Fixpoetry

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Fix Zone

Zugelaufene Totemtiere

Redaktion: 

Neu bei Matthes & Seitz:

Der ungarische Dichter István Kemény zieht in seinem neuen Gedichtband Bilanz und verschränkt dabei die Situation des individuellen Älterwerdens mit der in seinem Heimatland. In der Lebensmitte angekommen, hält er sich den Spiegel vor und fixiert schonungslos, was er darin wie in einer Kristallkugel sieht: Enttäuschte Menschen, die die Zukunftsträume von einst, da der Eiserne Vorhang fiel, längst begraben haben. Ein Land, »bösartig, verblendet, stur und altbacken«, verloren zwischen Lüge, Vergessen und dem Alb der Vergangenheit. Erschütterte Gewissheiten, Figuren aus dem Arsenal der ungarischen Geschichte, zugelaufene Totemtiere, Gespenster, eigene wie fremde. Und einen Mann, der um die diffizile Dialektik weiß, die ihn an die schwierige Heimat bindet. István Kemény hat die poetische Summe seines bisherigen Lebens gezogen – und mit seinem ganz spezifischen lakonischen, subversiven Witz einen Gegenzauber gegen den Kleinmut gefunden.

 

Kleine Elegie

Der, der ihn abschoss, ist schon lange tot,
das Ziel noch nicht einmal geboren.
Der Pfeil saust gerade durch das Haus.

Meine Erlebnisse sind im Entstehen.
Erinnerungen werden sinnlos vergehen.
Wie ein Kondensstreifen sehe ich verschwindend aus.

 

István Kemény: Ein guter Traum mit Tieren
Gedichte. Ungarisch / Deutsch, erschienen in der Reihe: DAAD Spurensicherung
Übersetzung: Aus dem Ungarischen von Orsolya Kalász und Monika Rinck

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