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Schlafgänger

Redaktion: 

Ausschnitt aus dem Buchcover

Samuel Meister rezensiert auf larmoyanz  den neuen Roman von Dorothee Elmiger: Schlafgänger, erschienen bei Dumont 2014:

„Schlafgänger ist ein Konversationsstück. Verschiedene Figuren, nicht gerade Charaktere, sondern eher schemenhaft vorhandene Personen, Figuren also, unterhalten sich über Grenzen, Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum, aber vor allem konkret über Migrationsgrenzen, wie die kalifornisch-mexikanische Grenzlinie oder den Rheinhafen in Basel. Es erzählen ein Logistiker, eine Schriftstellerin usw. von ihren Eindrücken, Erlebnissen bezüglich Grenzen und verleihen dem Tagesgeschäft, wie es in Zeitungszitaten im Text aufblitzt, durch ihren suchenden, !mystisch suchenden Gestus, an der Grenze von Wirklichkeit und Traum eben, eine abgrundtiefe Bedeutung. Wie schon in der Einladung an die Waghalsigen, Elmigers erstem Roman, wird die Bedeutung, die sich in der Abgrundtiefe findet, nicht explizit, aber die Suggestion, dass die Bedeutung bedeutend ist, ist eindeutig: Wie die Waghalsigen, so schürfen auch die Schlafgänger an den Grundfesten der Welt.

Dazu wählt Elmiger, ebenfalls wie im Vorgängerroman, einen poetisch beschwörenden Ton, der sich sanftest wiegt. Wir kennen diesen Ton. Vielleicht ist schon die Anspielung im Titel auf Hermann Brochs Schlafwandler gewollt, aber bestimmt ist die Nähe zu Autoren wie Gerhard Meier oder, noch zeitgenössischer, Friederike Kretzen spürbar. Es ist der klassische Ton heutiger poetischer Romanschreibung und wirkt als solcher, in gewisser Weise, vorgefertigt. Denn seine Zutatenliste ist Allgemeingut: Zunächst treten die Protagonisten als Erzähler auf und werden nur vage charakterisiert, in dem Sinn eben, in dem sie, wie oben genannt, Figuren sind. Außerdem wird das Erzählte nicht gewertet, sondern verharrt, ganz Phänomen, in der Beschreibung. Schließlich herrscht die Parataxe, und mithilfe eines Kommaschwarms werden Impressionen wie in einem Verzeichnis aufgereiht und häufig auch refrainartig strukturiert, wie in einem Gedicht eben, vielleicht sogar einem homerischen.“

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