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Fabelhaft

Redaktion: 

Petr Borkovec (Quelle: wikipedia)

Die zweite Neuerscheinung für den Oktober bei edition korrespondenzen:
Petr Borkovec: Liebesgedichte. Tschechisch/Deutsch, übersetzt von Christa Rothmeier.

EINE FABEL

Eine Eidechse malte pleinair.
Sie wollte festhalten, was sie am liebsten hatte:
die Sonne und einen großen warmen Stein.
Es war schwül, die Eidechse
stand vor der Staffelei: Strohhut
mit Nackentuch, einen Sonnenschirm in den Boden gerammt.
Aber das Malen schlug fehl:
Der Stein auf dem Bild war nicht ausreichend warm,
die Ölfarbensonne nicht heiß genug.
»Ich schneid mir ein Ohr ab«, sagte sich die Eidechse frustriert.
Sie fand jedoch keins.
»Ich zwick mir den Schwanz ab«, beschloss sie.
Tat es und verschwand zwischen den Schwertlilien.
»Unser Glückszeichen«,
sagte ich dir bei einem Spaziergang
und hob von dem Stein die Spirale des Eidechsenschwanzes auf.
 

Die Eule ist wach, wenn die übrigen Tiere schlafen. Sie lauscht und lauert. Sie sieht dasselbe, wie die anderen bei Tag, nur verinnerlicht, umnebelt, erweitert um die Dunkelheit. Petr Borkovec hat immer unverwandt geschaut und gestochen scharf geschrieben. In den Liebesgedichten schaut er anders. Er tritt näher heran, gibt Kontrolle und Distanz auf und findet sich in die Komplexität einer Welt verwoben, die nur in präziser Unschärfe zu fassen ist. Er zeichnet sorgsam, koloriert und vertont etwas, das fester Umrisse entbehrt und unter den Händen entwischt. Die Koexistenz von Garten, Tieren und Familie werden dem Dichter zu Bildern, die einander berühren und sich überblenden. So entsteht ein intimes Familien-Tagebuch, das eine veränderte Haltung gegenüber der Welt bezeugt. An die Stelle von innerer Unstetigkeit sind Gelassenheit und Zuneigung getreten. Es sind Liebesgedichte, die nicht hymnisch die Liebe beschwören, nicht sich selbst in der Liebe feiern, sondern ein gemeinsames Schauen zulassen, durch das ein Gleichgewicht möglich wird.

Fast noch im Rohzustand, ungeglättet, leicht und mit subtilem Witz kommen diese Gedichte daher: als Stillleben, Fabeln, Naturbilder, Dialoge, Träume und Listen. Schillernde Miniaturen der Zugewandtheit.

Petr Borkovec, geboren 1970 in Louňovice pod Blaníkem in Mittelböhmen, lebt als Dichter und Übersetzer in Černošice bei Prag. Auszeichnungen: Jiří-Orten-Preis (1995), Hubert-Burda-Award (2002), norbert-c.-kaser-Preis (2002).

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