Fixpoetry

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Nachlese Leukerbad

Redaktion: 

Still aus „Im Augenblick“ - Rauriser Tauernscheckengeiss auf der Alm.

Marie Luise Knott gestern im perlentaucher mit Beobachtungen vom 19. Internationalen Literaturfestival im Walliser Leukerbad.

„In diesem Jahr strömten die Besucher am helllichten Tag zu dem Ziegenfilm "Im Augenblick", den der österreichische Dichter Bodo Hell vorstellte. Hell, ein Poet der Wiener Schule, feiert in seinen sich mitunter überstürzenden und dann wieder jäh abbrechenden Satzkaskaden die Überfülle der Schöpfung, vor der wir staunend stehen. Noch immer, mit seinen über 70 Jahren, verbringt er Sommer für Sommer als Senner auf einer Alm im Dachstein-Gebiet, wo er 140 Ziegen hütet und für sein Schreiben, wie er sagt, "ambulanten Anschauungsunterricht, Studien in Wahrnehmung, Rhythmus und Weitblick" erhält. Kein Wunder dass die langjährige Dichter-Freundin Friederike Mayröcker in einem Motto ihres jüngsten Bandes "études" sein "woher Fleisch des Gedichts" zitiert; dann beginnt ihr Vers: "und bin im freien Fall: bin Schwalbe Zeisig Drossel".

Katharina Faber erinnerte an Ransmayrs Eismeister Carlsen, der samt Harpune von einem Walroß in die Tiefe der Meere gerissen wird, während Naudés Langgedicht "Interkontinentale Schnittstelle" koloniale Verwerfungen zwischen Südafrika und Antwerpen in den Blick rückte; es ging um Hände, Leichen von Befreiungskämpfern und um Schädel mit pockennarbigen Einschusslöchern. Dagegen setzte Esther Kinskys Vortrag auf die Wiederbenennung der Welt und ließ allerlei Archaisches, Verwildertes und Gefährdetes wuchern.

Oh lieber schwarzer lieber
gottvergess wend ab
das übel unverhofft das vöglein
fiederlos das uns zu nah
an herz und schulter sitzt und nichts
zu zwitschern weiß als dieses lied“

***

Beobachtungen von Martin Ebel im tagesanzeiger, der sich mehr der prosaischen Seite widmete:

„Hans Ruprecht hatte auffällig viele starke Autorinnen eingeladen mit berührenden, beklemmenden, schockierenden Geschichten, die den Hörer noch lange verfolgen, auch nach dem Abstieg in die Ebene. Autorinnen aus Ländern, denen die jüngere Geschichte schrecklich mitgespielt hat und die in ganz unterschiedlichen Stillagen schildern, wie die eiserne Faust politischer Umbrüche in Familien hineinschlägt, die doch bloss ihr kleines labiles privates Glück bewahren wollen.

Bei der Türkin Sema Kaygusuz führt ein Schneider mit einer Kundin philosophische Gespräche, und plötzlich ist von einem dem Erdboden gleichgemachten Kurdendorf die Rede. Die aus Moldau stammende Liliana Corobca führt in ihrem Roman «Ein Jahr im Paradies» in ein Bordell, in dem Mädchen sich den Freiern auf besondere Weise zur Wahl präsentieren müssen, nämlich waag­recht an je einem Hand- und Fussgelenk aufgehängt. Joanna Bator, frisch gekürt mit dem Leuker Spycher-Preis, erzählt, wie Polen aus dem Osten, selbst umgesiedelt, die Gärten der vertriebenen Deutschen umwühlen auf der Suche nach vergrabenen Schätzen. Die Pointe aus dem biblischen Weinberg-Gleichnis fehlt natürlich: dass die Wühlerei den Boden fruchtbar macht, also selbst die Belohnung herstellt.

Näher an der Gegenwart ist die Ukrainerin Tanja Maljartschuk, die mit «Biografie eines zufälligen Wunders» einen weiblichen Schelmenroman – ihre Schelmin hat auch noch das Helfersyndrom – geschrieben hat, ganz in der Tradition osteuropäischen skurrilen Humors. Sie lebt seit einigen Jahren in Wien und hat den Umbruch in der Ukraine in einer ­Mischung aus innerer Nähe und fast zwanghafter äusserer Distanz wahrgenommen: «Ich hatte keine Worte mehr.» Dass sie stattdessen eine Mahnwache in Wien organisiert hat, ist eine Geschichte, die aus ihrem Roman stammen könnte.“

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