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Serendipierer & die Lust am Text

Redaktion: 

 

Sophie Weigand kommentiert gestern auf literaturen das Buch „Sich verlieben hilft“ von David Wagner, erschienen im Verbrecher Verlag, worin es um Hoch-Zeiten mit Büchern und Texten geht und nicht um die Flugzeuge im Bauch:

„Wagner „serendipitiert“ … durch Blogs, Zeitungen, online und offline, stößt in einem unendlichen Geflecht aus Informationen immer wieder auf neue Lektüre. Er lässt sich treiben, beraten und beschenken. Liest Roberto Bolaño, Nicholson Baker, Teju Cole, Alexandre Dumas, Raija Siekkinen, Emmanuel Carrère. David Wagner ist begeisterungsfähig, verharrt nicht in professionell distanzierter Pose, sondern kann sich ganz auf Texte einlassen. Sich verlieben eben, sich vom Text vereinnahmen lassen, mit der nötigen Hingabe. So entdeckt er erst nach vielen Jahren Roland Barthes‘ Die Lust am Text neu. Auch das ist, in der Textbetrachtung, eine große Qualität von Wagners Essays: er erlaubt sich eine Neubetrachtung, eine wiederholte Lektüre verstaubter Regalhüter und entdeckt ganz Neues darin. Wie wir einen Text lesen und beurteilen, hängt nicht selten auch von der Situation ab, in der wir sie in die Finger bekommen.“

 

Umberto Eco zitiert 1983 in seiner Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘ den amerikanischen Schriftsteller John Barth: „Der ideale postmoderne Roman müßte den Streit zwischen Realismus und Idealismus, Formalismus und ‚Inhaltismus‘, reiner und engagierter Literatur, Eliten- und Massenprosa überwinden… Die Analogie, die ich vorziehe, ist eher die zu gutem Jazz oder klassischer Musik: Beim Wiederhören und Analysieren der Partitur entdeckt man vieles, was einem beim ersten Mal noch entgangen war, aber beim ersten Mal muß einen das Stück so gepackt haben, daß man Lust bekommt, es wiederzuhören, und das gilt sowohl für die Spezialisten wie für die Nichtspezialisten“.
(gefunden in einem Artikel von Thomas Anz über Barthes Lust am Text auf literaturkritik.de)

Thomas Anz erinnert dabei an Hans Magnus Enzensbergers Wasserzeichen der Poesie, erschienen 1985 in „der Steinzeit“ der Poesie:

„Auf dem pluralen Nebeneinander ganz unterschiedlicher und gleichwertiger Spielarten zu bestehen galt als Merkmal der Postmoderne auch im Bereich der Ästhetik und der Poetik. Ganz in Übereinstimmung mit ihr stellte Enzensberger in Das Wasserzeichen der Poesie „hundertvierundsechzig Spielarten“ literarischen Schreibens vor. Es sei, so heißt es im Vorwort, „nie ein simples, es ist schon immer ein höchst verwickeltes Spiel gewesen, das die Dichter und ihre Leser trieben. War das alles ernst gemeint? Oder war es nur eine Parade von Kunststücken, eine Vorstellung von glänzenden Tricks, sonderbaren Gemütsbewegungen, atemberaubenden Fertigkeiten? Und wenn es ein Spiel war, nach welchen Regeln wurde es gespielt?“ Der Vielzahl der Regeln, nach denen literarisch gespielt wird, entspreche die Pluralität der möglichen Lesarten eines Textes. „Die einzig richtige Art, ein Gedicht zu lesen, gibt es nicht. Sie ist nur ein pädagogisches Phantom. Soviele Köpfe, soviele Lesarten, eine richtiger als die andere.“ In diesem Zusammenhang steht auch die Titelmetapher des „Wasserzeichens“: „Wer Lust hat – ohne Lust geht es nicht –, der braucht die Wörter nur gegen das Licht zu halten. Unter jedem Text findet sich ein anderer, finden sich viele andere“.“

Vorausgesetzt der Text gibt das her. Und das ist die Frage: was gibt der Text her und was behält er für sich?

Hanns-Josef Ortheil erinnert sich (ebenfalls auf literaturkritik.de) an das Paris des Roland Barthes:
„Von Roland Barthes kannte ich in meinem Studienjahr 1973 nur die Mythen des Alltags. Nachdem ich ihn leibhaftig am Boulevard Raspail gesehen hatte, kaufte ich mir in einer Buchhandlung nahe dem Seineufer sein damals gerade erschienenes Buch Le plaisir du texte (Die Lust am Text) und beeilte mich, damit zurück in meine Wohnung zu gelangen, um es dort in Ruhe zu lesen. Durch Vermittlung einer Zimmerbörse an der Sorbonne bewohnte ich zwei Zimmer im fünften Stock eines großen Mietshauses am Boulevard Saint-Michel. Die Zimmer gehörten einem Gymnasiallehrer, der für einige Zeit nach Finnland gegangen war, um dort zu unterrichten. Während dieser Zeit war ich in seiner Wohnung allein. Ich hatte eine kleine Küche, ein winziges Bad und zwei sehr große Zimmer, von denen ich hinab auf den Boulevard mit seinen mächtigen, hohen Platanen schaute.

Manchmal setzte ich mich zum Lesen nach draußen, auf den umlaufenden Balkon. Genau erinnere ich mich bis heute an den Moment, in dem ich dort Le plaisir du texte aufschlug. Ich las das Motto: La seule passion de ma vie a été la peur (Die einzige Passion meines Lebens war die Angst), und ich zuckte sofort zusammen, weil ich genau diesem seltsamen Satz aus eigener biografischer Erfahrung (von der hier jetzt nicht weiter die Rede sein soll) ganz unbedingt „zustimmen“ konnte. Langsam las ich die nächsten Seiten: Sie handelten von den Freuden und dem Vergnügen an bestimmten Lektüren, ja, sie waren vom ersten Augenblick an das große Gegengift gegen die Langeweile des Studiums.“

Hanns-Josef Ortheil: Die Pariser Abende des Roland Barthes. Eine Hommage.
Mit Roland Barthes: Pariser Abende. Aus dem Französischen übersetzt von Hans-Horst Henschen.
2 Pariskarten und 45 Fotografien von Hanns-Josef und Lotta Ortheil.
Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2015.

Wie rentabel es sein kann, sich auf Texte einzulassen! Wenn der Text es hergibt.

„Ja, Gedichte machen Versprechen. Manche halten die Versprechen, manche halten sie nicht. Die Tatsache, dass das Gedicht eine eher marginalisierte Kulturtechnik ist, bedeutet natürlich nicht, dass jedes Gedicht, das da draußen rumläuft, gut ist - oder auch zu Recht ein Versprechen macht, das lohnt, sich mit ihm zu beschäftigen. Hier geht es mir gar nicht darum, dass Dinge absichtlich verrätselt werden, dass so eine Art von Dunkelheit eingetragen wird, die eher dem Dünkel der Dichterin oder des Dichters entspricht. Es geht eher darum, dass Gedichte ein anderes Timing und eine andere Zeitverwendung, eine andere Lektüre-Zeit einerseits erfordern, dann andererseits aber auch ermöglichen.“
Monika Rinck in einem Interview im rbb.

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