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Benachteiligungsverdacht

Redaktion: 

Alte lithographierte Einkleber fürs Poesiealbum

Interessante Gedanken steuert alex h (wer immer das ist) der Debatte (in der Lyrikzeitung) um Bertram Reineckes Essay „Die Mitte und kein Ende“ (in den Signaturen) bei:

„man könnte immer sagen oder behaupten, ein gedicht sei wesensfremd, es stehe nur für sich. man kann diese behauptung dergestalt hinlegen, daß jeder, der diese idee, es ist ja eine, wie ein konzept behandeln will, aufsucht. diese gedichte wollen gesucht werden. sie sind mitte, denn sie kommen von einer. da wird an der sprache gearbeitet, um eine idee zu verwirklichen. da wird die sprache benutzt, verwendet. sie erhält ihren zweck. und so sehr es auch diesem zweck eignet, sich als zweck, das ist wieder idee-ll, zu verwischen, es wird ja doch gespürt. mitte hat macht. wer sich mit ihr einläßt, der hofft auch auf eine polizei, die ihn beschützt. ihn und seine idee, die dann sein beruf ist. ein gedicht, was gesucht werden will, wird auch nicht übrig bleiben.“

 

Ganz verstehe ich die Ausführlichkeit dieser Debatte nicht:

Die Jury, die Jan Wagners Regentonnenvariationen aus einer shortlist als das preiswürdigste der versammelten Bücher herausdestillierte, stand nicht vor der Frage den Bestand der heute möglichen Lyrik abzugleichen und daraus Gedichte und AutorInnen herauszufiltern, die neue Zugänge legen, sondern man hatte sich zu entscheiden zwischen einer Handvoll Büchern, wobei  nur eines davon das Genre Lyrik nutzte.

Die ganze Diskussion losgetreten hat  Luise Checchin in der taz mit der Frage:

„Wenn ein Vertreter eines Genres, für das sich ansonsten nur eine Spezialöffentlichkeit interessiert, auf einmal ins Rampenlicht gerät, was hat das zu bedeuten? Für das Genre und für die Lyriker, die weiterhin im Schatten stehen?“
 

In der taz finden sich dann Antworten wie:

„Wenn man sagt, man will eine Signalwirkung für das, was Lyrik heutzutage macht, dann hätte man jemand ganz anderen nominieren müssen“, meint Sabine Scho. Will sagen: eine Entscheidung innerhalb des Genres wäre sicher anders ausgefallen.

Björn Kuhligk:  „Die Lyrikszene ist klein und da gibt es mitunter ein Verhalten, das an Kaninchenzüchtervereine erinnert. Wenn das eine Kaninchen den Preis gewonnen hat, dann beschweren sich alle anderen.“ Langt Kuhligk mit seiner flapsigen Expertise in die Wunde des Benachteiligungsverdachts und bringt damit eine mögliche Neiddebatte erst ins Kalkül?

 

Ich denke, schon die taz befeuert in ihrer Berichterstattung ein Mißverständnis, das sich dann fortpflanzt. Nach dem Motto: wir fragen mal die Genreleute, was sie von dem Preis für den Genre-Kollegen halten, ob er ihrer Meinung nach die richtige Wahl sei, wenn man denn das Genre selbst im Blick gehabt hätte. Daß es auf so eine Frage andere Antworten gibt, die man dann leicht zu Leid am Neid verdrehen kann, liegt in der Fragestellung.

 

Ich glaube, daß jeder der Beteiligten ehrlich und nachvollziehbar stimmig geantwortet hat, ohne Jan Wagner etwas zu mißgönnen, daß aber das entstandene diffuse Licht genutzt wurde, um Karten zu verteilen, die aus einem andren Spiel stammen. Denn das, was Kuhligk bei den Kaninchenzüchtern  ausmacht, den Benachteiligungsverdacht, gibt es tatsächlich und kann getriggert werden: das Gefühl einem falschen Vergleich ausgesetzt gewesen zu sein, mit einer Beurteilung, die nicht von ausreichend fachkundigem Personal getroffen wurde, falsch aus dem Vergleich weggekommen zu sein. Dieses Gefühl begegnet jedem Autor, bereits wenn er Texte zu einer Zeitschrift einsendet oder zu einem Wettbewerb, und sein Material wird nicht genommen. Es stammt aus dem Wettbewerb und Wachsen am Vergleich. Der Autor hat womöglich sehr viel umfassender, sensibler, weitreichender verglichen, als der Beurteiler – er ist der eigentliche Fachmann, der sich aus dem Vergleich heraus mühsam entwickelt hat, und dann steht da „ein Laie“ und bügelt seins ab.
Das ist sehr oft die Realität.

 

Frank Milautzcki, 12.07.2015

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