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mitspiel. theater und poesie

Redaktion: 

Der Autor Gerhard Rühm, der Dramaturg Claus Bremer (unter dem Wasserhahn), der Künstler Ferdinand Kriwet und der Musiker Konrad Boehmer spielen mit Daniel Spoerris Kunstwerk "La douche" (1961) (Foto: Archiv Boehmer, Amsterdam)

Claus Bremer - "mitspiel. theater und poesie 1949–1994"

"Was gegenwärtig in der Kunst Hochkonjunktur hat – die Partizipation des Publikums – und was Theater-Macher wie Rimini Protokoll und Hofmann & Lindholm praktizieren – die Mobilisierung des Zuschauers – besitzt eine Vorgeschichte. Seit 1958 konzipierte der Dramaturg und Poet Claus Bremer (1924–1996) in Darmstadt und Ulm neue Spielweisen des Theaters, die er parallel zur "offenen Form" in der Musik, den interaktiven Methoden der kinetischen Kunst und den Text-Konstellationen der Konkreten Poesie entwickelte. Am 11. Juli 2014 wäre Claus Bremer 90 Jahre alt geworden. Dies bietet Anlass, seinem Werk eine eigene Ausstellung zu widmen.

Die aktuelle Ausstellung in Karlsruhe im ZKM folgt der Dramaturgie der Entwicklung Bremers vom Dichter und Übersetzer zum Dramaturgen. Bremer gehörte zur "Gruppe der Fragmente", die sich zwischen 1948 und 1954 für die Vermittlung moderner Literatur, vor allem aus den USA, einsetzte. In ihrer Revue für moderne Dichtung. Fragmente veröffentlichte sie in Karlsruhe und Freiburg Texte von Ezra Pound, Charles Olson und Henry Miller und war damit der literarischen Gegenwart der Bundesrepublik weit voraus.

Darauf aufbauend entwickelte Bremer in den späten 1950er-Jahren eigene neue Textformen, mit denen er zu den Pionieren der visuellen und konkreten Poesie zählte. Er publizierte seine konkrete Dichtung in bedeutenden Anthologien, wie An Anthology of Chance Operations (zusammen mit La Monte Young, John Cage, Walter De Maria u. v. a., 1961/1963) und auch eigene Gedichtserien als autonome Broschüren. Diese frühen Arbeiten werden im ZKM | Museum für Neue Kunst in eigenen Displays gezeigt. Die Verfahren der Kombinatorik, Konstellation und Permutation, die Bremer in seiner dichterischen Arbeit entwickelte, dehnte er auch auf Lesungen aus. Zusammen mit Daniel Spoerri und Nusch Bremer veranstaltete Claus Bremer eine Simultanlesung (Düsseldorf, 1959) und improvisierte mit Emmett Williams Dialoge (Darmstadt, Ende der 1960er-Jahre).

Diese konzeptuellen und performativen Elemente übertrug Bremer schließlich auf das Theater und entwickelte dort gemeinsam mit anderen erste Modelle der Partizipation des Publikums. Mit Daniel Spoerri sammelte Bremer Beispiele für das dynamische Theater (1959), das den Zufall einbezog. Paul Pörtner schrieb auf seine Anregung hin drei "Mitspiele". Bremer war Ideengeber für Werner Ruhnaus "Spielstraße" bei den Münchener Olympischen Spielen 1972.

Darüber hinaus arbeitete Bremer sowohl mit Wolf Vostell als auch mit Bazon Brock zusammen, mit denen er das Interesse an der Ein- beziehung des Publikums im Theater, Happening etc. teilte. Insofern steht die Ausstellung in Zusammenhang mit der Schau Beuys Brock Vostell (bis 9. November 2014) im ZKM. 1964 integrierte Bremer das Happening In Ulm und um Ulm und um Ulm herum. Happening aus 24 verwischten Ereignissen (Die Überlebenden des nackten Einkaufspreises) von Wolf Vostell in den Spielplan des Ulmer Stadttheaters. Vostells Arbeiten regten Bremer wiederum zu einem Collagen-Theaterstück an (Hände weg von meinem Ferrari, 1967). Bazon Brock war Ende der 1950er-Jahre Claus Bremers Mitarbeiter am Darmstädter Theater und der Theaterzeitschrift Das neue Forum.
"Interaktives" Theater

Im Mittelpunkt von Bremers Arbeit als Autor und Dramaturg in Darmstadt und Ulm zwischen 1952 und 1966 stand die Mitwirkung der Leser und Zuschauer am Text oder Theaterstück. Claus Bremer beschrieb dieses "Mitspiel" folgendermaßen: "der autor fordert die schauspieler zum mitspielen auf. die schauspieler fordern durch ihr mitspielen die zuschauer zum mitspielen auf. das mitspielen der zuschauer fordert die schauspieler zum mitspielen auf, deren mitspielen wieder die zuschauer zum mitspielen auffordert usw." (Claus Bremer, versuche mit festgelegten und nicht festgelegten aufführungen, 1963)

"Bitte anfassen!" hieß die Aufforderung der kinetischen Kunst, die für Bremer zum Vorbild seiner Theaterarbeit wurde. „Zwischenrufe erlaubt“ war die Spielregel für das Mitspiel Scherenschnitt von Paul Pörtner (1925–1984), das 1963 am Ulmer Theater zur Uraufführung kam. Die Zuschauer spielen darin die Rolle von Zeugen bei der Ermittlung eines Mordfalls über einem Friseursalon.
Die Manifeste und Resultate dieser neuen szenischen Kunst hat die demokratischen Utopien der Bürgerbeteiligung und der direkten Demokratie freigelegt, wie sie in den 1960er-Jahren erstmals auf breiter Basis, von Joseph Beuys bis zu den Studentenbewegungen, eingeführt wurden. Da das Werk Bremers aufgrund der Marktorientierung der Kunstszene in Vergessenheit geriet, schien es wichtig, diesen Avantgardisten, der das Handlungsmoment entschieden auf das Publikum übertragen hat, mit einer Ausstellung zu würdigen und zu vergegenwärtigen. Anhand von Programmheften, Künstlerzeitschriften, Büchern und audio-visuellen Dokumenten wird die Arbeit Claus Bremers präsentiert.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation mit den wichtigsten Texten Claus Bremers zum Theater im Alexander Verlag, herausgegeben von Peter Weibel und Holger Jost: Claus Bremer: mitspiel. Texte zum Theater 1948-1971.
 (Quelle: Pressetext)

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