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Redaktion: 

Peter Sloterdijk (Quelle: http://www.petersloterdijk.net/)

Der scheinbar selbstverständliche Übergang von einer Generation zur nächsten ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer mehr gefährdet. Mit dem Gelingen oder Scheitern dieses Übergangsstadiums, in welchem mörderische, die Population ganzer Kontinente auslöschende Szenarien dominieren, steht der Fortbestand der uns bekannten Zivilisation auf dem Spiel.

Da in der Moderne die Traditionsfäden chronisch reißen und immerfort neue Vektoren den Zug ins Kommende bestimmen, wandeln sich die Individuen zu "Kindern ihrer Zeit". Und weil moderne Elterngenerationen selbst schon zivilisatorisch labil antreten, gerät die Formung ihres Nachwuchses zu einem unbeendbaren Match zwischen potentiell schrecklichen Eltern und potentiell schrecklichen Kindern.

 »Vielleicht ist, was man Revolutionen nennt, nichts anderes als die Weigerung von Kollektiven, nur Zuschauer bei Endspielen zu sein.«
Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk stellte im SWR2 einen neuen Essay vor, dessen Weitfassung als Buch im Juni bei suhrkamp erscheinen wird.
Das Manuskript zur Sendung ist hier nachzulesen und die Sendung hier nachzuhören.

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Ob der neue Sloterdijk nicht wieder zu medialen Attacken führen wird, bleibt abzuwarten. Der Titel des Buches lädt das Alarmfeuilleton ein in Parteilichkeiten zu agieren. Sloterdijk hat da schon einiges erlebt und erst kürzlich in einem Interview lesenswert durchformuliert, was heute mehr denn je auch für den Literaturbetrieb und bereits für Nischenbetriebe wie die Lyrikszene gilt: „Es gibt kein unschuldiges Missverständnis, vielmehr ein strategisches Interesse an missverstehbarer Materie. Dabei darf man eine gewisse Skandallust bei der Öffentlichkeit immer voraussetzen, den Rest besorgt die Denunziationslust, die aus der Rivalität folgt. Man ist im Grunde genommen froh über jede Gelegenheit, Kollegen, die sich ein wenig ausgezeichnet haben, eliminieren zu können. Dies nicht als einen Strukturfaktor zu beachten, der die Kommunikation von Intellektuellen mitsteuert, wäre leichtsinnig. Man weiß es, wenn man es selbst einmal erlebt hat.“

Sloterdijk, der immer ein paar querstehende Begriffe braucht, zu denen er die Leser wie zu Start- und Landebahnen führt, benutzt das Bild der „schrecklichen Kinder“ als Bild für die überraschen Kulturveränderungen der Jetztzeit, in denen die Eltern das Weitergeben ihrer Kopie als verschrecklicht, nämlich von der unaufhaltsamen Zerwerfung der noch gestern gegolten habenden Kulturwahrheiten, innerhalb derer sie doch eben noch das Kinde zeugten, in nicht abzusehende Jetzt- und Zukunftsbezüge karikaturiert und verzerrt, nämlich hinweggezerrt, sehen. Das evolutionstechnisch erprobte Copy & Paste inclusive einem genetischen Spiel der Variation setzt immer öfter Individuen in so rasant alles bisher Dagewesene Übertreibendes, in der sich die Funktionstüchtigkeit der Kopie nicht mehr an „der Welt“ (und was man selbst darunter verstand), sondern an den technokratisch untermauerten Unweltfolien und Weltillusionen beweisen muß und das Kulturgut des Elternhauses nicht mehr ist als ein Scheck, den Zutritt zum Spiel mit viel höheren ungedeckten Wechseln zu zahlen, daß der Blick auf das eben geborene Kind schon Abschied und Schrecken enthält. Wird man das Kind als Mensch der eigenen Verfasstheit  erleben können, oder wird die Offenheit der Moderne alles überstimmen. Die schrecklichen Kinder sind die „aus der Art“ geschlagenen, die nichts bewahren Wollenden/Könnenden, und der Schrecken dabei rührt m.E. aus dem Unwissen über den Ausgang der Geschichte – werden sie auf der angeblichen Lichtung der technokratischen Verheißungen ankommen und in einer alles vereinfachenden Ersatzwelt glücklich sein oder den Nebenwirkungen erliegen, die das invasive Menschengehabe den existentiellen Bedingungen abfordert, und die (vielleicht schon jetzt) auch durch klügste Computerprogramme nicht mehr zu reparieren sind. Die heutige Elterngeneration weiß, daß niemand die Schulden, mit denen wir unsere Anzahlungen auf die Zukunft leisteten, wird zurückzahlen können. Wir schulden damit nicht nur dem Weltkörper etwas, das wir gar nicht werden zurückgeben können, sondern auch unseren Kindern: nämlich wahre Freiheit – die Optionsbreite einer schuldenfreien Existenz. Die kulturbildenden Muster, in die wir aktuell unsere Kinder gebären, sind der wahre Schrecken. In ihm  schmieden sich Gitter der Unausweichlichkeit und wir müssen hoffen auf Kinder, die noch sehr viel mehr „aus der Art“ schlagen und mutig genug sind, all den Schrott unseres bisherigen Denkens hinzukippen, wo er hingehört.

Ich bin gespannt auf das Buch.

FM

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