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100 Meilen Heim

Redaktion: 

Eine tiefe und andauernde Lebenskrise, die den Dichter John Clare (1793–1864) erfasste, mündete 1837 in die Einweisung in eine private Nervenheilanstalt in High Beach, Essex. Vier Jahre später gelang dem damals 48-Jährigen, der heute als bedeutendster Chronist des englischen Landlebens gilt, die Flucht aus der Anstalt und er wanderte in einem schonungslosen Viertagemarsch fast 100 Meilen zurück in sein Heimatdorf in Northamptonshire. Seine legendären Erinnerungen an diese Flucht bilden das Zentrum des vorliegenden Buchs, das, eingerahmt von den beiden bekanntesten Gedichten Clares, auch autobiografische Fragmente umfasst und damit einen der großen Naturdichter englischer Sprache porträtiert. Ausgewählt und erstmals übersetzt von Esther Kinsky, stellen die hier versammelten Texte in ihrer existenziellen Dringlichkeit und hohen Verdichtung die Entdeckung einer im Deutschen bislang unbekannten Größe der europäischen Literaturen dar.

John Clare Reise aus Essex. Übersetzt von Esther Kinsky. Matthes & Seitz, 2017.

Tobias Lehmkuhl in der SZ:
„Als Verweigerer der zunehmend standardisierten Schreibweisen, erklärt Esther Kinsky in ihrem Vorwort, scherte sich Clare nicht um Orthografie und verzichtete gänzlich auf Interpunktion. Die Phonetik war ihm wichtiger und wohl auch der natürliche Rhythmus des Sprechens. Wie Kinsky dieses Englisch ins Deutsche bringt, frei von jeglichem Manierismus und voller Einfallsreichtum, wäre unbedingt preiswürdig.“
Als Beispiel mag das kurze Porträt des Thomas De Quincey dienen: "Ein kleiner arglos & schlicht erscheinender jemand beinah wie ein zu gros geratnes kind gekleidet in einen blauen mantel & in ein schwarzes halstuch wunderlich mit dem hut in der hand so stiehlt er sich ganz leise in der geselschaft umher & sieht sich mit einem lächeln scheu im raume um - das ist de Quincey der Opium Esser & dieser abstruse denker in Logik & Metaphysik".

 

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Anspieltip: ein letztes Jahr erschienenes Hörspiel von David Fischbach, gesprochen von Torben Kessler u. a. Theremin: Carolina Eyck | Geige: Angela Hodgson | Spieldauer: 70 Minuten

Hörproben beim buchfunk

 

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