Fixpoetry

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Fix Zone

Skizze

Redaktion: 

Flüchtich ins Croquis

Irgendetwas fehlt immer.
Entweder Holz und genug Wärme, etwas
zum Essen – oder man hat kein Netz,
um die mails zu checken. Die Flucht
vor dem Mangel könnte man teilen,
den Reichtum an Fehlendem nicht. Kein Mangel
ist schlimmer, als der, der sich äußert als Angst vor Verzicht.
Dem Fehlen des Teilens reicht man das Ketchup
über die braune Eiche der Theke: dir soll
nichts mangeln und der Wohlgeschmack sagen, du lebst
                                               den richtigen Himmel.

 

Sensible Themen, z.B. das Flüchtlingsdrama, haben in Gedichten allermeistens keine Chance – die Gefahr fehlinterpretiert zu werden ist viel zu groß und neunmalkluge shitstormer stehn immer bereit. Gerade wenn man einen Stand der Reflexion und Abstraktion erreicht hat, von dem aus vieles, was zu sagen wäre, nach Plattitüde aussehen muß, tut man sich schwer Statements einzuflechten, die vor dem eigenen Auge funktionieren und trotzdem nicht dünn sind. Z.B. wenn man die Worte Flüchtling und Flüchtigkeit zusammenbringt, was zuerst sehr billig aussieht, aber so bringt man Ebenen in ein Spiel, die dann tief bis in Lebenssinnfragen schwingen und den inneren Diskurs in Begriffe ableiten, die unter der Oberfläche den Ketchup als Himmel der Pegida ausmacht. Der Nichtmangel ist schließlich der Himmel. Wenn man ihn teilt, geht er verloren.

Das für mich wirklich Schlimme daran ist, daß ich damit eine Definition von Himmel erfahre, die unsere moderne Welt tagtäglich erzeugt und die ich nicht teile: der Mensch ist immer im Defizit, und dieses Defizit ist ein materielles. Nur die Moderne kann diesen Mangel beseitigen, heißt es.

Ich persönlich lese daraus ganz andere Defizite. Eine reiche Gesellschaft, die angeblich großenteils den Mangel eleminiert hat, ist armselig genug, sich abzuschotten gegen jene Armut, die sie selber zu erzeugen mitgeholfen hat oder sogar ursächlich durch ihre Interventionen und Ausbeutungen zu verantworten hat. Es zeigt sich eine moralische Armut genau dort, wo die materielle limitiert ist.
Ich bin unserer Gesellschaft verloren gegangen und mein Ich ist ihr gegenüber flüchtig, aber ich habe zu essen und zu trinken und bin wohlversorgt. Ich habe Teil am Reichtum und seiner Überfülle, es quillt so viel über, daß man das abschöpfen kann. Und jetzt kommen Teller von überall her und wollen gefüllt sein. Die Posaunen der modernen Welt sind eigentlich als Gulaschkanonen gefragt und prompt spielt das Orchester Marschmusik.
 

Frank Milautzcki, 06.03.2016

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