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Pranger & Robinsonade

Redaktion: 

Daniel Defoe am Pranger

Ein beitragender Kommentar in zwei Zitaten.

„Der zwielichtige Literat entstammte einer gutbürgerlich-puritanischen Fleischersfamilie; Vater Foe (das vornehme "De" setzte erst der Sohn davor) gehörte zu der von der englischen Hochkirche verfolgten religiösen Minorität der "Dissenters".

Seine bürgerliche Herkunft und seine Zugehörigkeit zu den Dissenters haben Defoe stets behindert: Sie schlossen ihn von den maßgeblichen Clubs und höheren Bildungsstätten aus. Und obwohl er sich nach dem kurzfristigen Besuch einer presbyterianischen Priester-Akademie stolz "Meister von fünf Sprachen" nannte, blieb er auch als berühmter Autor etwa für seinen Kollegen Swift immer "jener ungebildete Schmierfink, dessen Namen ich vergessen habe".

Der unvollendete Geistliche handelte mit Strümpfen und, nachdem er eine reiche Weinküferstochter geheiratet hatte, auch mit Wein, Tabak und Schiffsversicherungen. Nebenher verfaßte und vertrieb er seine ersten Flugblätter -- anonyme Pamphlete wider die Türken und die Kirchenpolitik König Jakobs II. Nach der Thronbesteigung Wilhelms III. diente er sich diesem als Propagandist an -- Defoe erhoffte von Wilhelms liberalerer Whig-Regierung größere Religionsfreiheit.
Der Geschäftsmann Defoe machte Bankrott und mußte vor seinen Gläubigern aus London fliehen. Als Geheimagent der Regierung, als Propagandist Wilhelms III. und der Whigs kam er wieder zu Geld. Er tilgte seine Schulden, debütierte mit staats- und wirtschaftstheoretischen Büchern und arbeitete sich zum Ziegelfabrikanten mit über hundert Arbeitern hoch.
Doch auf der Höhe von Defoes Erfolg stürzte sein königlicher Gönner vom Pferd und starb. Unter der Anglikanerin Queen Anne ging es den Dissenters wieder schlecht.

Da erschien anonym Defoes beißende Satire "Der kürzeste Prozeß mit den Dissenters"" in der begründet wird, warum alle Nonkonformisten schnellstmöglich zu vernichten seien. Diese "erfolgreichste journalistische Mystifikation der englischen Geschichte" (so Anglist Borinski) wurde von den Torys bejubelt. Als man jedoch der Ironie und dem Autor auf die Spur kam, wurde gegen den Verfasser der "aufrührerischen" Schrift Steckbrief erlassen. Nach fünf Monaten auf der Flucht wurde Defoe verhaftet und drakonisch verurteilt: zu hoher Geldbuße, zu Kerker, "bis es Ihrer Majestät behebe, ihn zu begnadigen", und zu dreimaligem Pranger.

Der Satiriker half sich auf seine Weise: Bevor man ihn an den Schandpfahl kettete" veröffentlichte er eine "Hymne an den Pranger" mit einem Angriff auf die Rechtspflege und einer Huldigung für "alle ehrenwerten Männer", die das gleiche Los erlitten hatten -- das Volk von London ehrte seinen populären Autor dafür mit Ovationen und Blumen; Defoes Bestrafung wurde zum Triumph.“
Der Spiegel 12/1969

 

Ein beispielhafte Geschichte, auf die ich stieß, als ich zum Wort Pranger recherchierte und dabei auch folgendes Zitat von Peter Sloterdijk in seinem Buch „Selbstversuch“(1996) fand:

„In der deutschen Anprangerungslust überlebt eine Form von mittelalterlicher Öffentlichkeit, die tatsächlich sehr oft eine Mob-Öffentlichkeit war, eine Hetz-Öffentlichkeit, eine Verhöhnungs- und Blamierungsöffentlichkeit. Unter einem kulturhistorischen Aspekt finde ich faszinierend, wie solche Affekt-Dispositionen durch demokratische Zeiten hindurchwandern können, ohne sich wesentlich zu verändern. Und so treten sie gerade dort zutage, wo sie heute niemand vermutet, in den Hochburgen demokratischer Sensibilität, auf den behüteten Spalten der Buch- und Kulturkritik in den liberalen Blättern.  … mir fällt an der Schreibweise der gestische Zusammenhang mit der mittelalterlichen Bloßstellungspraxis auf. Was der Autor schreibt … ist typische Pranger-Prosa. Scheinbar kenntnisreich, scheinbar treffend, scheinbar beweisend, immer blamierend, mit dünn gespreizten Fingern af die angeklagten Objekte zeigend, so daß in der bloßen Vorführung tatsächlich schon die Strafe, der öffentliche Hohn enthalten zu sein scheint, mitsamt dem Seitenblick auf das Kollektiv, das Genugtuung darüber empfindet, daß es wieder jemanden richtig erwischt hat. Eines ist ja klar: der Anprangerungs-Kritiker würde sich nicht nach vorne wagen, wenn er sich nicht sicher fühlte und das Mandat seines Milieus im Rücken hätte. Damit kommen wir zum kritischen Punkt: Welche Milieu-Aufträge stehen hinter solchen Verhöhnungsübungen? Für welche Ohren spottet dieser Vogel? In welcher mentalen Verfassung befindet sich das Kollektiv, dem man zurecht unterstellen darf, es werde derartige Mixturen aus Scheinreferat und Hetze goutieren?“

 

Das Anprangern ist heute gängige Internetpraxis, so daß man gern mit seinen Avataren unterwegs ist um ungesehen teilhaben zu können. Aber auch Echtnamen streuen Mistkügelchen (die bisweilen sehr unscheinbar aussehen!) aus, in der Hoffnung, sie erzeugen oder düngen ein vage vorhandenes Feld. Wir (wer immer sich da freiwillig mit ins Boot setzt) sollten lernen, anders miteinander umzugehen und uns argumentativer auszurichten. (FM)

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