi-Tänzerinnen mit Musikanten. Auf allen mittelalterlichen orissischen Tempeln (vom 7. Jht. an) schmücken von Tänzern und Tänzerinnen dargestellte Götter und Göttergeschichten die Wände.

Aus der mittelalterlichen Klosterliteratur, die in dem tropischen Bundesstaat am Indischen Ozean auf Palmblätter geschrieben wurde, ist eine große Zahl Tanzlehrbücher erhalten. Jede Pose hatte ihre Bedeutung und musste exakt einstudiert sein, bevor Tänzermädchen, die Mahari, im Umkreis des Jagannatha-Tempels von Puri oder Gotipua-Solotanzknaben sie bei Gottesdiensten vor den Fürsten aufführten. Ihre Hand- und Fingerhaltungen etwa sprechen eine Sprache, mit er sich ganze Epen erzählen lassen. Man kannt dergleichen besser aus Java. In der Tat gibt es Verbindungen: An der bengalischen Küste des heutigen Orissa bestand im Altertum das unter König Asoka zum Buddhismus bekehrte Reich Kalinga. Man pflegte regen Handel mit Bali. Damals gelangte der Buddhismus mit den kalingischen Händlern vom indischen Festland auf die asiatischen Inseln. Die Stoffmuster von Seidensari und Sarong zeugen ebenso davon wie die Tanzstile. Die eindrucksvolle Shanti-Stupa von Dhauli wurde 1971 von einem modernen japanischen Architekten zum Dank für diesen Religions-Export errichtet.

Neben den hinduistischen Tempeltänzen gab es in Orissa, der Heimat des Reiskorns, lat. Oryza, immer die Gruppentänze der Eingebore­nen (Adivasi, an denen das waldreiche Orissa reich ist) und die Kriegertänze an den Höfen, Chau genannt.

Neben den in den Klöstern erzogenen Tanzmädchen gab es auch die, die bei Festen und am Hof zur Unterhaltung getanzt haben, darunter Dari genannte Prostituierte und als Mädchen verkleideten Tanzknaben. Diese haben ursprünglich bei religiösen Anlässen wie Vishnu-Kulten getanzt, zu denen keinen Frauen zugelassen waren – wie auch im japanischen Kabuki-Theater und im englischen Renaissance-Theater Frauen nur in Form verkleideter Männer auftraten. In der entgegengesetzten Ecke des indischen Subkontinents führen Tanzknaben heute ein elendes Dasein als Kinderprostituierte, als Bacha bazi in Afghanistan und Pakistan. In Orissa dagegen hat sich aus dem Knabentanz ein Akrobatik-Stil entwickelt, für den es auch heute wieder eine Schule gibt.

Im Lauf der Jahrhunderte bis zur britischen Verwaltung hat ein Verfall des Orissi zugunsten gefälliger Unterhaltung stattgefunden, dessen aktuelle Stufe wohl die postkoloniale Bollywoodisierung ganz Indiens ist.

Umso beachtlicher ist, dass es der Leidenschaft einiger orissischer TänzerInnen gelungen ist, die alte, von europäischen Einflüssen wenig angefochtene traditionelle Form des Orissi wiederzubeleben. Mithilfe von Künstlern, Historikern und Kunstwissenschaftlern hat man nach der Unabhängigkeit (1947) Instrumentalisierung und Notation, Kostümierung und Bewegungsabläufe des klassischen Orissi anhand von Tanzbüchern und -darstellungen rekonstruiert. Der Hinduismus, der sich eher als Mythologismus denn als Religion beschreiben lässt, liefert die Geschichten, die in den spezifisch orissischen Interpretationen getanzt wurden. Etwa das Gitagovinda, ein Werk des Dichters Jayadeva in 12 Gesängen aus dem 12. Jht., das die Göttin Radha über ihren Gottgefährten Krishna (=Govinda) stellt. Das Buch gilt als Höhepunkt der Sankrit-Dichtung und Radha darin als Proto-Feministin.

Heute ist der Tanzstil weit über die Grenzen des indischen Subkontinents bekannt. 2015 hat eine Schau asiatischer Tänze auf dem Impulstanz-Festival in Wien die ganze Vielfalt eigenständiger Traditionen vorgeführt, in der witzigen Performance Softmaschine von Choy Ka Fei. Sie war einerseits eine Ausstellung mit Interviews bedeutender Choreografen und Tanzlehrender, andererseits eine Art getanztes Kabarett der kulturellen Missverständnisse. Choy Ka Fai ist Singalese, d.h. er vertritt eine Mischkultur. Das gilt auch für einen anderen bedeutenden zeitgenössischen Tanzkünstler, den Malaien Ramli Ibrahim. Dieser hat beim Ingenieursstudium in Australien seine Leidenschaft für den asiatischen Tanz entdeckt und bei einem Aufenthalt in Bhubaneswar sein Interesse für den Orissi, den er in den folgenden Jahren studierte und heute als einer der besten Tänzer darin gilt.

Das samt Übersetzung oben stehende Gedicht TÄNZER DER WELTEN bezieht sich auf Ramli Ibrahim, dessen Tanz der orissische Künstler und umtriebige Kunstforscher Dinanath Pathy, der sich „Tanzmaler” nannte, darin beschreibt.

Aufgewachsenen in einer Wand- und Kulissenmalerfamilie im Süden Orissas, hat sich Pathy im Laufe eines Lebens auf vielen Feldern der in Vergessenheit geratenen Formen des bitterarmen Bundesstaats umgesehen. Unter seinen Publikationen ist das mit dem Direktor des Züricher Rietberg-Museums, Eberhard Fischer, herausgegebene Standardwerk „Orissa - Kunst und Kultur in Nordostindien” auf Deutsch erschienen. Ich habe diesen zündenden und stiftenden Mann, der so viele Menschen und Kulturen zu einander gebracht hat, im letztjährigen Februar kennengelernt. Seine Freude am Erfahren und Vermitteln von Kulturen war ansteckend. Im Sommer darauf ist „Dinner Party” am Eröffnungstag des von ihm ins Leben gerufenen Festivals überraschend einem Herzinfarkt erlegen. Mit seinen in 50 Büchern, diversen In- und Auslandsausstellungen, die er kuratiert hat, und den Gründungen bzw. Leitungen bedeutender Institutionen zu Erforschung und Nutzung des Orissischen Kulturerbes, hat er wesentliche Anstöße für alle jene geliefert, die die Grenzen zwischen traditioneller und zeitgenössischer, intellektueller und volkstümlicher, religiöser und eingeborener Formen von Kunst abbauen und für das eigene Vorankommen nutzen wollen.

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