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Der neue Grünbein

Redaktion: 

Durs Grünbein © Jürgen Bauer

Was ist da los? Die Amerikaner verlassen den Mond, überlassen Nachzüglern den scheintoten Begleiter der Erde. Zeit zum Rekapitulieren: An einem Sonntagnachmittag in Berlin, auf dem Flugfeld des stillgelegten Aeroports Tempelhof, macht der Dichter Durs Grünbein eine folgenreiche Beobachtung. Was, wenn die Menschheit immer nur zurückkehren wollte von ihren Abenteuern der Raumerkundung? Gestern der Mond, morgen der Mars und übermorgen…? Da begegnet ihm Cyrano de Bergerac, der spöttische Reisende durch die Planetenreiche der Imagination, ein Zeitgenosse des René Descartes. Er ruft ihm über die Jahrhunderte hinweg zu: Es gibt nur eine Sensation – die der Heimkehr, alles andere sind Phantastereien! Und plötzlich öffnen sich alle Schleusen in Raum und Zeit, die Feier des Hierseins beginnt. Dort draußen die Unwirtlichkeit und die Krater (benannt nach den Helden der Wissenschaftsgeschichte, den Pionieren der Raumfahrt) – und hier unten die fragilen Elegien einer Spezies, die allmählich begreift, dass sie mutterseelenallein ist im All.
Durs Grünbein hat einen neuen Gedichtzyklus geschrieben, der von der Sehnsucht ausgeht, von den verlorenen Erkenntnismühen einer im Kern romantisch gebliebenen Aufklärungskultur, die nichts anderes will, als zurückfinden zu sich, den Mond betrachten, als sei er immer noch da.

Anläßlich des Erscheinens des neuen Gedichtbands von Durs Grünbein Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond führte das Deutschlandradio Kultur kürzlich am Welttag der Poesie ein Interview:

Frenzel: Sie geben in gewisser Weise eine ganz konkrete Antwort auf meine Zweifel. Am Montag erscheint ein neuer Gedichtband von Ihnen, ein Gedichtzyklus: "Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond" – das ist der Titel. Warum wählen Sie als Autor die Lyrik, um zu erzählen?

Grünbein: Es ist wahrscheinlich so, dass wer ein Leben lang Gedichte schreibt das sich nicht richtig aussucht, sondern die Gedichte oder die Poesie sucht ihn aus, wählt ihn aus. So haben es ein paar der großen ausgedrückt, denken wir an Dichter wie Rilke, der sich quasi zum Medium gemacht hat. Der hat sich das so nicht ausgesucht. Er musste es tun, es sprach durch ihn hindurch. Heute sind wir da etwas schamvoller. Wir versuchen, als Dichter ein eher aktives Verhältnis dazu einzunehmen, zu sagen, wir steuern das. Wir experimentieren mit der Sprache, wir suchen neue Formen und so weiter. Aber ein gewisser Zwang dabei ist immer im Spiel, ein positiver Zwang.

Frenzel: Es ist aber eine Art Rückzugsraum. Was Sie beschrieben haben, kann ich gut nachvollziehen, aber es gibt einem ja auch die bequeme Position des zurückgezogen seins.

Grünbein: Nun ist aber heute keiner mehr im Elfenbeinturm. Seitdem die Türme alle weggesprengt werden, gibt es natürlich auch keinen Dichter mehr, der im Elfenbeinturm sein kann. Das wissen die Dichter, die spazieren hier überall in allen Nischen dieser Erde umher, nehmen sehr genau wahr. Wir hatten neulich den Fall eines Wettbewerbs in China, wo ein völlig Unbekannter, einer dieser vielen Millionen Arbeiter in diesen neuen Industriestädten, mittels Gedichten sich quasi neu orientierte und auch seine eher elende Existenz reflektierte. Da sieht man plötzlich, was das leisten kann. Diesen Menschen wird wahrscheinlich seine Dichtung am leben erhalten, sonst würde er es gar nicht mehr aushalten im Kopf.

Durs Grünbein liest morgen aus dem heute erschienenen Gedichtband im LCB  Literarischen Colloqium Berlin. Leseprobe.

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