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Mein Ung – dein Dung

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schreibkraft sucht Beiträge für Heft 28: "wie meinen?" und hat folgende ausschreibung ausgesendet:

„Das Hässliche an Meinungen ist ihre fatale Neigung zur Rechthaberei.“ (Ijoma Mangold)

Meinung – was für ein schönes Wort, erinnert es uns doch an die Fähigkeit des (erwachsenen) Menschen, sich über etwas ein Bild zu machen, Details betreffend eines Sachverhalts nachzufragen, zu rätseln und abzuwägen um dann irgendwann einmal zu einem Ergebnis zu kommen, das er für sich genommen für wahr hält. Meinungsbildung nennt sich das und die Meinungsforschung hat mit ihr ein schönes Betätigungsfeld. Kontrastierend dazu gibt es aber auch die Meinungsmache. Und die ist in ihrem Wesen agitatorisch, verführend und nimmt es mit dem Abwägen objektivierbarer Kriterien nicht immer ganz so genau.

 

Meinung – wir alle sollten sie haben und im Zeitalter der multiplizierten Kommunikationsplattformen ist sie anscheinend gefragt wie nie. Kaum einmal wird man heutzutage befremdeter angestarrt als wenn man verlautbart, zu diesem (oder jenem) Thema keine Meinung zu haben, schon gar nicht eine explizite. In Zeiten des selbstermächtigten Expertentums (danke, facebook, Twitter und Co), in denen uns das Hirn durch wikipedia-unterlegtes Schwarmwissen und durch Social-Media-genährte Bekanntmachungen wundgeschossen wird, fehlt es an vielem, nicht jedoch an Meinungen. Die extensive Beschäftigung mit Gott und der Welt steht der intensiven Auseinandersetzung mit dem Detail gegenüber. Jeder, der mit wenigstens zwei Fingern tippen kann, darf etwas meinen. Online geht das allemal. Doch stopp!

„Wir müssen zu schonungslosen Zensoren unserer selbst werden!“ Dieser Forderung des französischen Philosophen Alain Badiou schließen wir uns jetzt einmal vorbehaltlos an und plädieren für ein mehr an Innehalten, an Reflexion, an Nachdenken – und zwar vor der nächsten meinungsstarken Äußerung. Den Trend nämlich, das wichtige und hart erkämpfte Grundrecht der Meinungsfreiheit dahingehend misszuverstehen, als es moralische Verpflichtung sei, seinen Senf zu allem und jedem hinzuzufügen, möchten wir mit dieser Nummer der schreibkraft kritisch hinterfragen.

Ein kurzer Blick in die Kommentarseiten diverser Online-Medien und Foren genügt: Gepostet wird auf Teufel komm raus – und in den seltensten Fällen sind dort reflektierte, wissende, interessierte oder gar fragende Stellungnahmen zu lesen, sondern eher reflexartige und intuitive Äußerungen, Meinungen im schlechtesten Wortsinn also. Denn, so steht es auf Wikipedia zu lesen (ja, auch wir zitieren es): „Meinung ist dem Glauben verwandt und ein Gegenbegriff zu Wissen.“ Nur, die der Meinung laut Definition ebenfalls innewohnende „Möglichkeit des Irrtums“, so Wikipedia weiter, wird gerne vernachlässigt und die eigene Ansicht flugs zum Maß aller Dinge erklärt.

Medienkritisch betrachtet verkörpert Meinung oft auch den Gegenbegriff zur guten alten Recherche. Unzähl- und vor allem -lesbare Blogs unterschiedlichster Qualität wuchern im weltweiten Netz – und werden immer wieder auch als journalistische Formate missverstanden. Selbst als Vertreter des guten alten Printjournalismus zieht man sich ab einem gewissen Lebensalter gerne (oder auch gezwungenermaßen) auf einen gut dotierten Kolumnisten-Vertrag zurück, wird dadurch von Recherche o.ä. entbunden und zehrt von seiner Lebenserfahrung.

Überhaupt scheint mit dem Alter auch die Meinungsstärke übermäßig anzusteigen. Besonders ehemalige Politiker sudern und besserwissen sobald ein Mikrofon am Horizont auftaucht. Gerne kommentieren und fordern sie dann Dinge, die sie in ihrem aktiven politischen Leben natürlich niemals zustande gebracht haben. Und die dafür in der Öffentlichkeit auch noch hohe Popularität genießen.

