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Wespennest 173

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„Kulturelles Erbe ist kein Wert an sich, sondern es liegt an den jeweiligen Erben, auszuhandeln, ob sie die Erbschaft antreten, sie als lebendige Bereicherung begreifen, ihr als Denkmal eine ethisch-didaktische Funktion zuweisen, sie durchbringen, umdeuten oder zerstören wollen.“ So lautet eine der Grundüberlegungen, die sich durch den Schwerpunkt der Herbstausgabe ziehen.

Zu einem sehr konkreten und aktuellen Beispiel der Zerstörung kulturellen Erbes nimmt Andreas Schmidt-Colinet in einem ausführlichen Gespräch Stellung. Als Archäologe hat er dreißig Jahre lang in Palmyra geforscht. Die Rufe nach einer Schaffung von „Kultur-Blauhelmen“ hält er für verfehlt, und neokolonialen Tönen in der Debatte um einen Wiederaufbau tritt er entschieden entgegen. Auf eine sehr wienerische Kultur-Leiche schaut Ferdinand Schmatz: Gemeint ist der sogenannte ‚Canaletto-Blick’, die oft in Zusammenhang mit dem Weltkulturerbe-Status der Wiener Innenstadt bemühte Verdute „Wien, vom Belvedere aus gesehen“. Dem festgelegten Bildgegenstand des Malers stellt Schmatz die Befreiung der Dinge aus ihrer Schwerkraft entgegen. Dass kulturelles Erbe nicht nur innerhalb einer Stadt oder Nation, sondern auch zwischenstaatlich und im historischen Verlauf zu Konflikten führt, zeigt Johan Öberg detailreich anhand von schwedischen Felsritzungen der Bronzezeit: Im Streit um deren Deutung werden ideologisch motivierte Forschungsinteressen sichtbar, deren Spuren bis in die österreichische Volkskunde führen. Auch Sophie Schasiepen widmet sich zwischenstaatlichen und interkulturellen Aspekten des Themas. Ihre Reflexionen zu Fragen der Wiedergutmachung und Repräsentation entwickelt sie am Beispiel einer Rückgabezeremonie von Ahnen der Maori an eine neuseeländische Delegation im Bremer Übersee-Museum.

Während Angela von Rahden das Totengespräch mit Petrarca, Boccaccio und Dante sucht und sich von deren Disput mit den klassischen Denkern inspirieren lässt, spaziert Ilija Trojanow mit Dzevad Karahasan durch Sarajevo und dessen Vergangenheiten, wo sich „Leben und Tod den städtischen Raum teilen“. Der „ästhetischen Abwesenheit von Geschichte“ hingegen forscht Georg Traska im Haus Tugendhat nach. Anhand zeitgenössischer sowie historischer Fotos dieser Brünner Architekturikone der Moderne thematisiert er Nutzung, Restaurierung und Gestaltung als Museum im Verhältnis zur tschechoslowakischen Geschichte.

Von kulturellen Traditionen der Doppelmonarchie sprechen heißt für Péter Nádas von einer unerwiderten Liebe und einer langweiligen Ehe sprechen. Seine Chronik monarchischen Expansionsdrangs setzt mit der Wiener Doppelhochzeit des Jahres 1515 ein. Die genau genommen keine war. Aber eigentlich begann ja alles auch viel früher. Sicher ist jedenfalls, dass viel gesammelt wurde. Was wir in Österreich alles aufheben und warum die meisten der heutigen Bundesmuseen aus Kaisers Zeiten stammen, ergründet Werner Hanak-Lettner. Von den schmerzvollen Bruchlinien zwischen Artefakten und Erinnerungen weiß Melissa Hackers Text über die Exlibris-Sammlung ihres Großvaters, der als Wiener Jude von den Nationalsozialisten enteignet wurde – und die Sammlung später zurückerhalten hat. Der Umgang mit dem Kulturerbe der Familie kann zur Last werden, wenn es einem genommen wird – jedoch auch, wenn es erhalten bleibt: Davon erzählt Hazel Rosenstrauch anhand der umfassenden Bibliothek ihrer Mutter. Und Ulrich Schneider vermag schillernd vom Schicksal der privaten Kunstsammlungen von Henri Nannen, Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, Peter Ludwig und Gunter Sachs zu berichten.

Der politischen Last des Schwerpunkt-Themas nimmt sich schließlich Konstantin Akinscha an, wenn er über Aspekte des sowjetischen „Beutekunstproblems“ und dessen Auswirkungen auf die gegenwärtigen deutsch-russischen Beziehungen schreibt.

Außerdem im Heft: Valentin Groebner blickt in die Geschichte des Informationsaustausches, die immer auch eine Geschichte der Verwirrung zwischen Wahrheit und Fälschung ist. Sein Essay entstand in Zusammenarbeit mit Eurozine, wo vor Kurzem ein Schwerpunkt zum Thema „Disinformation and Democracy“ veröffentlicht wurde. Es gibt Dichtung und Prosa von Sabine Küchler, Luca Manuel Kieser und Jani Virk, sowie Arbeiten des ungarischen Straßenfotografen András J. Nagy. Und neben einem wie immer umfangreichen Buchbesprechungsteil würdigt Zsuzsanna Gahse die Vielseitigkeit von Bodo Hells Literatur.

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Weitere Informationen zum Heft unter http://www.wespennest.at/w_zeitschrift.php?id=MTcz.

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