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Lettre International Nr. 111 Neue Ausgabe

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Lettre international meldet:

Lettre international 111. Ausgabe Heute erscheint Lettre International zum einhundertundelften Mal seit 1988: Tausende von Texten, 80 Prozent davon Übersetzungen, Tausende von Bildern und Autoren wurden in diesen Jahren veröffentlicht. Zahllose Autoren hatten hier ihre Premieren in deutscher Sprache und nahezu alle Texte waren deutsche Erstveröffentlichungen.

 

PRÄMIEN – LECKERBISSEN FÜR FRÜHE VÖGEL

Wer abonniert, beschenkt sich und uns, und wer schenkt, wird beschenkt! Abonnieren Sie für drei Jahre, und es erwarten Sie besondere Prämien-Leckerbissen: inspirierende Bücher, phantastische Bildbände, musikalische Meisterwerke, kunstvolle Tassen, Künstlerfarbstifte und Tuschestifte oder die neueste Sherlock-Holmes-Filmbox. Eine Prämienübersicht finden Sie im Heft auf Seite 66/67 und auf www.lettre.de.

Unsere Themen: Europas Herausforderungen / Die Flüchtlinge und die Grenzen / Geld und Kultur / Religion, Terror, Krieg / Kunstliebe und Kunsthaß / Stadtlandschaften – Rom, London, Brasília, São Paulo / Pariser Historien. Fesselnde Erzählungen berichten vom Erfindergeist zweier genialer Schwestern und von der letzten Nacht eines deutschen Revolutionärs im Paris des Jahres 1794. Die Photographen Paolo Pellegrin und Hans Hansen bringen das Heft mit elementarer Schönheit zum Leuchten.

GENIALE SCHWESTERN
Tief im Moor liegt die Siedlung Medilanka, doch die Torfstätten sind verwahrlost, die Schmalspurgleise zur nächsten Kreisstadt verödet, die Straßen aufgerissen, die Bewohner ohne Arbeit, aber in allen Häusern schnaufen und blubbern die Schnapsbrennkessel. Gesoffen wird ohne Unterlaß, man singt Banditenlieder, gelegentlich verschwindet ein Volltrunkener im Moor. Doch die Schwestern Tscherepanowa sind nicht umsonst Nachkommen der Erschaffer der russischen Eisenbahn, und eines Tages erwacht ihr schlummerndes Genie, und sie verwandeln ihre alte Scheune in ein brodelndes Labor. Wie sie das ganze Dorf mit Tricks und geheimnisvollen Erfindungen erneut zum Blühen bringen und aus dem verlotterten Nest einen Ort glühender Hoffnung erschaffen, aber auch vom ewigen Kampf schöpferischer Menschen mit Neid und Dummheit, erzählt die russische Schriftstellerin Olga Slawnikowa.

HERAUSFORDERUNGEN EUROPAS
Einst war Europa in der Folge der Aufklärung davon überzeugt, jede religiöse Energie sei zum Niedergang verurteilt, und sie ziehe sich ins Innere der Gemeinschaften, Familien und Individuen zurück. Mit diesem Verinnerlichungsprozeß würde religiöse Gewalt abnehmen, um zuletzt ganz zu verschwinden. Und so geschah es in Europa im Kern mit dem Katholizismus, Protestantismus und dem Judentum. Als religiöse Kräfte auftauchten, die man eher Afrikanern oder Asiaten vorbehalten glaubte, war man überzeugt, daß diese denselben Prozeß des Niedergangs durchlaufen würden. Die Januartage 2015 mit dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo waren Momente eines Erwachens. Der Spott über Religion hatte die Orthodoxie sowenig besiegt wie das Gelächter den Dogmatismus. Der Islamismus ist selbstbewußt. Die Zahl seiner Anhänger in Europa wächst, und er hat ein historisches Projekt: Die Infragestellung jener Grenzen im Nahen Osten, welche Franzosen und Engländer nach dem Ende des Osmanischen Reiches dort gezogen haben. Die Massaker vom 13. November stellen eine neue Stufe der Eskalation dar. Der Philosoph Jean-Claude Milner analysiert in Religiöse Ideologien und Mengen Implikationen und Konsequenzen der terroristischen Angriffe sowie die Strategie des Kalifats, die europäischen Muslime zu einer Entscheidung zu zwingen. Wie sollte der Rechtsstaat den Dschihadismus bekämpfen?