Vielleicht liegt diese Popularität auch daran, dass deren Äußerungen, wenn schon nicht von Wissen, dann doch von so etwas wie Haltung geleitet wird. Von Überzeugungen, die auch im Falle von mangelnder empirischer Beweisführung eine klare Richtung vorgeben. Ist das oben konstatierte Zuviel an Privatmeinung vielleicht gar nur eine Reaktion auf die völlige Absenz von Haltung des gesamten aktiven Politpersonals? Das sich anstelle von Überzeugung lieber von der letzten „Meinungs“-umfrage leiten lässt. Beißt sich die Katze hier gar in den Schwanz?

Bei diesen Vorbildern darf es nicht verwundern, wenn das Phänomen des Meinungsabsonderns zum Volkssport verkommt. So simpel, eindimensional und falsch kann eine Meinung gar nicht sein, dass sie nicht von irgendjemandem im Brustton der Überzeugung und voller Stolz geäußert werden würde. In aufsteigender Zeitgenossenschaft reicht das Spektrum vom Leserbriefschreiber zum Online-Poster, der Stammtisch findet sich bei Facebook wieder, aus dem Opinion Spam wird, in sozialen Medien orchestriert, der Shitstorm: das zeitgenössische Äquivalent zur Hexenjagd. Geballte menschliche Empörung – mit dem Unterschied allerdings, dass mit dem Akt des Klickens schon genug Aktivität gezeigt wurde – brennen muss zumindest niemand mehr. Und doch zeigen gerade letztgenannte Phänomene, dass es von der absoluten Meinungsfreiheit zur sozialen Kontrolle nur ein kleiner Schritt zurück ist.

Ein Schritt zurück in Lebensrealitäten, die weite Teile der Weltbevölkerung noch nie verlassen konnten. Denn bei aller Kritik an der Erscheinungsform sei doch nicht vergessen, dass all das letztendlich Luxusphänomene (oder auch Auswüchse) demokratisch konstituierter Gesellschaften sind, die über die Jahrhunderte hart erkämpft wurden – und auch im 21. Jahrhundert beileibe nicht in allen Weltregionen selbstverständlich. Dort gilt auch heute noch was politische oder religiöse Anführer vorgeben, deviante Überzeugungen werden hart bestraft (und können oft ausschließlich in den gerade eben gescholtenen Online- und sozialen Medien geäußert werden ...)

Und ja: Die Katze beißt sich in den Schwanz. Sie springt im Kreis und jagt ihm hinterher. Wer zum Meinen eine Meinung hat, gerät schnell selbst in ein widersprüchliches Gewurstel. Stimmst? Das haben Sie sich auch gerade gedacht! 

Feiern Sie also mit uns das Menschenrecht der Meinungsfreiheit! Lobpreisen Sie ebendieses, beleuchten Sie seine Genese oder berichten Sie von dessen Helden. Kritisieren Sie all jene, die Missbrauch damit treiben oder jene, die Sie schlicht nerven. Schreiben Sie aber um Himmels willen nicht nieder, was Sie glauben, sondern was Sie über Meinungen und deren Einschränkung wissen. Denken Sie nach und senden kluge Abhandlungen, brillant recherchierte Texte, hart erlebte Reportagen, kritische Interviews oder unseretwegen auch die eine oder andere Glosse. Die aber muss dann auch wirklich originell sein. Willkommen sind essayistische, feuilletonistische oder literarische Beiträge.

Einsendeschluss ist der 05. Oktober 2014. Einsendungen bitte elektronisch an:
Die schreibkraft sucht ausschließlich bisher unveröffentlichte Texte. Die Redaktion trifft aus allen eingesendeten Texten eine Auswahl. Von der Redaktion zur Veröffentlichung ausgewählte Beiträge werden honoriert. Die Texte sollen nicht länger als 19.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) sein. Bitte vermerken Sie die Länge Ihres Textes am Ende des Dokuments. Bitte schreiben Sie in die Kopfzeile des Textdokuments Ihren Namen und Ihre E-Mail-Adresse.

 

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