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Kleinverlagspreis für Maro

Redaktion: 

Vor einigenTagen warf Christian Jooß-Bernau in der Süddeutschen einen Blick auf ein Urgestein der deutschen alternativen Verlagsszene: Benno Käsmayr von Maro, dem am Montag der Kleinverlagspreis des Bayerischen Kultusministeriums verliehen wurde :

„ Maro war von Anfang an durchdrungen vom Sponti-Geist der späten Sechziger und Siebziger. Die erste, naja, Veröffentlichung: "Das große Scheißbuch". Zusammengeschnittene Prospekte, kombiniert mit Parodien deutscher Dichter-Klassiker. Käsmayr muss da heute noch mit vollem Mund lachen. Ein paar haben das tatsächlich für fünf Mark gekauft. Nur einer schickte das Buch zurück, das sei ja totale Scheiße. Immerhin - der Erlös war das Startkapital für die erste Nummer der Zeitschrift Und, ebenfalls so ein Sponti-Ding. Und dann kam Tiny Strickers Buch "Trip Generation", im Original 1971 noch mit Spiritus-Matrizen vervielfältigt. Stricker brachte von einer wilden Reise einen Haufen handschriftliche Notizen mit. Und Fundstücke: Prospekte, Rechnungen. Käsmayr wurschtelte sich durch. Chronologie war Nebensache. Heute haben sie es redigiert und neu aufgelegt: "Ich bin nicht abergläubisch", sagt Käsmayr, "aber das ist das erste Buch, wo es mit dem Verlag losgegangen ist. Das ist das erste Teil - das darf eigentlich nie ausgehen."“

Ich kann mich erinnern, daß ich (ich glaube im Jahr 1979) dem Benno seine Maro-Altbestände abgekauft hatte, als ich über meinen Mondlichtbuchvertrieb Buchpakete mit neuer, anspruchsvoller, aber unbeachtet gebliebener Literatur verhökerte. Es kam ein großes Paket aus Gersthofen, drin: ungleiche Stapel kurioser Bücher und Paperbacks, angefangen von der Literaturzeitschrift UND bis zum Wälzer über die alternative Verlagsszene „Bücher, die man sonst nicht findet“. Und Druckwerke, die ich so bislang noch nicht gesehen hatte:  Lowfi mit Untergrund-Charme und trotzdem Modernitätsvorsprung, anarchistisch und rebellisch, teils noch von Matrizen abgezogen: Ich erinnere bspw. Thomas Niehörster (mit Textcollagen), Norbert Eichler (Comicgedichte). Ich zählte die Stücke und packte Maro-Buchpakete teils unterschiedlichster Zusammenstellung daraus, die für kleines Geld übern Tisch gingen. Ich war furchtbar stolz so ein extravagantes Ding anzubieten. Als anarchistischer postpubertärer Buchvertreiber.

Ähnliches machte ich bspw. mit Revoluzzerbüchern aus dem Verlag Association aus Hamburg und den frisch erschienenen gelben Heften aus der Giftzwergpresse aus Holland, aber das einzige, was lief, war Maro.

Infiziert und größenwahnsinnig geworden fragte ich auch in Frankfurt beim Undergroundspezialisten Lutz Reinecke nach, Zweitausendeins hatte damals überall Läden eröffnet und ich wußte dort schlummerten Reste von den Resten, die ich haben wollte für vielleicht allerkleinstes Geld. Lutz Reinecke schrieb mir leider ab, es gäbe solche Reste nicht, und überraschte kurze Zeit später die Merkheft-Leser in den noch handgetippten Editorials mit der Mitteilung, bei Zweitausendeins gäbe es jetzt DIE RESTEKISTE, wahllos (d.h. ohne Rücksicht auf den Wert) zusammengepackte Bücherpakete unterschiedlichsten Inhalts, aber immer mit schönen Überraschungen, Reste von den Resten, Rückläufer aus den Shops etc. die man anders nicht mehr anbieten wollte oder konnte. Diese Restekisten liefen lange Zeit und wohl auch sehr gut und Zweitausendeins machte Kohle, wo andere Lagerkosten drückend spürten.

Auf diese Weise hat also MARO nicht nur einmal direkt oder über Ecken für den Reichtum anderer Impulse gesetzt – am direktesten durch die Entdeckung von Charles Bukowski, dessen Gedichte 1974 zuerst  bei Maro erschienen waren und die zunächst Maro, dann aber auch Zweitausendeins in verlegerische Höhen zu saugen halfen. Gedichte die einer schrieb bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang.

 Benno Käsmayr: „1978 war er (Buk, Anm. FM) dann hier. Da traf ich ihn in Mannheim und in Hamburg bei der Lesung waren wir auch. Wir mussten tatsächlich bei Zweitausendeins die Tickets kaufen, um da rein zu kommen. Es war also nicht so, dass der Maro Verlag Freikarten gekriegt hätte. Im Prinzip war Bukowski für den Verlag ein Autor der Backlist geworden. Das andere war schon Big Deal, da war bereits das große Geschäft entstanden.“

Benno Käsmayr ist wohl einer der Wenigen, die noch etwas über die alternative Literaturszene ab 1970 erzählen können und man kann froh sein, daß er bereits  einen Teil seiner Bestände an das Archiv für Alternativkultur übertragen hat.  

 

 

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