Welche Vor- und Darstellungen, welche Benennungen und Namen für die Götter und Propheten der drei großen Monotheismen abrahamitischer Abstammung, das Christentum, der Islam und das Judentum? Der Philosoph Jean-Luc Nancy präsentiert mit Gott, Charlie, Niemand „einen Grundleitfaden zum Gebrauch für alle, die in der Ordnung von Laizismus, konfessioneller Pluralität und unabhängigem Denken stehen“.

Europa ist mit der wohl größten Flüchtlingsbewegung seit Jahrzehnten konfrontiert. Ausgerechnet Mitteleuropa, dessen Bürger vor 1989 die individuelle Bewegungsfreiheit als Menschenrecht und höchste Errungenschaft ihres politischen Freiheitskonzepts betrachteten, widersetzt sich heute am heftigsten der Aufnahme einer größeren Anzahl von Flüchtlingen. Jacques Rupnik, intimer Kenner der Geschichte Mittel- und Osteuropas, zeichnet die Genealogie dieser Haltung nach. Er beschreibt die lebendigen Widersprüche jenes „anderen Europas“, das dem westlichen Konzept von multikultureller Gesellschaft heute ein identitätsorientiertes Selbstverständnis entgegenhält, welches erneut kulturelle Gemeinschaft, Nation und christliche Werte reklamiert.

Der slowenische Dichter Aleš Šteger begibt sich in seinem Gedichtzyklus auf eine poetische Reise zu den Grenzen der Sprache, der Schrift, der Natur, der Räume, der Jahreszeiten, der Wege und der Körper: Die Grenze in mir

Die künftige geopolitische Konfliktachse der Welt verläuft nach Alfred McCoy zwischen der Supermacht USA und China. Präsident Obama gilt ihm als Großmeister im strategischen Schachspiel der Weltmächte. Diesem scheint es zunehmend zu gelingen, von unilateralen Aktionen und groben Machtinstrumenten wie Krieg, Besatzung, Folter zu eher kooperativen Formen internationalen Handelns überzugehen. Die Erweiterung wirtschaftlicher Einflußzonen, Bündnispolitik, Handelsabkommen wie das Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) sind Werkzeuge, um dem asiatischen Gegenspieler Paroli zu bieten. Es bilden sich neue geopolitische Konstellationen im „Großen Spiel“ auf dem Schachbrett der Welt.

Ist mit dem Untergang des Kommunismus auch die hohe Zeit der Kultur zu Ende gegangen, weil der Glaube an das Wort, das Argument, den Diskurs und die Geschichte sich verflüchtigt hat? Der Kunsttheoretiker Boris Groys vergleicht im Gespräch mit Frank M. Raddatz die Transformation der Sowjetunion zu Rußland mit den Metamorphosen des Kunstmarkts. Die globalisierte Welt ist die Welt als Markt, welcher jede staatliche und politische Ordnung überformt. Die Kunst und ihre Referenten Wort und Bild wurden von der Macht des Geldes irreversibel entthront. So wie in Rußland heute nur noch das Geld zählt, huldigt auch der Kunstmarkt nurmehr monetären Erfolgskriterien. Die Kunst wird dekorativ, mutiert zum Design; kritische Positionen erzeugen keine Reibungsenergien mehr. Groys’ düstere Diagnose: „Es gibt keine Geschichte mehr. Geschichte ist ein Narrativ. Heute liest man keine Narrative mehr. Wer wissen will, was früher passiert ist, geht zu Google, aber Google ist kein Narrativ. Die Kultur ist zerstört und kommt nicht zurück (...) Alle Artikulationsmöglichkeiten, auch die künstlerischen, sind erledigt. Es bleibt nur Geld oder Gewalt als Alternative. Entweder man kann etwas kaufen oder jemanden umbringen. Das sind die zwei Kommunikationsmöglichkeiten, die einem noch offen stehen, überzeugen kann man niemanden mehr.“ Geld schlägt Wort.

