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Junge Pferde werden 100

Redaktion: 

Erstausgabe 1914 in der Reihe "Der jüngste Tag"

„Jenny Horst ist am 23. Januar 1948 gestorben. Seitdem fehlt ein Koffer. Ein unscheinbares Gepäckstück, das die heillose Flucht von Westpreußen nach Thüringen unbeschadet überstanden und in dem sich der Nachlass eines Dichters befunden hat. Briefe, Texte, wohl auch Fotografien.

Nach dem Tod von Jenny Horst im Altenheim von Gehren darf die Hinterlassenschaft als verschollen gelten. Heute lebt niemand mehr, der Paul Boldt beschreiben könnte. Kein Bildnis hat sich erhalten, kaum Handschriftliches.

Das Überlieferte ist überschaubar, schnell gelesen: 85 Gedichte, zwei Prosa-Miniaturen, sechs Postkarten aus dem Jahre 1913. Das Wenige aber ist von elementarer Kraft, explosiv.

Vor hundert Jahren erschien der einzige Lyrikband des am Silvestertag 1885 geborenen Paul Boldt. „Junge Pferde! Junge Pferde!“ wurde von Kurt Wolff als elfter Band in der Reihe „Der jüngste Tag“ herausgegeben und machte den Verfasser schlagartig bekannt.“

Olaf Velte blickt in der Frankfurter Rundschau zurück auf den vor 100 Jahren erschienen Gedichtband. 

 

Junge Pferde

Wer die blühenden Wiesen kennt
Und die hingetragene Herde,
Die, das Maul am Winde, rennt:
Junge Pferde! Junge Pferde!

Über Gräben, Gräserstoppel
Und entlang den Rotdornhecken
Weht der Trab der scheuen Koppel,
Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!

Junge Sommermorgen zogen
Weiß davon, sie wieherten.
Wolke warf den Blitz, sie flogen
Voll von Angst hin, galoppierten.

Selten graue Nüstern wittern,
Und dann nähern sie und nicken,
Ihre Augensterne zittern
In den engen Menschenblicken.

 

(1914)

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