Fixpoetry

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Im Tempel des Ich

Redaktion: 

Kurt Schwitters MERZbau

„Das Haus des Künstlers kann ein Palazzo sein, ein Zelt oder ein Mausoleum mit Schiff. So wie jenes, das sich der großspurige Feuerkopf, Fin-de-Siècle-Dichter und Pilot Gabriele d'Annunzio am Gardasee errichten ließ: "Il Vittoriale degli Italiani". Ferdinand Cheval hingegen, als Künstler ein Autodidakt und von Beruf Postbote, baute 33 Jahre lang in Hauterives im Département Drôme an seinem "Palais Idéal", einem pittoresken Palazzo, der 1969 um Haaresbreite dem Abriss entging. Donald Judds Ateliersiedlung im texanischen Marfa dagegen ist inzwischen Sitz der Stiftung, die das Werk des US-Minimalisten vertritt, und stiller Arbeitsort von Künstlern; zugleich sind die Kuben in der Chihuahua-Wüste direkt Judds Kunst entsprungen.

Das Ich als Spiegel, das Künstler-Ich gespiegelt in gebauter Inszenierung: Das macht die Idee des Künstler-Hauses aus. Die Verwandlung von gelebter Lebenszeit in gemauerte Bau-Kunst ist keine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Schon vor Richard Wagner gab es Gesamtkunstwerk-Künstlerhäuser, die das Leben zur Kunst verklärten und die Kunst des Lebens vorführten.“ Alexander Kluy berichtet im Standard über die neue Ausstellung im Museum Villa Stuck: „Im Tempel des Ich“.

Die Villa Stuck als Künstlerhaus ist – Beispiel gebend – nicht nur höchster Ausdruck des Lebensgesamtkunstwerks des Künstlerfürsten Franz von Stuck, sondern auch sein schönstes Kunstwerk. In ihr vollendet sich sein Streben nach einer Vereinigung aller Künste. Für Stuck war seine antik anmutende Villa Kosmos und persönliches Pantheon, Inkarnation seiner Selbst und farbig lodernde Inspirationsquelle seines Schaffens. Damit steht sie für alles, was ein Künstlerhaus zu leisten vermag, weit über Repräsentation und Selbstdarstellung hinaus. Der 34-jährige Maler Franz von Stuck entwarf mit seiner Villa einen der ersten neoklassizistischen Bauten in freier schöpferischer Interpretation jenseits des architektonischen Regelkanons, außen puristisch, innen bisweilen märchenhaft opulent. Im Kampf der Stile zwischen Historismus und Jugendstil, sah Stuck in der Erneuerung aus der Antike, insbesondere der Archaik, die Zukunft der Moderne. Die Innovationskraft des jungen Künstlers Franz Stuck »schafft Stil, nimmt ihn nicht nur an« (O.J. Bierbaum, 1899). Von seinen Zeitgenossen wurde seine Villa deshalb als eine »moderne Sensation« gefeiert. In zukunftsweisender Lage an der Prinzregentenstraße, dem letzten groß angelegten Prachtboulevard Münchens, hat Stuck in der Verbindung von Architektur, Raumkunst und Design, Malerei und Plastik ein Haus vom Range eines Gesamtkunstwerks errichtet, das auch seiner Auseinandersetzung mit Philosophie, Archäologie und Naturwissenschaft Ausdruck verleiht.

Der 150. Geburtstag Franz von Stucks bot Anlass, sich auf die Suche nach genau diesem besonderen Typus des Künstlerhauses in Deutschland, Europa und Amerika zu begeben. Nicht das Künstlerhaus als pittoresker Ort, an dem ein Künstler gelebt und gearbeitet hat, steht im Fokus, sondern der seltene Fall des Künstlerhauses als Gesamtkunstwerk. Eine Auswahl der vorgestellten Häuser: Sir John Soane’s Museum, London; William Morris Red House, Bexleyheath; Louis Comfort Tiffanys Tiffany House, New York City; Mortimer Menpes’ Wohnung, London; Villa Fernand Khnopff, Brüssel; Jacques Majorelles Villa und Garten, Marrakesch; Kurt Schwitters’ MERZbau, Hannover; Max Ernsts Haus, Arizona.

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