Fixpoetry

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Nem mozdul / Regungslos

Redaktion: 

Ákos Györffy

„Ich könnte sagen, dass […] Deutschland mir die Melancholie geschenkt hat, die […] dazu führte, dass ich zu schreiben begann“, so der 1976 in Ungarn geborene Ákos Györffy. Diese Melancholie grundiert seine Texte, gepaart mit einer staunenden Wahrnehmungsoffenheit für das Wirkliche – in seiner mannigfaltigen, aber auch ‚abgründigen‘ Schönheit. Györffy nähert sich der Welt mit „zur Perfektion verfeinerten Methoden der […] Verschweigung“ und vermag sie so sinnfällig werden zu lassen, ohne sie der Herrschaft eines rational-deutenden Wortes zu unterwerfen.
Er arbeitet in Budapest an einer Grundschule für körperbehinderte Kinder. Sein erster Band (2000) wurde mit dem Attila-Gérecz-Preis für das beste lyrische Debüt ausgezeichnet. Heute liegen vier ungarische Gedichtbände von ihm vor, auf Deutsch Aus Akutagawas Notizbuch (Rimbaud 2005) und nun Regungslos, übersetzt von J. Schiff (Pop Verlag 2012).

Julia Schiff, geb. 1940 in Detta/Rumänien, seit 1981 in München; Übersetzerin im ‚Sprachendreieck‘ Deutsch-Ungarisch-Rumänisch, Verfasserin von Romanen, Gedichten und Essays zur Literatur.

Ákos Györffy  stellt am Montag, den 17. Feb. 2014, um 20:00 Uhr seine Gedichte im Lyrikkabinett München vor. Übersetzungen und Moderation: Julia Schiff
 

Ebenso weit

Der abgetrennte Kopf eines Rehbocks
ist an die Wirtshaustheke gelehnt.
Die Augen geschlossen, aus dem Maul
tropft Blut auf den Boden. Um den Kopf
herum warmer Dunst, als ob er noch nicht
ganz tot wäre, als ob er sich noch in eigener
Nähe befände, hier im Wirtshaus, das voll
mit seinem penetranten Geruch
und jener Wärme ist, die er selbst ist.
Vor ein paar Stunden lief er noch dort oben,
im Eichenwald, in jenem schmalen
Streifen, zwischen den letzten Augenblicken
der Nacht und den ersten des Morgens,
in jener nicht benennbaren Tageszeit,
die nicht mehr als eine oder
höchstens zwei Minuten ausmacht.
Er trat hinaus auf die Lichtung, unter
die Stromleitung, die den Berg längs
durchzieht, blieb stehen, dann war sein
nächster Schritt eher eine Art Ausdehnung
in alle Richtungen aus einem
pochenden Zentrum, etwa wie ein
mysteriöser, unsichtbarer Atomblitz,
danach war er überall, von allem
oder in allem ebenso weit,
und der Tag brach immer noch nicht an,
blutige Schnürstiefelspuren
auf dem Linoleumbelag.

 

Aus dem Ungarischen von Julia Schiff
Gefunden auf lyrikline.org

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