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Jón úr Vör bei Queich

Redaktion: 

Jón úr Vör 1947

Neu bei Queich:

Þorpið, zu Deutsch Das Dorf, zählt in Island zu den bekanntesten poetischen Zyklen des 20. Jahrhunderts. Jón úr Vör, vor knapp 100 Jahren in ärmlichen Verhältnissen geboren, wurde in den Traditionslinien der isländischen Dichtung (Edda, Sagas, Skaldendichtung) literarisch sozialisiert, denen er aber bald, weil sie ihm zu eng waren, entwachsen wollte. Sein radikaler Schritt, in durchgängig freien, ungebundenen Versen zu schreiben, dem vor allem die sogenannten "Atomdichter" folgten, führte zu einem heftigen, von allen gesellschaftlichen Kreisen ausgetragenen Kulturstreit zwischen Traditionalisten und Befürwortern einer Modernisierung der isländischen Dichtung.

Die traditionelle Dichtung war nicht nur die Form betreffend "... endlich tot", wie es einer der "Atomdichter" ausdrückt, die neue Dichtung unterschied sich auch deutlich in den Themen, denen sie sich zuwandte, und in den Stilmitteln, die sie für deren Umsetzung fand. Gegenstand seiner poetischen Betrachtung sind nicht länger die klassischen Topoi der traditionellen Dichtung, er wählt geradezu das Extrem: das alltägliche Leben in einem alltäglichen Fischerdorf in der Zeit zwischen den Kriegen bis in die Anfänge des Zweiten Weltkriegs hinein. Sorgfältig komponiert aus den Erinnerungen an seine eigene Kindheit und Jugend in Patreksfjörður und aus den Erinnerungen an Menschen, die ihm nahe standen und wohl ihre Erlebnisse und Erfahrungen anvertrauten, zeichnet er ein komplexes Bild der Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen der dort beheimateten einfachen Menschen. Das Dorf erweist sich über weite Strecken als eine Art Sozialreportage in Versen, die sich gleichermaßen durch ihre literarische Kunstfertigkeit auszeichnet wie durch ihre hohe Authentizität.

Für viele isländische Leser haben diese Gedichte, mit denen der Autor literarisch Zeugnis ablegt vom jüngeren Erbe ihrer Geschichte, zweifellos einen immer noch hohen Identifikationswert, sei es, dass sie die Ereignisse und Lebensverhältnisse, von denen sie berichten, aus den Erinnerungen und Erzählungen älterer Anverwandter kennen, sei es, dass ihnen diese oder vergleichbare gar noch aus eigener Anschauung gegenwärtig sind. Für andere, und das ist nicht gering zu schätzen, bewahren sie dieses Erbe für eine Entdeckung in womöglich erst späterer Zeit. Und wir, die deutschsprachigen Leser, sind durch den vorliegenden Band nun ebenfalls eingeladen, uns auf eine solche Entdeckungsreise zu begeben: zu entdecken ist nicht nur ein großer Dichter, der es längst verdient hätte, hierzulande bekannt gemacht worden zu sein, zu besichtigen ist auch nicht weniger als ein ganzes Dorf - und damit Island zu einer Zeit, die manche Jahre vor der Finanzkrise und drohenden Staatspleite liegt, mit denen das Land in die internationalen Schlagzeilen geriet, und die dennoch zu ihren immer noch lebendigen Wurzeln zählt.

Leseprobe

Jón úr Vör: Þorpið. Das Dorf. Aus dem Isländischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Sigrún Valbergsdóttir und Wolfgang Schiffer. Mit Zeichnungen von Kjartan Guðjónsson

 

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