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Redaktion: 

Silvie Defraoui - Polarmeer, 2014 (Quelle:Kunstmuseum Solothurn)

„Wir befinden uns in einem offenbar südlichen Landhaus, gehen mit der Kamera von Zimmer zu Zimmer, Ferienstimmung kommt auf, Sehnsucht auch. Dann schwenkt, wie eine Kapitelüberschrift, ein Tuch durch das Bild.

Und eine Stimme beginnt auf Französisch zu erzählen, etwa: «Der grosse Affe kennt die Schrift. Seine Kalligrafie ist schön. Er schreibt die besten Verse. Er findet die guten Reime. Seine Manieren sind perfekt. Er benimmt sich rücksichtsvoll. Er kennt die grossen Weine, die guten Speisen, die beste Kunst. Auch spielt er Schach und gewinnt immer. Infolgedessen und im Hinblick auf all dies hat man ihm menschliche Gestalt gegeben.»

Erzählt werden so Paraphrasen aus «1001 Nacht». Eine neue Ebene, neuer Stoff für die Fantasie ist ins Landhaus ­gekommen, in dem im Übrigen kein Mensch, aber durchaus die fast intim wirkenden, liebevoll arrangierten Spuren von Bewohnerinnen und Bewohnern zu sehen sind.

Neben den Bildern ist es also auch die Sprache, die im Werk von Defraoui eine zentrale Rolle spielt. Vielleicht müsste man eher von Sprachzeichen ausgehen, die sich bis ins Ornamentale verwandeln und so wiederum eine grosse Offenheit erlauben. Wie liest sich also ein Gedicht, von dem immer nur die Hälfte jedes Buchstabens zu sehen, die andere jedoch abgedeckt ist?“

Konrad Tobler bespricht im Tagesanzeiger die Ausstellung von Silvie Defraoui  Und überdies Projektionen (Archives du futur),die noch bis zum 3. August im Kunstmuseum Solothurn läuft.

Das Kunstmuseum Solothurn widmet Silvie Defraoui (* 1935), Pionierin der Video-Kunst und lang­jährige Professorin der Ecole supérieure d’art visuel ESAV in Genf, eine umfangreiche Einzelausstel­lung. Zusammen mit ihrem Mann Chérif Defraoui (1932-1994) arbeitete sie ab 1975 an den Archives du futur. Dieser inten­siven Beschäftigung mit Zeit, Existenz und Wahrnehmung verschrieb sie sich auch nach dem Tod ihres Partners mit Videos, Fotografien und Installationen unvermindert weiter. Die Ausstellung steht in einer langen Reihe von Präsentationen. Wichtigste Stationen waren die Beteili­gung an der Documenta IX in Kassel (1992), eine Einzelausstellung im Helmhaus Zürich (2000) so­wie die Retrospektive des Kunstmuseums St. Gallen, die auch in Genf und in Thessaloniki (2004/05) gezeigt wurde. Nach einer Ausstellung im Centre Culturel Suisse in Paris (2009) bietet die über sieben Säle angelegte Präsentation des Kunstmuseums Solothurn nun die Möglichkeit, die neuesten Werke im Kontext früherer Arbeiten kennen zu lernen.

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