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Mister Pfister

Redaktion: 

Judith Hermann. Foto: Andreas Labes (Fischer-Verlag)

Martin Ebel rezensiert heute im Tages-Anzeiger den ersten Roman von Judith Hermann und wirft erstmal einen Blick zurück:
„Kult – wenn es auf eine Gegenwartsautorin zutrifft, dann auf Judith Hermann. Ihr erster Erzählband «Sommerhaus, später» (1998) prägte ein Lebensgefühl und einen Ton: kurze, tastende Sätze, ein unsicheres, junges Personal, das in Berliner Mietwohnungen auf den Balkon tritt, raucht und wartet, dass das Leben anfängt. Eine ganze Generation schrieb plötzlich auch so oder identifizierte sich damit. Judith Hermann wurde zur ­Ikone – nicht zuletzt durch jenes berühmte Porträtfoto, und auf dem die Autorin, im Halbschatten vor einem Fenster sitzend, melancholisch in die Ferne schaut.

Ein Trompetenstosslob von Reich-Ranicki und ein Etikett, das haften blieb («Fräuleinwunder»); 500'000 verkaufte Exemplare allein dieses Bandes, und längst ist die Autorin in der Sekundär­literatur angelangt, als Kronzeugin dafür, wie der Literaturbetrieb Kultfiguren erschafft. Ganz ohne Substanz geht das allerdings nicht, und Judith Hermann bewies in zwei weiteren Erzählbänden, was sie kann: Stimmungen einfangen und die richtigen Sätze dafür finden.

Hermanns grösste Stärke ist aber nicht die Psychologie, sondern ihre Kunst, die Figur aus der Sprache entstehen zu lassen. Sie sagt nicht, wie Stella ist, sondern lässt es uns selbst entdecken, indem wir Stella erschaffen. Dadurch werden wir zum Mitakteur des Romans. Was sind das für Sätze? Auch sie entbehren der festen Kontur, tasten sich voran, ins Ungewisse, wie eine Spinne aus sich heraus den Faden zieht, an dem sie sich dann herunterlässt. Oft sind sie widersprüchlich oder ambivalent. … Das ist Gefühlszeitlupe, in Prosa umgesetzt.“

Ijoma Mangold findet in der ZEIT das, was Ebel positiv sieht (die Luft, die in der Kürze steckt und die sich selber auswickeln läßt), jedoch schlecht: „Eigentlich sagt sie kaum etwas – doch die unausgesprochene Bedeutung wabert wie Nebel zwischen den Zeilen. Ihre Sätze reklamieren durch rigorose Lakonie (nur kein Wort zu viel!) ein Maximum an Unschuld und scheinbarer Offenheit, in Wahrheit entsteht um sie herum eine Atmosphäre, die man freundlich "dicht" oder kritisch "penetrant" nennen muss. Die Lakonie wird so lakonisch, dass sie von Prätention nicht mehr zu unterscheiden ist.“

Ein Interview in der WELT gibt einige Auskünfte der Autorin selbst.

Judith Hermann: Aller Liebe Anfang. Roman. S. Fischer, Frankfurt 2014.

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