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Das Jahr des Julio Cortázar

Redaktion: 

Julio Cortázar und Carol Dunlop (Quelle: suhrkamp)

Christoph W. Bauer erinnerte vor zwei Tagen im Standard anläßlich des 30. Todestages an Julio Cortázar (in wenigen Tagen, am 26. August jährt sich sein Geburtstag zum 100ten Mal):

„Nach Abschluss der Schule geht Cortázar als Lehrer in die Provinz, seine ersten Kurzgeschichten entstehen. 1938 veröffentlicht er unter einem Pseudonym einen Gedichtband, die Lyrik wird ihn weiterhin begleiten. Ende der 1970er-Jahre erscheint in Frankreich eine Schallplatte mit Tangos, zu denen Cortázar die Gedichte schreibt.

Da ist er bereits ein gefeierter Schriftsteller, wovon 1938 nicht die Rede sein kann, die Auflage des Gedichtbands beläuft sich auf 250 Exemplare (Anmerkung FM: den Band veröffentlicht er unter dem Pseudonym Julio Denis. Es gibt kaum Gedichte von ihm. 1979 widmet er seiner Freundin und Kollegin Cristina Peri Rossi fünfzehn Gedichte, die sie ihrer bislang nur auf Spanisch vorliegenden Cortázar-Biographie beigefügt hat, s. Eva Karnovsky.) Zehn Jahre später wird Das besetzte Haus, ein Meisterstück fantastischer Literatur, in einer von Jorge Luis Borges edierten Zeitschrift abgedruckt, was einer Adelung gleichkommt. Borges gehört zu den wenigen argentinischen Autoren, denen Cortázar Bewunderung entgegenbringt, die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit.“

„In den meisten seiner literarischen Werke präsentiert Julio Cortázar einen neuen Realitätsbegriff: einerseits spiegelt er in der formellen Struktur seiner Kurzgeschichten und seines Romans Rayuela die homöostatische Natur und rekursive Tendenz der Wirklichkeit wider; andererseits setzt er die Empfindung erzwungenen Fremdseins so ein, dass sie die menschliche Entfremdung von der empirischen Realität als Instrument psychologischer Veränderung darstellt.
Indem er das austauschbare Verhältnis zwischen dem Fantastischen und dem Realistischen ausnützt, kann Cortázar Rayuela und seinen Kurzgeschichten eine zirkuläre und systemische Struktur verleihen, die die eigentliche Natur und Essenz der Wirklichkeit abbildet: eine Mischung aus konkreten und eingebildeten Erfahrungen, wie sie im menschlichen Geist vorkommt.
In Cortázars Werken ist die Wirklichkeit selbst eine rekursive und „geschlossene” Dimension, die paradoxerweise gleichzeitig auch für verschiedene Möglichkeiten offen ist. Es liegt in der eigenen Verantwortung des Lesers, für sich selbst die beste Interpretation auszuwählen, ebenso wie es die Aufgabe des Lesers ist, den Anfang, das Ende und in gewissen Fällen auch den Inhalt der Geschichte auszuwählen, die er oder sie gerade liest.“
Der Verlagstext zu Michaela Sopranzi: Julio Cortázar. Un escritor sistémico. Martin Meidenbauer Verlag 2011.

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Anläßlich des 100.Geburtstages nun bei suhrkamp erschienen:

Julio Cortázar, Carol Dunlop: Die Autonauten auf der Kosmobahn - Eine zeitlose Reise Paris – Marseille. Aus dem Spanischen von Wilfried Böhringer.

Eines Frühsommertages fahren Julio Cortázar und seine Ehefrau Carol Dunlop mit ihrem VW-Bus auf die Autobahn Paris – Marseille. Ausgestattet mit Proviant, Musik, einer Kamera und zwei Reiseschreibmaschinen, verfolgen sie, beide bereits sterbenskrank, ein letztes gemeinsames Vorhaben: unterwegs alle 63 Rastplätze anzusteuern, auf jedem zweiten zu übernachten. Mit dem drängenden Eifer von Forschungsreisenden dokumentieren sie ihre Expeditionserlebnisse in einem Logbuch. Es gehen da die bukolischen Horizonte, Begegnungen mit Müllmännern, Beschreibungen erster Skorbut-Symptome, überdies Fotos von allerhand Fauna und Seltsamkeiten und detailgetreue Geländeskizzen ein – bald auch, unter tätiger Mithilfe ihrer Fantasie, dunkle Bedrohungen durch mörderische Hexenjäger und Geheimagenten. Und bei alledem leben diese Reisenden in der Enge ihres Gefährts wie Liebende auf einer einsamen Insel.

Die Autonauten auf der Kosmobahn ist eine der schönsten Expeditionen der Literaturgeschichte – eine vor Witz und Hintersinn überbordende Ethnographie des Alltagslebens und zugleich ein berührendes amouröses Zwiegespräch.

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