Fixpoetry

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Wie Musik

Redaktion: 

Martin Becker im Deutschlandfunk über Thomas Kunst „Die Arbeiterin auf dem Eis“, Edition Azur:

Die ungezügelte, ja, die schmerzliche Sehnsucht gehört dazu, und natürlich deren Gegenspieler, die ebenso schmerzliche Eifersucht. Mal verlieren sich die Protagonisten der Gedichte in der obsessiven Beobachtung einer Zufallsbekanntschaft, mal fürchten sie sich davor, am Ende doch allein gelassen zu werden – und mal trudeln sie zwischen Anziehung und Wut in einer Intensität, wie sie nur Liebende empfinden. Und für all das, für die Sehnsucht, für die Zuneigung, für den Zorn, findet Thomas Kunst eine eigenartige, eine eigenwillige Sprache. Das Besondere an diesen Texten: Sie sind von einer schlichten, fast kargen Schönheit. Und jedes Gedicht erzählt eine eigene Geschichte.

"Mit dem akademischen Gedicht hab ich natürlich auch noch nie was am Hut gehabt. Und ich hab das im Verlaufe der Zeit gemerkt, dass es mir doch darauf ankommt, immer einfacher und nüchterner zu werden - und dass selbst die Sonette eigentlich kleine Erzählungen sind."

Drei Sonettenkränze, mehrere Langgedichte und einige Briefe versammelt Thomas Kunst in "Die Arbeiterin auf dem Eis". Alle Texte sind von großer Musikalität. Nicht ohne Grund listet Kunst am Ende des Bandes die Musikstücke auf, die beim Schreiben für ihn wichtig waren. Seine Poesie spielt mit assoziativen Sprachbildern und entwickelt einen rhythmischen Sog. Ob ein Protagonist in seinem Waschbecken die Stadt Venedig aus Seifensplittern und Streichhölzern nachbaut, ob ein Mann und eine Frau sich darüber austauschen, was sie ihrem jeweiligen Partner erzählt haben, um für ein Affärenwochenende in die Berge zu reisen: Da ist stets dieser drängende Ton, die Kunst'sche Melodie. Und weil dieser Rhythmus so wichtig ist, schreibt Thomas Kunst seine Gedichte in einem Zug, es gibt für ihn nie eine zweite Version und kein Lektorat.

ES SIND DIE LETZTEN SCHÖNEN TAGE HIER
Auf dieser Welt, ich weiß, was nötig wäre,
Mit einem Ascher, einer Gartenschere,
Zertrümmer ich den Tisch mit Schalentier.

Wir hören Gieseking und warten lange
Dass von den Ratten endlich Zeichen kommen
Und sie sich warnen, uns mal ausgenommen,
Bewegung mit Geruch in vollem Gange.

Gedächtnistraining ohne Instrument,
Die Einbeziehung des gesamten Arms,
Gaspard de la nuit in Zattere.

Das Licht, das uns von Heilgetränken trennt,
Die Flügeladern des Insektenschwarms,
Baronia brevicornis, flattere

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