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Schocken-Preis für Gerhard Roth

Redaktion: 

Der Schocken-Preis ist einzigartig in Deutschland. Die Preissumme von 7500 Euro wird nicht wie üblich von der Kommune, von Banken oder großen Wirtschaftsunternehmen aufgebracht, sondern allein durch Spenden Bremerhavener Bürgerinnen und Bürger. 

Die unabhängige Jury des Jeanette Schocken Preises- Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur, Dr. Gabriele von Arnim, Zsuzsanna Gahse, Nico Bleutge, Dr. Hugo Dittberner und Wend Kässens hat  den Preis einstimmig dem österreichischen Schriftsteller Gerhard Roth, insbesondere für sein Buch „Orkus“ zugesprochen.

Die bundesweit einzigartige Auszeichnung wird von Bremerhavener Bürgerinnen und Bürgern alle zwei Jahre in mahnender Erinnerung an die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten aber auch  an das Schicksal all jener Verfolgten vergeben, für die Bremerhaven oftmals die letzte Station auf der Flucht ins Exil war. Die Preisverleihung findet am 17. Mai 2015 im Historischen Museum Bremerhaven statt.

Zur Begründung hat die Jury ausgeführt:

Orkus, Reise zu den Toten“ – das ist der Schlussakkord zweier Werkzyklen, an denen der 1942 in Graz geborene Schriftsteller Gerhard Roth mehr als 30 Jahre gearbeitet hat: „Die Archive des Schweigens“ und „Orkus“. Zusammen 15 Bände, Romane, Essays, autobiografische Texte, Reportagen und  verortende „Photo-Notizbücher“ (Roth), die eigenständig die schriftstellerischen Arbeiten ergänzen und erweitern. Das Inferno des 20. Jahrhunderts mit Holocaust und Nationalsozialismus in seinen Auswirkungen auf das alltägliche Leben, das Fühlen und Denken in Österreich im ersten Zyklus. Im zweiten dann die Öffnung ins Fremde, in dem sich das eigene Fremde und die eigene Fremde spiegeln. Eine Welt- und Menschenerkundung von Shakespeareschem Ausmaß. 

Der Band „Orkus Reise zu den Toten“ ist auch gelöst aus dem Gesamtwerk – als dessen Inbegriff zu lesen. Denn er ist, reizvoll komponiert, Roman, Autobiographie und Erinnerung in einem: die Geburt des Schriftstellers und Intellektuellen Gerhard Roth aus der Beschäftigung mit dem Unbewussten, mit Verbrechen, Krankheit und Tod und der Hypothek, aus einem Elternhaus zu stammen, in dem die Eltern Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei gewesen waren. 

„Im Unglück sehe ich das eigentliche Leben“ schreibt Roth und begibt sich in die Abgründe der menschlichen Existenz, in den Wahn, den Verrat und in „die Angst der Seelen“. Im Unbewussten kommen die Höllen zur Sprache. Eine Passage aus Dantes Höllenkapitel in der „Göttlichen Komödie“ steht dem Buch als Motto voran und erzählt vom Dichter, dem die Angst im Gesicht steht, während er voranstürzt auf der Suche nach dem Licht am Horizont. 

Roth zieht es an die Orte der Erinnerung und der Beobachtung, der Verrückungen und der Krankheiten, der Geschichte und der Ideologien, der Künste – allen voran Literatur und  Malerei, der Träume, Albträume und der Phantasien. Da er die Wirklichkeit des Lebens und der Künste nicht trennt, türmt sich ein gewaltiges Bildungsopus, in dem  die Lebendigen und die Toten sich in einer großen Erzählung finden, fiktive und reale aus den Werkzyklen, aus den Lektüren und Wahrnehmungen eines wachen Lebens, aus der künstlerischen  und konkreten Beschäftigung mit dem Leben und dem Tod in unserer Epoche.

Die bisherigen Preisträger sind:
Irene Dische (1991), Hanna Krall (1993), Louis Begley (1995), Imre Kertész (1997), Tuvia Rübner (1999), Barbara Honigmann (2001), George Tabori (2003), Bei Dao (2005), Lizzie Doron (2007), Ursula Krechel (2009), Richard Sennett (2011) und Péter Esterházy (2013).

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