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Erschöpft das Zugenähte

Redaktion: 

Gregor Dotzauer bespricht heute im tagesspiegel das neue Buch von Ben Lerner – ein ironischen Roman u.a. über den Hass gegen die Poesie:
„Der Schauspieler übernimmt eine Rolle, der Komponist betätigt sich bei allem handwerklichen Aufwand als eine Art Medium, und das Publikum versucht dem, was sogar in der unsinnlichsten und ungegenständlichsten Kunst ein Stück Illusion bleibt, die ihm zugemessene Bedeutung abzugewinnen.
Zugleich bleibt der Abstand zwischen Kunst und Wirklichkeit unendlich. Vielleicht, und hier kommt der amerikanische Dichter, Erzähler und Essayist Ben Lerner ins Spiel, ist aber sogar das selbstverständliche Band zwischen den Sphären zerrissen, und das Beschwören menschheitlicher Traditionen nichts als ein Festhalten an Gewohnheiten, deren Sinn sich erschöpft hat. Was geschieht, wenn in den Konzertsälen jahraus, jahrein Beethovens Schicksalssymphonie gespielt wird? Ist es mehr als ein Ritual, wenn in den Schulen „Hamlet“, „Antigone“ und „Faust“ gelehrt werden?“

 

Wer mehr über das Buch wissen will, muß nun auf den Verlagsttext vertrauen:

Der Held von Ben Lerners Roman ist ein Brooklyner Schriftsteller namens Ben, der einen frechen, von der Kritik gefeierten Erstling über sein junges Leben publiziert hat und nun auf größere Erfolge hoffen darf. Und in der Tat, zu Beginn sitzt er, den lukrativen Vertrag eines Großverlags unterschriftsreif vor sich, mit seiner Agentin in einem überteuerten Restaurant und verzehrt mit der gesalzenen Hand zu Tode massierte Baby-Oktopusse. So schmeckt also der Erfolg?

Etwas später, zurück in seinem weitaus nüchterneren Lebensalltag zwischen Food-Co-op und Ausflügen mit einem mexikanischen Nachbarskind, sehen wir ihn zur Wurzelbehandlung beim Zahnarzt - und sodann beim Neurologen, denn der Zahnarzt hat auf dem Röntgenbild Verdächtiges gefunden: einen, so bleibt zu hoffen, gutartigen Gehirntumor.

Das lässt ihn viel über die Fragilität des menschlichen Lebens nachdenken, umso mehr, als seine alte Collegefreundin Alex ihm auf Spaziergängen durch den Prospect Park oder über die Manhattan Bridge erzählt, wie sehr sie sich von ihm ein Kind wünscht, aber in aller Freundschaft, also durch künstliche Befruchtung.

Dabei wird das Wetter immer schlechter, New York leidet unter Superstürmen, Stromausfällen und Überschwemmungen. Mit der Welt geht es bergab.
Was also tun, was wird die Zukunft bringen?

Ben Lerner beschreibt, gewitzt, lässig und mit einem brillanten Sinn für Komik, was es bedeutet, unsere sattsam bekannten Erste-Welt-Problemchen in den größeren sozialen Kontext des Lebens auf dem Planeten zu stellen. Dies ist ein Buch am Puls der modernen Zeit, doch wenn in einem bekannten Science-fiction-Film um 22:04 Uhr der Blitz in die Rathausturmuhr einschlägt, geht es vielleicht doch noch befreit und mit neuer Hoffnung «Zurück in die Zukunft».

Ben Lerner: 22:04. Roman. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt, Reinbek 2016.
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