DER KRIEG
Zehn Thesen über den Krieg entwickelt der frühere israelische Botschafter in Paris und Historiker Élie Barnavi.Der Krieg hat mein ganzes Leben begleitet, er hat meine Art, mich auszudrücken und zu denken, durchdrungen.“ Barnavi war Soldat im Libanonkrieg und ist Experte für den französischen Bürgerkrieg im 16. Jahrhundert. Seine mit persönlichen Erfahrungen unterfütterte Studie reflektiert die Entwicklung des Krieges von der Antike bis heute. Der Krieg stellt eine Vielzahl ethischer, juristischer und philosophischer Herausforderungen dar. Der moderne Staat ist aus und durch den Krieg geboren. Der Krieg ist eine extreme kollektive Erfahrung, die entsprechende soziale, psychologische und politische Konditionierungen erfordert, welche extreme Gewalt akzeptabel werden lassen. Jeder Versuch, den Krieg zu moralisieren, ist zum Scheitern verurteilt. Dem Krieg kann man nicht mit Moral, sondern nur mit Recht beikommen. „Die Geschichte lehrt uns, daß seit der Nacht der Zeiten Menschen gegeneinander Krieg geführt haben, ganz gleich, in welcher gesellschaftlichen und politischen Organisation und welchem Grad an zivilisatorischer Verfeinerung. Territoriale Bestrebungen, Handelsgelüste, dynastische Konflikte, Prestigestreitigkeiten, theologische Meinungsverschiedenheiten ... Alles diente ihnen als Grund oder Anlaß, um einander an die Gurgel zu gehen. Warum also sollten sie eines Tages damit aufhören?“1932 stellte Einstein die Frage 'Warum Krieg?', auf die Freud antwortete: 'Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.' Das ist nur eine weitere Illusion: Auch der Krieg ist eine Kulturgegebenheit. Nein, die Lösung liegt in einer praktischen Organisation der menschlichen Gesellschaften, die den Krieg unmöglich, ja unvorstellbar macht.“ Grundsätzliche Abklärungen, nützlich auch vor dem Hintergrund des sich angekündigten Krieges im Nahen Osten mit europäischer Beteiligung.

Bernard Porter widmet sich der Schlacht von Gallipoli zwischen der britischen Flotte und dem Heer des Osmanischen Reiches im Jahre 1915. Winston Churchills tollkühner Plan, die Meerenge der Dardanellen mit Gewalt zu öffnen, geriet zu einer unerbittlichen Schlacht, in der beide Seiten etwa 350.000 Soldaten verloren, die Hälfte der aufgebotenen Truppen. Das Hasardspiel endete im Schlammassel. Im Januar 1916 zogen sich die Briten zurück, Kemal Atatürk feierte einen Triumph. Porter rekonstruiert das katastrophale Geschehen: realitätsfremde Planungen, scheiternde Landungsversuche, erbitterte Grabenkämpfe und Skrupellosigkeit gegenüber den einfachen Soldaten. Wer war der Feind?

LIEBE ZUR KUNST, HASS AUF KUNST
Ist die Präsentation politisch engagierter Kunst auf einer privilegierten Bühne wie der Biennale von Venedig nicht Heuchelei? Wer entscheidet überhaupt, was dort zu sehen ist? Wessen Werte setzen sich durch? Priya Basil inspizierte die 56. Biennale. Was die einen als „Ästhetisierung des Elends“ oder „Versammlung freudloser Kunstwerke“ sahen, gilt ihr als legitimes Anliegen einer neuen politischen Kunst: All the World’s Futures war das Motto der Schau, und die „ganze Blindheit der Welt“ wird nach Basil durch diese neue Pol Art sichtbar. Pol Art hat einen dokumentarischen Aspekt, mischt Formen, kombiniert Bilder mit Worten, ob in Video, Malerei, Photographie, Skulptur, Text. Pol Art ist dicht. Ihr Appell heißt: Bleib! Schau, schau noch einmal. „Pol Art ist nichts für Schwächlinge. Nichts für die, die glauben, was Picasso einmal gesagt hat: 'Kunst ist dafür da, den Staub des Alltags von unseren Seelen zu waschen.’' (Mit Guernica hat Picasso, wie Künstler es dürfen, sich selbst widersprochen.) Die Pol Art von All the World’s Futures wäscht nicht den Staub des Alltags von unseren Seelen, im Gegenteil: Sie bombardiert uns mit dem Staub des Lebens. Sie zeigt uns die vielen Schichten dieses Staubs, unter dem so viele Seelen ersticken. Sie macht, daß wir uns schmutzig und mitschuldig fühlen, aber auch verwundert und dankbar sind – denn ohne Staub würden wir den Sonnenstrahl nicht sehen; Sonnenuntergänge wären weniger schön, der Himmel erstrahlte in einem anderen Blau. Partikel dieses Staubs dringen tief in uns ein. Sie liegen in Herz und Verstand und kribbeln, prickeln, beunruhigen. Sie sind eine Mahnung: Es bedarf keiner Fackel, um die Wahrheit zu erhellen, es muß nicht erst brennen, damit wir handeln.“ Alle Blindheit der Welt.

