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Plagiate als Gut

Redaktion: 

Eduard Engel (1851–1938) Literarhistoriker, Schriftsteller, Sprachkritiker Bildquelle: Herrmann, Alfred: Hamburg und das Hamburger Abendblatt, 1928

Heute in der NZZ eine ausführliche Enthüllung  von Stefan Stirnemann über  den schamlosen, plagiatorischen Hintergrund der so weitverbreiteten  „Stilkunst“ von Ludwig Reiners:

Eduard Engel (1851–1938), ein Deutscher jüdischer Herkunft, nennt seine «Deutsche Stilkunst», die erstmals 1911 erschien, das «Ergebnis der Erfahrungen eines Schreibers, der sich durch mehr als ein Menschenalter um Sprache und Stil bemüht hat». Engels Erfahrung war vielfältig: Als Herausgeber des «Magazins für die Literatur des In- und Auslandes» schrieb er «Literaturvermittlungsgeschichte», wie Anke Sauter in ihrer Dissertation aus dem Jahr 2000 feststellt; er habe Theodor Fontane als Erzähler entdeckt und Wilhelm Raabe, Detlev von Liliencron, Emil Zola und Edgar Allan Poe gefördert. Er veröffentlichte auflagenstarke Literaturgeschichten verschiedener Sprachen.

Als Beamter war er mehr als dreissig Jahre Stenograf des deutschen Parlaments: «Von mir ging die Kunde, ich könnte selbst mit einem Besenstiel stenografieren; aber das war erfunden.» In diesem amtlichen Dienst habe er, so schreibt er, Zehntausende langer und kurzer Reden pflichtmässig auf ihre Form geprüft.“

Bei ihm (und anderen Autoren) hat Reiners sich bedient und 1944 seine eigene „Stilkunst“ vorgelegt, die noch heute (im144. Tausend) mit dem Untertitel „ein Lehrbuch deutscher Prosa“ greifbar ist.

Stefan Stirnemann: „Einige Beispiele verdeutlichen den Charakter des geistigen Diebstahls. Engel schreibt im Abschnitt über das Adjektiv (bzw. Beiwort): «Wenn des Aristoteles Bericht der Wahrheit entspräche, in des Alkibiades Reden seien die Beiwörter nicht bloss eine Würze, sondern die Hauptkost gewesen, so wäre Alkibiades ein eitler blumiger Schwätzer gewesen – zur Bestätigung des Satzes, dass der Stil der Mensch selber ist.» Auch Reiners hat einen Abschnitt über das Adjektiv: «Es ist kein Zufall, dass – nach dem Zeugnis des Aristoteles – gerade der schillerndste Charakter des Altertums das Beiwort zum Kern seines Stiles gemacht hat, nämlich Alkibiades.» Nun ist es so, dass Engel zwei Namen verwechselt hat, Aristoteles kritisiert nicht Alkibiades, sondern Alkidamas; Engel berichtigte den Irrtum in der letzten Auflage.“

Ein ausführlicherer Aufsatz zum Thema ist nachzulesen hier.

Ludwig Reiners gab übrigens auch „ein Hausbuch deutscher Dichtung“ heraus: „Der ewige Brunnen“, dessen aktualisierte und von Albert von Schirnding erweiterte Fassung ebenfalls noch heute im Handel erhältlich ist.
 

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