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Mein Dauthendey (1)

Redaktion: 

Der Dauthendey Teil meiner Bibliothek

 

Max Dauthendey

Die Scharen von mächtigen Raben

Es fliegen im Abend tief über die Ähren
Die Scharen von mächtigen Raben,
Wie Geheimnisse lautlos, die sich begraben,
Wie Gedanken, die sich im Zwielicht mehren.

Und es hängen die Ähren zum Straßengraben,
Als ob sie Sehnsucht nach Menschen haben.
Es steht noch ein Mäher im Klee, im dunkeln;
Du hörst nicht die Sense, du siehst nur ein Funkeln.

Es huscht noch ein Vogel schnell in die Hecke,
Die Feldwege schlängeln sich hinter Verstecke,
Die Raben kreisen und machen Runden,
Tauchen unter und sind in der Erde verschwunden.

 

Was mir bei Max Dauthendey gefällt ist seine chtonische Träumerei, daß er nass ist von Nebel und Tau, riecht nach Erde und Holz, besonnt von der Melancholie des Regenwaldes, er liefert sich aus dem „Empfindungsleben des Weltalls“, wie er es in einem unveröffentlichten Brief umreißt. „Jedes Atom ist ein empfindendes Ich.“  schreibt er im Juni 1893 an einen Freund, ganz in die Materie hineingezogen, der weiblichen Schwere, von der chtonischen Schlange als ein Durchqueren der dunklen fruchtbaren Reiche abseits vom Licht manifestiert. Ich erinnere einen Freund, der neben mir im dunkelgrauen Sweater stand, nassgeregnet , so daß die Haare wie dunkle Adern in die Stirne liefen, als er sagt: er liebe britisches Wetter. Er wollte damit sagen, ich bin ok mit dem Regen und allem Grau.

So denke ich Dauthendey. Und so mag ich seine Gedichte, die nie einfach plump romantisch sind. Oberflächlich betrachtet sehen sie aus wie Zuckergebäck und Tee in einem bourgeoisen Haushalt, aber wenn man die Untererde und ihr Mikrobenleben ins Visier nimmt, platzt diese Hülle und es zeigt sich ein tief Angelegtes gegen sehr viel Widrigkeit und Stein, es zeigt sich Erde, die sich weitertransportiert in Würgefeigen und Früchte für den Tukan, und Schönheit als ein kleiner flüchtiger Halt zwischen Momenten, die das Unentschieden umstehn. Entwaffnend durch ihre naive Bereitschaft etwas zu glauben.

*

Es war an der Oberweser. Ich verbrachte ein Wochenende in einem abgelegenen Hotel. Ich war bei einem Spaziergang an einer Koppel angekommen, mit drei Pferden, und ich gesellte mich zu  ihnen in den Regen. Sie taten nichts außer beisammen stehen und geduldig sein. Der Blick auf ihre Gesichter wurde schnell unwirklich, weil man so viel Demut und Hiersein hineinsehen konnte. Vielleicht genossen sie nur den Wetterreiz, und mir war aber so, als würden sie mir eine Lektion erteilen, was es heißt „auf der Welt“ und nicht Flüchtling in eine Höhle zu sein. Teil der Steppe, bespült vom Dampf aus der Pritsche des Grases und des kratzenden Krauts. Pitschpatschenass stand ich und versuchte der Situation nichts weg-, aber auch nicht hinzuzudenken (aber das mach mal!), also eigentlich gar nichts zu denken. Was nicht gleichbedeutend war mit nicht hier sein, sondern im Gegenteil: Mein gar nichts war die Grundbedingung für das draußen, mein Ich war höchstens eine Murmel schwer und das war das rechte Gewicht.

Diese vernieselte Dichte über der Weser, der Regen und die ihm eigene Klasse der Klänge, die versenften Farben des späten Grases, Langsamkeit, die simple Ernsthaftigkeit und das, was man als Demut sehen kann, erinnere ich als unschwer, ätherisch, als einen Moment der Sprezzatura, der wahren Leichtigkeit. Und hier hinein denke ich mir gerade meinen Dauthendey. Auch das Schwere und Böse und Anstrengende kommt letztlich doch aus einer feiernden Welt und kann im Wesentlichen nicht verschieden sein zu Liebe und Schönheit außer in unserem Blick.  So ungefähr.

*

„Max Dauthendeys Lyrik wurde bereits zu seinen Lebzeiten als dem literarischen Impressionismus zugehörig bezeichnet, eine Klassifizierung, der er nicht widersprach, lag ihm doch an der poetischen Gestaltung ‚eindrücklicher‘ Stimmungen und Szenen.“ Rüdiger Görner in der FrankfurterAnthologie der FAZ.

*

Also:  Max Dauthendey wäre am 25. Juli diesen Jahres 150 Jahre alt geworden, einst in Würzburg als das achte Kind des Daguerreotypisten und Photographen Carl Albert Dauthendey und als das zweite Kind dessen zweiter Frau Charlotte Karoline geboren.

Andere Schriftsteller werden zu solchen Anlässen breit abgefeiert – bei Dauthendey spart man sich das (womöglich für das Jubiläum seines Todes – am 29. August 1918 in Malang auf Java – also 100 Jahre im nächsten August). Keine Frage, daß ich hin und wieder an ihn denke und mich erfreue an seinen heute gern überlächelten Gedichten, die eigentlich eine ziemliche Rolle in der deutschen Literaturgeschichte spielen, und ich bringe jetzt ein paar Tage lang jeweils ein Gedicht von ihm hier in der Fix Zone.

 

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