Präislamische Kunst fällt in Palmyra der Vernichtungswut von Islamisten zum Opfer, als müsse die Welt vom Bösen gesäubert werden. Ikonoklasmus greift heute um sich, aber er durchzieht schon seit jeher die politische Geschichte wie auch die Geschichte der Kunst. Michelangelos Pietà oder Gemälde von Barnett Newman, Mark Rothko oder Kasimir Malewitsch wurden Opfer von Schändungen und Zerstörungen durch Messerattacken, Säureangriffe, Übermalungen, Verschmierungen, motiviert von Haß, Paranoia, Neid, Geltungssucht. Von der französischen oder russischen Revolution, von den deutschen Wiedertäufern zum maoistischen China reicht der politische Bildersturm; doch, so John Roberts, gibt es keinen Ikonoklasmus als solchen. Es gilt, seine genauen Kontexte zu verstehen, um zwischen rückwärtsgewandten und befreienden Aktionen unterscheiden zu können: Ikonoklasmus.

Jean-Claude Pinson taucht ein in jene Sonosphäre, die uns umhüllt und berieselt, im Aufzug, in der Warteschleife, der Einkaufspassage, gehaßt von all denen, die Musik in Kontemplation genießen möchten. Die Smartphone-Monaden mit ihren Kopfhörern sind Symbol eines melomanen Individualismus. Zwischen musikalischer Einsiedelei und Ausschweifung, zwischen der kollektiven Trance des Techno und den Aficionados der Kunstmusik registriert der Philosoph die neuen Klänge der musikalischen Schmelztiegel unserer Großstädte: Anachoreten, Choreuten.

STADTLANDSCHAFTEN
Ein Außenseiter ist er, der sein leidenschaftlich geliebtes Land mit offenen Augen und Ohren bereist und Alltag, Charakter und Geschichte Brasiliens pointiert schildert. Ob in Brasília oder São Paulo, in Recife oder Rio de Janeiro, in Minas Gerais oder im Grande Sertão, die Chroniken von Milton Hatoum zeichnen markante Porträts. Urbane Orte geprägt von Lehm, Angst und Gewalt, Landschaften der Schrecknisse und Blasphemien, der Wahnsinn evangelikaler Gottesdienste, welche Fußballstadien in Irrenhäuser verwandeln, virtuose Tänzer und ältere Damen, die vom Tanzen nur träumen, Tätowierungssucht, Korruption und Gier, Betonbrutalismus, gigantomane Bauwerke und eine geschundene Natur – ein tropisches Land mit Potential, Energie und Hoffnung, aber voller ungelöster Probleme: Elend, Gold und Würde.

Der Heilige römische GRA (Grande Raccordo Anulare) ist ein lindwurmartiger Autobahnring um Rom, 70 km lang. In dem von ihm erschlossenen Gebiet siedeln sich neue Lebensweisen an. Der Filmregisseur Nicolò Bassetti und der Journalist Sapo Matteucci erkunden diese buntgescheckte Szenerie: Per pedes, Rad, Autobus oder Zug entdecken sie eine kaum bekannte Parallelwelt. Sie besichtigen Höhlen aus rotem Tuffstein, wo dereinst „deutscher Karneval“ gefeiert wurde, Mülldeponien, Betongerümpel, bestaunen Mussolinis Modellfabriken, Tagelöhnertreffs und gigantische Sozialbauten. Eine literarische Reportage über Randzonen, Sozialexperimente, Lebensprovisorien, Reißbrettplanungen, Zwangsversteigerungen, Vergnügungspaläste. Der Film von Gianfranco Rosi über den Sacro GRA erhielt 2013 als erster Dokumentarfilm überhaupt den Goldenen Löwen in Venedig.

Iain Sinclair, exquisitester Spurenleser Londons, nimmt den letzten Schrei der Architektur unter die Lupe: Der „Shard“ ist eine tollkühne Konstruktion des Architekten Renzo Piano an der London Bridge, ein riesiges gebautes Segel an der Themse. Konstruktive Phantasie und das Prestigebedürfnis globaler Eliten fusionieren in einem atemberaubenden Turmsymbol. Im 52. Stock findet sich der höchste Swimmingpool Europas. Im aquamarinblauen Becken schwimmen Besucher wie tropische Fische in karibischer Reinheit. Durch die Scheiben blicken die Himmelsschwimmer auf die Ameisen tief unten; die exklusiven Residenzen der noch höher gelegenen Etagen kosten 30 bis 50 Millionen Pfund. Ein anderes Bild geben die Bäder von Haggerston ab, altehrwürdige Badeanstalten gebaut 1904, in denen normale Bürger einst schwimmen lernten, badeten, sich die Zeit vertrieben. Diese öffentlichen Bäder wurden geschlossen, verfallen, mit Graffitis verschmiert – labyrinthische Korridore, abblätternder Putz, abfallende Kacheln, verlassene Räume, ägyptischen Grabkammern gleich. London bringt hierfür nicht einmal 300.000 Pfund auf, um diese Traditionsbäder zu renovieren. Die Hauptstadt boomt, aber äußerst selektiv. Zwei Welten, zwei Londons: Zwei Pools

