Fixpoetry

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Terror der Seele

Redaktion: 


Visitenkartenfotografie Edgar Allan Poe von Mathew B. Brady, Privatsammlung Susan Jaffe

„Es ist vielleicht das berühmteste amerikanische Schriftstellerporträt des 19. Jahrhunderts: ungekämmtes, dunkles Haar, eine hohe, bleiche Stirn, melancholische Augen, die halb im Schatten liegen, ein kleiner Schnurrbart, ein weißes Tuch, das unordentlich um den Hals geschlungen wurde. Gestatten, Edgar Allan Poe: Autor zahlreicher Gruselgeschichten, Literaturkritiker und Poet.

In einer Ausstellung, die zurzeit in der Morgan Library in New York zu sehen ist, erfahren wir nun, dass jenes Portrait von einem ziemlich unbekannten Fotografen (Mathew B. Brady war seinerzeit kein Unbekannter:  er zog mit seiner Ausrüstung auf die Schauplätze des amerikanischen Bürgerkriegs und hinterließ schließlich mehr als 10.000 Fotos und wurde zum bekanntesten Chronisten des amrikanischen Bürgerkriegs. Anm. FM)  im amerikanischen Bundesstaat Rhode Island gemacht wurde; und dass Poe vier Tage, bevor jene Daguerrotypie entstand, einen Selbstmordversuch unternommen hatte (er schluckte eine Überdosis Laudanum). Am Ende der Woche verlobte er sich mit der Dichterin Sarah Helen Whitman, eine Beziehung, die im Desaster endete.

Es hatte im Leben von Edgar Allan Poe schon bessere Zeiten gegeben, ganz glücklich aber war er nie. So drückten den Schriftsteller ständig Geldsorgen. Zu den eindrucksvollsten Ausstellungsstücken in der Morgan Library gehört ein Schuldschein in seiner (übrigens sehr hübschen) Handschrift, mit dem er sich eine lächerliche Summe lieh. Jahreseinkommen: 344 Dollar

Die Erklärung dazu finden wir in dem Kästchen neben der Vitrine: In dem Jahr, aus dem dieser Schuldschein stammt, hatte Edgar Allan Poe exakt 344 Dollar eingenommen. Die Miete, die er für sein Häuschen berappen musste, betrug aber allein schon 300 Dollar. Er lebte also buchstäblich von der Hand in den Mund.

Und er lebte nie vom Eigentlichen. Im Grunde verstand er sich als Lyriker, und tatsächlich schmückt sein Gedicht "Der Rabe" (in dem viele Strophen sich schön schaurig auf "Nevermore" reimen) heute jedes amerikanische Schullesebuch. Aber damit war kaum Geld zu verdienen.“
Hannes Stein heute in der WELT über Edgar Allan Poe und die Ausstellung  „Terror of the Soul“ im The Morgan Library Museum in New York.

 

Der Eroberer Wurm.

Im Weltenraum ist Galanacht.
Im Theater sitzt gedrängt
Eine Engelschaar in Festestracht,
Verschleiert, zährendurchtränkt
Und lauscht einem wechselvollen Stück,
Wo Furcht und Hoffen sich drängt,
Dieweil im Orchester Sphärenmusik
Sich langsam hebt und senkt.

Gottähnliche Mimen murmeln leis
Den Text und kommen und gehn
Auf großer, formloser Wesen Geheiß,
Die in den Coulissen stehn,
Mit ernsten Geberden, feierlich stumm
Die Wände schieben und drehn,
Und mit ihren Flügeln in’s Publikum
Unsichtbares Leiden wehn.

Dies Drama, wechselvoll, fieberisch,
Es bleibt der Welt unverkürzt,
Mit einem scheckig bunten Gemisch
Von Tollheit und Sünde gewürzt,
Dahinter sich lauter Elend und Graus
Zum verworrenen Knoten schürzt,
Und ein Phantom sich unter Applaus
In das ewige Dunkel stürzt.

Doch sieh! eine Form aus ekler Brut
Schleicht in den Mimenknäu’l –
Ein kriechendes Unthier, roth wie Blut,
Das sich windet und windet, dieweil
Es nach und nach die Mimen verzehrt
Unter der Opfer Geheul
Und die Engelschaar ein Schauder durchfährt
Ob solch unendlicher Greu’l.

Aus sind die Lichter – ausgeweht –,
Mit der Wucht eines Sturmes fällt
Der Vorhang, ein Leichentuch, sternbesät
Ueber das bretterne Zelt.
Die Engel erheben sich abgespannt
Und erklären der bangen Welt,
Daß die Tragödie »Mensch« benannt
Und der Eroberer »Wurm« ihr Held.

aus: Edgar Allan Poe, Ausgewählte Gedichte, Verlag des Bibliographischen Bureaus, Berlin, 1891, übertragen von Hedwig Lachmann

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