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Nadel und Profil

Redaktion: 

Ab Montag im Buchhandel:  Serhij Zhadan. Warum ich nicht im Netz bin - Gedichte und Prosa aus dem Krieg.
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe und Esther Kinsky. Mit einem Nachwort des Autors. Suhrkamp, August 2016.

»Schlimm ist es zu sehen, wie Geschichte entsteht.« Seit Sommer 2014 notiert Serhij Zhadan, was ihm auf seinen Reisen ins ostukrainische Kriegsgebiet widerfährt. Es sind lyrische Momentaufnahmen, die das Essentielle jäh aufscheinen lassen, Kürzestgeschichten über Menschen, die plötzlich auf zwei verfeindeten Seiten stehen oder nicht mehr wissen, wo sie hingehören und was aus ihnen werden soll. Wenige Strophen vermitteln etwas von der Tragödie Millionen Einzelner. In den lakonischen Versen ist die Bedeutung Brechts spürbar, dessen Lyrik Zhadan seit der ukrainischen Revolution übersetzt.

 

Die Nadel
 

Anton, zweiunddreißig,
in seinem Profil steht: Lebt bei den Eltern.
Orthodox, aber kein Kirchgänger,
Studienabschluss, Fremdsprache Englisch.
Er arbeitete als Tätowierer, mit eigener Handschrift,
wenn man so sagen kann.
Durch seine Hände, unter seine Nadeln
gingen die Einheimischen in Scharen.

Als alles anfing, redete er viel über
Politik und Geschichte, ging auf Demos,
überwarf sich mit seinen Freunden.
Die Freunde waren beleidigt, die Kunden blieben weg.
Hatten Angst, waren kopflos, zogen fort aus der Stadt.

Am besten spürst du einen Menschen, wenn du die Nadel ansetzt.
Die Nadel brennt, die Nadel heftet. Unter dem warmen
Metall wird die Leinwand der Frauenhaut
gefügig und das helle Segeltuch der Männerhaut straff. Du dringst in eine fremde
Hülle, entziehst dem Körper samtene Blutstropfen, du stichst und stichst und stanzt
Engelsflügel in die ergebene Außenhaut der Welt.
Tätowierer, du stichst und stichst, denn wir sind berufen,
die Welt mit Sinn, die Welt mit Farbe
zu füllen, du durchstichst die Ummantelung,
Tätowierer, unter der die Seelen und Krankheiten liegen,
das, was uns leben lässt, das, wofür wir sterben.

Jemand hat erzählt, man hätte ihn an einer Straßensperre erschossen,
früh am Morgen, mit einer Waffe in der Hand, irgendwie aus Versehen –
keiner begriff, was passiert war.

Er wurde anonym bestattet, wie alle anderen auch.
Die persönlichen Dinge übergab man den Eltern.
Sein Profil hat niemand geändert.

Es kommt die Zeit, da wird irgendein Arsch
Heldengedichte darüber verfassen.
Es kommt die Zeit, da wird irgendein Arsch
sagen, darüber solle man überhaupt nicht schreiben.
 

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