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Fünfzehn Infinitive zum Krieg

Redaktion: 

Ausstellungskatalog "Es ist Frühling, und ich lebe noch"

Aktuelle Ausstellung in der Wienbibliothek: »Es ist Frühling, und ich lebe noch«.Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs in Infinitiven. Von Aufzeichnen bis Zensieren.

»Keine Ruh und Schlaf seit 10 Tagen; ohne Krieg würde man nicht glauben, was wir aushalten können.«
Mit diesem Satz eröffnet Oskar Kokoschka, der als Freiwilliger im K. u. k. Dragoner-Regiment Nr. 15 diente, am 23. August 1915 eine Feldpostkarte an Adolf Loos, in der er die Kämpfe gegen russische Kosaken schildert. Nur sechs Tage später erlitt er einen Kopfschuß und Bajonettstich, Verletzungen, die er mit knapper Not überlebte. Die Nachricht Kokoschkas ist eines von unzähligen, bislang nicht veröffentlichten Korrespondenzstücken und persönlichen Dokumenten wie Tagebücher und Fotografien aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, die sich in den kulturhistorisch bedeutsamen Nachlässen der Wienbibliothek im Rathaus erhalten haben.
Die Ausstellung präsentiert rund dreihundert Exponate, deren Anordnung thematisch erfolgt, nämlich in fünfzehn Infinitiven. Ausgangspunkt hierfür war eine Sprachschöpfung von Roda Roda, der in einem Brief vom 26. Juli 1914 davon sprach, »kriegsberichterstatten« zu wollen.
Im Kapitel »Aufzeichnen« werden Kriegstagebücher von Kombattanten an allen Fronten neben solchen von Nichtkämpfern gezeigt. Auch der Kriegsalltag in Wien wird in Diarien von Raoul Auernheimer oder Rosa Mayreder lebendig.
Im Abschnitt »Dichten« schauen wir den Produzenten vaterländischer Lyrik wie Richard von Kralik oder Richard Schaukal über die Schulter und erfahren, dass Heimito von Doderer in sibirischer Gefangenschaft zum Dichter wurde.
Beim Infinitiv »Fotografieren« findet man jüngst entdeckte Aufnahmen vom uniformierten Arnold Schönberg genauso wie von Cesare Battisti auf dem Weg zur Exekution. Das Lemma »Gefangen« – hier verbot sich die Verwendung eines Infinitivs – dokumentiert die Flucht von Rudolf Jeremias Kreutz aus dem sibirischen Lager, die dortigen Theateraktivitäten des für seine Wienerlieder bekannten Komponisten Ludwig Gruber oder die revanchistischen Gedanken Friedrich Qualtingers in italienischer Kriegsgefangenschaft.
Unter »Kommunizieren« begegnet das Publikum dem 10jährigen Hans Weigel, der für die Rückkehr seines Vaters aus Russland betet genauso wie Moritz Erwin von Lempruch, der Karl Kraus den Sinn des Hochgebirgskriegs erklärt. Im Kapitel »Lesen« lernen wir Elise und Helene Richter kennen, die Lesestoff en gros und en detail verschickten. Wie Josef Luitpold Stern seiner Königin schreibt, erfährt man in »Lieben«.
Der blutrünstige Satz »Wenn man ans Schädelspalten denkt, kann man keine Bilder malen« stammt vom Künstler Maximilian Liebenwein – Josef Engelhart, Egon Schiele und Anton Kolig sind neben Oskar Kokoschka beim Stichwort »Malen« vertreten.
Unter »Mustern« erfährt man, warum der Grazer Rudolf Weys 1917 dank einer deutschen Uniform die Matura bestand. Eine Krankenschwester berichtet Marie von Ebner-Eschenbach von den Auswirkungen der verbotenen »Dum-Dum-Geschosse« unter der Überschrift »Pflegen«, während Elise Richter unter derselben Rubrik einen blechernen »Spielzeugsanitätshund« erfindet.
Der Bursche von Franz Janowitz beschreibt dessen Freund Karl Kraus die letzten Stunden seines Herrn im Kapitel »Sterben«. Hier findet sich auch das titelgebende Zitat, das von dem am 13. Juli 1915 gefallenen Expressionisten Erich Baron stammt: »Es ist Frühling, und ich lebe noch: Doppelte Herrlichkeit und zweifaches Wunder«. Ob Franz Blei in Zeiten der Not sein Klavier verkaufen konnte, wird im Abschnitt »Versorgen« verraten.
Der Infinitiv »Verweigern« beschäftigt sich mit kriegskritischen Stimmen wie jenen von Wilhelm Börner und Karl Otten, die beide ins Gefängnis mussten. Schließlich suchen wir unter »Zensieren« mit Heinrich Gomperz nach Übersetzungshilfen aus dem Ladinischen.
Die Ausstellung wie das intensiv bebilderte gleichnamige Buch entwickeln ein vielfältiges und polyphones Panorama des Krieges von unten.
Die persönlichen Dokumente stehen für das oft jähe und brutale Einbrechen der Weltgeschichte in private Schicksale.

»Es ist Frühling, und ich lebe noch«. Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs in Infinitiven.
Von Aufzeichnen bis Zensieren - Hg. von Marcel Atze und Kyra Waldner. Unter Mitarbeit von Thomas Aigner. Mit einem einleitenden Essay von Peter Rosei. Residenz Verlag, St. Pölten

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