Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Fix Zone

Sonette von Thoor

Redaktion: 

Nadja Küchenmeister heute im Deutschlandfunk über die Werkausgabe von Jesse Thoor:

„In seinem so klugen wie kenntnisreichen Essay erläutert Michael Lentz dicht und genau die wechselvolle Geschichte, die das Sonett seit dem Barock durchlaufen hat, von hoher Wertschätzung bis hin zu vernichtender Ablehnung. Lentz bezweifelt, dass Jesse Thoor die großen Meister des Vierzehnzeilers allesamt gelesen hat, bescheinigt ihm aber dennoch "im Spannungsfeld von Tradition und Selbstbehauptung" eine unverwechselbare Handschrift. Zurecht! Unnachahmlich, wie Thoor die Form eng schnürt und seinen religiös-mystischen Gedichten dennoch Luft zum Atmen lässt, wie er den hohen Ton mit dem Jargon der Gosse kombiniert, wie er volksliedhafte Sentenzen auf psalmodierende Litaneien treffen lässt, wie er, wo er dem Schweigen den Vorzug gibt, die Stille durch Striche markiert, wobei dieser existenzielle Mahner und Rufer, dieser Spötter und Gerechtigkeit einfordernde Dichter, bei aller Vorliebe für die emphatische Wiederholung, für den moralischen Appell und den pathetischen Ausruf niemals sentimental oder gar peinlich wird. Das mag auch daran liegen, dass er, der immer nah am eigenen Herzen schrieb, selbst zu den Armen und Versehrten gehörte, denen im Leben wie in der Literatur seine Zuneigung galt.“

Rede von der Anschauung

"Und es kommen die Vögel von den Bergen und aus jeder Richtung.
Und es kommen die Fische mit den hellen Kreuzen auf ihren Rücken.
Und die Sterne mit den verzweigten Augen und mit den weisen Händen.
Und die Monde mit den silbernen Geräten und den höchsten Reden.

Und du bleibst immer bei mir, und du verläßt mich nicht.
Und du wendest mühelos meinen Leib, und du begleitest mich.
Und du läuterst meine Wünsche, und du änderst meine Gedanken.
Und du richtest mich wieder auf, und du beendest meine Not.

Und ich erwäge den Lauf des Regens und den Rat der Sonne.
Und ich rufe deinen Namen laut und vor allen Leuten.
Und ich esse dein Brot, und ich trinke deinen Wein.

Und es kommen deine Wochentage zu mir mit großer Verheißung.
Und es kommen deine vier Boten mitsamt den sieben heiligen Zeichen.
Und dein Wille geschieht zur Zeit. Und geschieht in Ewigkeit.

Jesse Thoor: Das Werk. Hg. auf Grundlage der von Michael Hamburger besorgten Edition und mit einem Essay von Michael Lentz. Wallstein Verlag.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr aus der Fix Zone



Dezember 2014



November 2014



Oktober 2014



September 2014



August 2014



Juli 2014



Juni 2014



Mai 2014



April 2014



März 2014



Februar 2014



Januar 2014