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Schwingungskurven

Redaktion: 

Gabriele Stötzer (2. v. l.) in der von ihr gegründeten privaten "Galerie im Flur" in Erfurt

Vor dem Hintergrund ihres 60-jährigen Geburtstages und den in 2014 anstehenden Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum der friedlichen Revolution in der DDR würdigt die Ausstellung »Gabriele Stötzer. Schwingungskurve Leben« der Klassik Stiftung Weimar, die nur noch diese Woche läuft, eine der wichtigsten Künstlerinnen Ostdeutschlands wie auch eine mutige politische Persönlichkeit. Gabriele Stötzer (vormals Kachold), 1953 geboren, heute in Utrecht und Erfurt lebend, Künstlerin und Schriftstellerin, zählt zu jenen Künstlerkreisen, die in der oppositionellen Kunstszene der DDR widerständig eigene Freiräume erprobten. Gegen staatliche Normen und Richtlinien, patriarchale Strukturen, pathetische Gesten und Themen aufbegehrend, lebte sie Kunst im Sinne eines kompromisslosen Gegenmodells zur Realität des DDR-Gesellschaftssystems. Nach der Unterzeichnung eines Protestschreibens gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann im November 1976 wurde sie für ein Jahr inhaftiert. Anschließend führte sie u. a. eine private Galerie in Erfurt bis zu deren Verbot 1981 und wurde daraufhin zentrale Figur der Erfurter Dissidenten- und Untergrundszene.

Ab den frühen 1980er-Jahren entwickelte Gabriele Stötzer ein künstlerisches Œuvre, das sich in umfassenden fotografischen Serien, in filmischen Super-8-Experimenten, in Performances, in Mode, Weberei, Keramik und literarischen Texten äußert. Gabriele Stötzers schriftstellerisches Werk, das bis 1989 Teil der Untergrundliteratur des Prenzlauer Bergs war, konnte sie im Wesentlichen erst nach der Wende veröffentlichen. Ihre bildkünstlerischen Arbeiten einschließlich ihrer aktionsbezogenen Performances, die in ihrem gesamten Umfang noch zu entdecken sind, sind in ihrer Radikalität singulär, ebenso ihre Arbeit mit der Erfurter Frauengruppe »Exterra XX«, die sich als erste Künstlerinnengruppe in der DDR zusammenschloss.

Gabriele Stötzer gehörte im November 1989 mit zu den Initiatorinnen der Besetzung der Zentrale der Staatssicherheit in Erfurt, um damit die fortschreitende Aktenvernichtung zu verhindern. Diese Aktion war Vorbild für andere Städte in der DDR. Die Ausstellung umfasst mit rund 100 Arbeiten aus der Zeit von 1979 bis Mitte der 1990er-Jahre eine erste größere monografische Übersicht über das vielgestaltige bildkünstlerische Werk von Gabriele Stötzer. Sie versteht sich als eine thematische Ergänzung zum Ausstellungsprojekt »Zwischen Ausstieg und Aktion« in der Erfurter Kunsthalle (noch bis 02.02.2014), das die Subkulturszene Erfurts ab den 1970er-Jahren bis 1989 ausführlich vorstellt.

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