ES GESCHAH IN PARIS
Von Cloots’ letzter Nacht erzählt Thomas Hodina. Der deutsche Baron mit riesigen Ländereien am Niederrhein und in Preußen hatte allen Besitz und Privilegien aufgegeben, um sich der Französischen Revolution anzuschließen. „Sprecher des Menschengeschlechts“ war sein Ehrenname als Abgeordneter der französischen Nationalversammlung, dessen einem, egalitaristischem Flügel er angehörte. Nun, 1793, sitzt Anacharsis Cloots selbst im Kerker, als Konterrevolutionär verstoßen und verdammt vom Tugendwächter und Blutsäufer Robespierre. Die Revolution frißt ihre Kinder, und sie frißt nun auch den radikalen Weltbürger Cloots, der seiner Zeit voraus war und mit seinen gesamteuropäischen Revolutionsträumen den revolutionären Nationalisten des von der internationalen Aristokratie bedrohten Frankreichs verdächtig wurde. Das Schafott rückt näher, und der Freiwillige im Dienst der Menschheitsrevolution läßt sein Leben ein letztes Mal Revue passieren.

An die Geburt der Boheme erinnert Luc Sante. Die Boheme von Paris das waren Clochards, Freidenker, Vagabunden, Spieler, Künstler, Schreiberlinge, desertierte Soldaten, Lumpensammler, schwere Jungs und leichte Mädchen. Paul Verlaine und Henri Murger adelten diese Lebenskunst in Gedichten und Romanen. Hier triumphierte das Streben nach Kunst und Poesie über Krankheit, Armut und Verzweiflung. Sante entführt uns in ein Milieu voller Daseinskämpfe und Lebenslust, in ein prickelndes Menschengewimmel, das einen solchen Zauber ausübte, daß manche Menschen lieber in Paris arm blieben, um in vollen Zügen leben zu können, als woanders Wohlstand und respektablen Lebenswandel anzustreben.

Bevor Georg Stefan Troller mit Pariser Journal und Personenbeschreibung zum legendären Fernsehautor wurde, war er Rundfunkreporter. An diese Radio Days an der Seine erinnert sein neuester Text. Wir streifen mit Troller durch den Pariser Untergrund und die Schlupflöcher der Stadtstreicher, linsen hinter die schäbigen Fassaden des Théâtre Babylone, wo Becketts Warten auf Godot seine Uraufführung erlebte, begegnen Eddie Constantine alias Lemmy Caution, Édith Piaf und Erich von Stroheim, Salvador Dalí und Niki de Saint Phalle, erleben Adenauers Besuch in Paris; weiter geht es zum Schöpfer des Filmklassikers Rififi, anschließend Ingrid Bergmann hinterher, im Sportcabriolet zu Le Corbusier, dann zu Jean Seberg und Romain Gary; Marcel Marceau stößt zu uns, wie auch Arthur Miller und ominöse Größen des deutschen Rundfunks. Ein rasender Reporter in der Welt der Künstler und Stars der Nachkriegszeit: Ein Tonkopf in Paris

BRIEFE, KOMMENTARE, KORRESPONDENZEN
Ulf-Dieter Klemm
rekapituliert in Athener Crashkurs die griechische Achterbahnfahrt unter der Syriza-Regierung, Manuel Arias-Maldonado analysiert in Spaniens Irrungen und Wirrungen die größten Irrtümer der spanischen Demokratie nach dem Ende des Franquismus, Felix Heidenreich beobachtet Bedeutsamkeitsproduktion in der Literatur.

Korrespondenzen kommen von Urvashi Butalia aus Neu-Delhi: Die Hindus und das Rindfleisch, von Michail Ryklin aus Moskau zur Macht in Rußland: Das Pferd des Tschekisten und von Sergio Benvenuto aus Rom zu Korruption und Verfall in seiner Stadt: Rom, Laster und Schönheit.

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