Fixpoetry

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Fix Zone

Offenes Feld

Redaktion: 

Cover der 4. Ausgabe zum Thema: Schatten

Jan Kuhlbrodt befragte Jürgen Brôcan, anläßlich der Gründung eines neuen Verlags:

Jan Kuhlbrodt:
Lieber Jürgen Brôcan,
zur noch relativ jungen Zeitschrift offenes feld gesellt sich nun auch ein Verlag, der einige Autoren, die auch schon in der Zeitschrift vertreten waren, nun in einzelnen Büchern vorstellt. Welches Konzept steckt hinter dem Ganzen. Mir scheint es um eine gewisse ästhetische Grundposition zu gehen, kannst du diese umreißen?

Jürgen Brôcan:
Mit Ranjit Hoskote und Bengt Emil Johnson haben wir tatsächlich zwei Autoren, die mit einzelnen Beiträgen in der Zeitschrift vertreten waren, neu hinzugekommen ist nun der Norweger Hans Børli, von dem es meines Wissens bisher keine deutsche Übersetzung gab, außerdem auch ein schmaler Band seines Übersetzers Klaus Anders. Es wird in der edition offenes feld sicherlich einen Schwerpunkt skandinavische Lyrik geben, aber auch Indien hat viele Entdeckungen zu bieten. Eine ästhetische Position will und kann ich nur vage umreißen: Wir sind für traditionellere Töne ebenso offen wie für modernere, es sollen irgendwann auch Übersetzungen klassischer Texte aus dem 19. Jahrhundert dazukommen. Letztlich versuchen wir mit unserem Konzept, Autoren zu bringen, von denen eben keine Tausenderauflage zu erwarten ist (schön wäre das natürlich), die aber trotzdem „wichtig“ sind, weil sie den Stimmenchor der Lyrik bereichern. Übrigens möchten wir uns nicht auf Lyrik beschränken, Prosaformen wie Roman oder Essay sollen in Zukunft auch im Programm erscheinen.

Jan Kuhlbrodt:
Wie kommt ihr zu euren Autoren? Wie grabt ihr sie aus?

Jürgen Brôcan:
Wir haben uns sehr gefreut, daß wir für Übersetzungen aus dem Schwedischen Lukas Dettwiler aus Bern gewinnen konnten, der bereits vor einigen Jahren einen Band von Bengt Emil Johnson bei Droschl veröffentlicht hat. Da wir international vernetzt sind, können wir aus einigen Sprachen selbst übersetzen, andere Sprachen überlassen wir gerne ihren etablierten Übersetzern. Aber letztlich ist es ein bißchen wie Mund-zu-Mund-Propaganda: Wen kennen wir, den wir gerne einmal übersetzen oder übersetzt sehen möchten? Der Autor ist ja auch Leser, manchmal sogar lieber Leser als Autor, da machen wir die Bekanntschaft mit vielen Namen. Und es gibt sehr viele Namen, die es verdienten, einmal dem deutschen Publikum bekannt zu werden. Für weitere Anregungen und Hinweise sind wir trotzdem jederzeit dankbar. Einer strikten Beschränkung unterliegen wir allerdings: Wir können aus finanziellen Gründen nur Autoren übersetzen, die (oder deren Rechtsnachfolger) auf Honorare verzichten. Aber wir wollen ja nicht nur Übersetzungen bringen, auch im deutschen Sprachraum gibt es, vor allem in den letzten Jahren, so vieles, was Qualität hat...

Jan Kuhlbrodt:
Damit hätte sich eine weitere Frage gewissermaßen erledigt. Angesichts der Fülle von Texten, kann es eigentlich gar nicht genug Verlage geben. Lesen, Schreiben, Übersetzen, Herausgeben, wie es scheint, werden etablierte Arbeitsteilungen überwunden. Meinst du es ist ein Effekt, der aus den neuen technischen Möglichkeiten resultiert?

Jürgen Brôcan:
Unbedingt. Die technischen Möglichkeiten erlauben, Kräfte zu bündeln, nicht nur was den Kontakt der Autoren über Ländergrenzen hinweg betrifft, sondern auch die Herstellung von Büchern. Auf diese Weise braucht man gewisse Arbeitsschritte nicht mehr zu verteilen, was am Ende Kosten spart. Ich glaube, ohne die technischen Möglichkeiten, die du angesprochen hast, Jan, müßte man auf manchen Titel verzichten, der nun dank günstiger Bedingungen vorgelegt werden kann. Und manchmal kommt es dann zu schönen Nebeneffekten, so ist etwa Bodil Cappelen, die Witwe von Olav Hauge, so begeistert von den Gedichten von Anne Beresford, die sie in einem „offenen feld“ entdeckt hat, daß sie sie ins Norwegische übersetzt. Das ist der charmant altmodische Enthusiasmus, wie man ihn aus dem 19. Jahrhundert kennt, ausgelöst von den technischen Möglichkeiten der Gegenwart, ohne die er vielleicht auf diese Weise zumindest nicht so einfach wäre...

Jan Kuhlbrodt:
Viel Erfolg mit Eurem Projekt und viel Spass damit.

Das wünscht an dieser Stelle auch fixpoetry. (FM)

 

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