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Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte

Redaktion: 

Carola Wiemers bespricht im Deutschlandfunk den ersten Band der Werkausgabe:

Erinnerung an ein Abendgebet

Eine freundliche Nacht, die das Zimmer behellt,
weil die Mutter die Lampe so tief abgedreht,
dass nur die Spur eines Lichts auf die Arbeit ihr fällt,
und ringsum das Atmen der Schwestern.
Und ein Nachklang vom endlosen Abendgebet
und alles Schwere von gestern.
Ob der heilige Josef wohl helfen kann,
dass die Schwester den Posten wird kriegen?
Und das mit der Stube, damit nimmer dann
der Bruder im Keller muss liegen.
Ob der liebe Gott bestimmt allmächtig ist
und ob er am Ende nicht doch noch vergisst,
dass die Mutter kein Geld für die Milch hat.
Ich will auch nicht weinen, wenn morgen beim Bad
die Wunden mir wieder so brennen
und wenn die Augen verschwollen sind
und wenn sie mich schimpfen: "Die Kröte ist blind!" –
die anderen Kinder und rennen.
Sie sollen auch nicht, wie ich gestern gesagt,
dafür in die Hölle dann kommen,
wenn bloß unsere Mutter nicht mehr so verzagt
und wenn wir die Stube bekommen.
Und mein Herz ist so klein,
es darf niemand hinein, als du, mein liebes Jesulein.

„Christine Lavants poetische "Erinnerung an ein Abendgebet" ist nur als Mitschnitt einer Lesung erhalten, die vermutlich aus dem Jahr 1961 stammt. Dass ein Text wie dieser überhaupt geschrieben werden konnte, grenzt an ein Wunder.

Band I der vom Wallstein Verlag konzipierten vierbändigen Werkausgabe, die sich als Leseausgabe versteht, enthält …  sämtliche zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte in einer "neu edierten Fassung". Neben den Sammelbänden "Wirf ab den Lehm" von 1961 und "Hälfte des Herzens" von 1967 wurden das Debüt "Die unvollendete Liebe" aus dem Jahr 1949 - von dem sich die Dichterin später distanziert hat - sowie der Zyklus "Sonnenvogel" aufgenommen. Unter der Rubrik "Verstreute Publikationen" finden sich Erstveröffentlichungen aus Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. In zwei Nachworten von Doris Moser und Fabjan Hafner werden äußerst detailreich die Entstehungszeit sowie die konfliktreiche Editions- und Rezeptionsgeschichte ihrer Werke skizziert. Ein ausführlicher editorischer Kommentar zu den Gedichten verweist auf den Ort der Erstveröffentlichung und auf unterschiedliche Textfassungen.“

Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte.
Hrsg. und mit Nachworten von Doris Moser und Fabjan Hafner unter Mitarbeit von Brigitte Strasser Wallstein Verlag, Göttingen 2014

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