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„Der nonkonforme Blick“

Redaktion: 

Verfolgung des Dissidenten František Kriegel durch zwei Mitarbeiter der Staatssicherheit, Prag 1977 (Fotos: Ivan Kyncl, Archiv der Forschungsstelle Osteuropa, Bremen)

Ein Fotoapparat – das war das Mittel, mit dem der Prager Fotograf und Dissident Ivan Kyncl (1953 – 2004) in der so genannten Ära der „Normalisierung“ nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 in der Tschechoslowakei der 1970er Jahre das kommunistische Regime herausforderte. Die kommunistischen Machthaber, die das Deutungsmonopol über die Wirklichkeit beanspruchten, versuchten immer auch, die visuelle Wahrnehmung des „real existierenden“ Sozialismus zu lenken. Doch zu keinem Zeitpunkt gelang es ihnen, die Bildproduktionen vollständig zu kontrollieren. Auch wenn „abweichende“ Fotografien in den staatlichen Medien nicht veröffentlicht werden konnten, kursierten sie doch unter Gleichgesinnten in den oppositionellen Zirkeln der „parallelen Kultur“.

Zu den nonkonformen Fotografen gehörte auch der Prager Fotograf und Unterzeichner der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung Charta 77 Ivan Kyncl. Seine Fotografien schrieben in zweifacher Weise Geschichte: zum einen dokumentieren sie die Verfolgung der tschechischen Dissidenten durch das Husák-Regime und zeigen den Alltag marginalisierter Gruppen in der CSSR nach der Niederschlagung des Prager Frühlings von 1968 aus einer ideologisch „abweichenden“ Perspektive. Zum anderen sind seine Fotografien selbst Ausdruck einer widerständigen Praxis.

Kyncl gelang es, die Überwachung des repressiven Staatsapparats genau zu dokumentieren und diese Fotos im Westen, etwa in The Sunday Times oder im Stern, zu publizieren. 1980 ging Kyncl ins Londoner Exil und konnte sich dort eine erfolgreiche Existenz als Theaterfotograf aufbauen.

Die Ausstellung  präsentiert erstmals einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland und in Tschechien das Werk von Ivan Kyncl und würdigt den Ideenreichtum und den Mut, mit dem der Fotograf gegen die verordnete Ansicht der „schönen neuen Welt“ des Sozialismus rebellierte. Zu sehen sind rund 200 Fotografien aus dem fotografischen Nachlass Ivan Kyncls, der im Archiv der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen aufbewahrt wird. Im Anschluss an die Präsentation in Bremen wird Kyncls Werk im Frühjahr 2015 im Mährischen Landesmuseum in Brünn sowie im Nationalmuseum in Prag gezeigt.

Ausstellung im Rathaus Bremen (Untere Rathaushalle- Zugang von der Seite Liebfrauenkirche, Am Markt 21 • 28195 Bremen)
11.7.-17.8.2014 „Ivan Kyncl | Rebellion mit der Kamera“

Der Ausstellungskatalog ist bei kerber erschienen.

Link zum Thema:
Heidrun Hamersky: Der nonkonforme Blick. Ivan Kyncls Fotografien der tschechoslowakischen Gesellschaft in der Zeit der „Normalisierung“.

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