Fixpoetry

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Der Orkan 1917

Redaktion: 

Expressionismus vor 100 Jahren - Die expressionistische Zeitschrift der Orkan erschien im Selbstverlag des Rolf Conrad Cunz im April 1917 mit der ersten Nummer des Jahres (nach weit zurückliegenden  ersten Ausgaben in 1914) und bot dabei einen Seitenbereich namens „Textstichproben“, in dem sich neu erschienene oder sich im Erscheinen befindliche Bücher durch ihre Verlage featuren ließen. Bei S. Fischer waren 1916 die „Gedichte“ von Oskar Loerke erschienen, und so platzierte man eine Auswahl von 8 Texten (inklusive einer Jammes-Übersetzung von Loerke).

 

Nächtliche Körpermelancholie

Mein Leib ist Nacht, verfließt mit Nacht im Kalten.
Mein Leben mag das Dunkel nicht mehr schüren
und flackt gedrückt in engen Schädelfalten
und kann das Blut nicht schicken und nicht rühren.

Das stockt und tropft und steigt beschwert von hüben,
ist lau wie Fäulnis, schmerzt wie schönes Ahnen,
und andres spart sich taub heran von drüben,
verirrt in Knochenschluchten, ohne Bahnen.

Was ist nun Ich?
Die Füße sind wie Berge in der Ferne,
zu fremd und schwer, ich kann sie nicht bewegen.
Das Herz wie eine einsame Zisterne,
und viele öde Meilen mir entlegen.

Ich weiß:
Die Hand hängt tief in einem Wald von Kohle,
die Stirn trägt eine Hauptstadt, grell von Lichtern.
Auf meinen Füßen schläft das Eis der Pole,
darunter schluckt das Meer in Strudeltrichtern.

Ich werde nichts fürchten und nichts vermissen
und ohne Schmerz und ohne Hunger liegen
und nur soviel wie große Flügel wissen
auf einem Sterne mit Gestirnen fliegen.

Loerke, Oskar: Nächtliche Körpermelancholie.
Der Orkan. Folge 1, H. 1: Erste Jahresfolge 1917, April 1917, S. 26

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