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Nachrufe auf Helga M. Novak

Redaktion: 

 

„Eine wie sie wird es nicht wieder geben, schon deshalb nicht, weil sich die Bedingungen, die sie hervorgebracht haben, nicht wiederholen werden. Dafür brauchte es, neben der enormen Begabung, einen Geburtsort am südöstlichen Rand von Berlin, da, wo die Stadt in die Mark übergeht und sich mit ihren Seen und Kiefernwäldern tief in die Seele einbrennt, so dass er für die von dort Vertriebenen ein Leben lang Sehnsuchtsort bleibt; brauchte es eine Kindheit im zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieg, Bombenhagel und brennende Schulen, brauchte es die mit Neugier durchsetzte Angst vor den mit Panzern und Panjewagen in die Stadt einrückenden Soldaten der eben noch bei den Seelower Höhen kämpfenden und vor Hass auf alles Deutsche glühenden Sowjetarmee.“ Gert Loschütz in der FAZ.

„Die Gedichte der ersten  Jahre zeigen, wie klar sie ihr Heimatland sah: „schieße auf jeden / schlechten Deutschen // arbeite mehr / für das gleiche Geld // sage dem Staats-/ sicherheitsdienst / alles was du weißt“ heißt es etwa in „drei Gebote“. Dennoch kehrte sie zweimal in die DDR zurück, zunächst, um sich in einer Fernsehröhrenfabrik zu „bewähren“. Das gelang ihr sogar, sie durfte wieder studieren. Doch es zog sie zurück nach Island, sie heiratete dort, nahm Saisonjobs in der Heringsverarbeitung an. Sie hatte zwei Kinder, beide wuchsen bei isländischen Pflegefamilien auf. Sie war ruhelos und abenteuerlustig, fuhr auf Fischtrawlern aufs „Festland“, erkundete mit ihrem Mann oder auch einem Geliebten Europa – „die Sonne hat mich heute / liederlich und liebestoll gemacht / das Leben / ist mein großes Fest“ Auch solche Verse finden sich in ihrem ersten Gedichtband, den sie im Selbstverlag in Reykjavik druckte und der später unter dem Titel „Die Ballade von der reisenden Anna“ bei Luchterhand erschien. In der DDR las ihn vor allem die Stasi.“ Sabine Rohlf in der Frankfurter Rundschau

„Das Schön-Fatale an dieser Lebenserzählung ist, dass sämtliche Fluchten scheitern. Nirgendwo tut sich auch nur ansatzweise ein paradiesischer Zustand auf. Es braucht eine Weile, bis man begreift, wieso dennoch etwas Tröstliches und Stärkendes darin steckt. Wo die meisten von uns unüberwindliche Hürden und tausende Gründe sehen, etwas nicht zu tun, tut sie es – ganz einfach wäre wohl zu viel gesagt. Ihre Entscheidungen: immer impulsiv und spontan. Das kreatürliche Verhalten eines Tieres, das einen Ausweg sucht, sobald es das Gefühl hat, die Luft wird knapp.“ Julia Schoch in der WELT

„Nie wurde von ihr auch nur ein einziges Buch im Osten gedruckt. Kein DDR-Schriftstellerlexikon erwähnt ihren Namen. Auch nach dem Mauerfall blieb Helga M. Novak im Osten weithin eine Unbekannte. Auch aus eigenem Entschluss. Die Schriftstellerin, die von 1961 an viele Jahre in Island, Portugal und Polen lebte, hielt sich fern von den Ost-Debatten. Das war der Scheu vor lautstarken Rechthabereien und der Angst vor nachträglichen Verletzungen geschuldet. Andererseits wollte auch niemand wirklich etwas wissen von dieser Frau.“ Christian Eger in der Mitteldeutschen Zeitung.

 

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