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Mischschritte geradeaus

Redaktion: 

  Elfriede Gerstl. Aufnahme aus den frühen 1960er Jahren (© Otto Breicha), Quelle: Österreichische Nationalbibliothek

»Gerstls Sprache ist Bestandteil einer zugleich universell-urbanen und provinziell-wienerischen Fantasie-, Gedanken- und Realwelt, deren verblüffende Strukturen Gerstls Gedichte immer wieder verfremden. Diese Sprache ist das Produkt einer konkreten historischen und geografischen Situation, die die Autorin aber ihrerseits mitgestaltet hat. Reminiszenzen an die sogenannte Wiener Gruppe, an ihre Protagonisten, ihre dichterischen Verfahren, ihren Lebensstil, ihre Mythen sind kein Zufall.«
Thomas Rothschild

Elfriede Gerstl (1932-2009) ist nicht tot, denn die hervorragende Werkausgabe des Droschl-Verlages macht ihr Werk endlich wieder zugänglich, und wo immer man sie aufschlägt, stößt man auf Texte, die ihre Frische bewahrt haben und ihr Potenzial, einen in Staunen zu versetzen oder einem schlagartig einen Erkenntnisruck zu verpassen.

Elfriede Gerstls knappe Gedichte sind wie ihre Kurzprosa und ihre scharfsinnigen Essays eine Schule der Wort-Askese und der Befreiung vom Phrasen-Ballast, der einen täglich hinunterzieht in die konventionelle, abgegriffene, verbrauchte Sprache.

Der zweite Band der Werkausgabe (gerade ist der dritte Band im Erscheinen begriffen) enthält Gerstls legendäre Wiener Mischung von 1982, die 2001 in erweiterter Form als Neue Wiener Mischung erschienen ist, deren Texte aber bis 1955 zurückreichen. Der geniale Titel Wiener Mischung erinnert nicht nur an Kaffee und eine Zuckerlmischung, sondern beschreibt das Kompositionsprinzip des Bandes: Gedichte, die aus reiner, unkontrollierter Sprachspielfreude entstanden zu sein scheinen, stehen neben präzisen Konstrukten oder Gedichten, die pointiert argumentieren.“ meldet vor kurzem der Standard.

 

schritte

ich habe schritte getan
ich habe schritte unterlassen
ich habe das unterlassen unterlassen
aus bequemlichkeit bin ich fort und fort geschritten
wohin soll mich das führen.

ich könnte mich auch liegenbleibend
was duftes philosophisches fragen
(woher komm ich/wohin geh ich/warum bin ich ich)
und bei haschisch und sauerkohl
mein leben beschliessen.

kein fortschritt wenn ich mich gehen lasse
kein rückschritt wenn ich mich liegen lasse
auf blaue nebel fehlt mir der appetit
ferne ziele liegen mir fern
ich kokettiere nicht mit der wahrheit
ich bin nicht klein genug für den grössenwahn.
ich übe mich im spazierengehen
in den vernünftigen grenzen
mal umsehen
mal brillen wechseln
meine schritte bilden ein muster
mit der zeit gehe ich genauer.

 

Aus:  Elfriede Gerstl „neue wiener mischung“. Gedichte und anderes. Literaturverlag Droschl 2001.

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