Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Fix Zone

Liegengeblieben (3) - Stell Schrauben heller

Redaktion: 

Bleib mir bloß weg mit dem Verstehen! Das Thema ist sowas von durch! Das ist nurmehr schier lächerlich.  - Das wären in ungefähr die Reaktionen, die kämen, wenn ich einem Lyrikerkollegen erzählen würde, daß dieses Thema mich immer noch beschäftigt, und zwar postiv beschäftigt. Ich komme darin weiter und habe das Gefühl, heute sehr viel besser mit dem „Verstehen“ umgehen zu können als früher, weil sich dieser Begriff in mir verändert hat, er ist mit der Zeit gegangen, hat Federn gelassen und sieht nun wesentlich anders aus.

1. Macht auf die Tür das Tor die Truhe
„Es gibt niemanden, den die Fragen nach Sinn, Wahrheit, Freiheit, Liebe, Gerechtigkeit gleichgültig lassen. Es gehört zum Hyperbolismus der Philosophie und ihres Universalismus, dass sie niemanden ausschließt, indem sie nach der Realitätsverklammerung des Menschen fragt, danach, was der Mensch sei und wie verlässlich die Gewissheiten sind, an denen er sich orientiert. Philosophie öffnet sich den ungewissen Momenten von Realität. Es gibt die Philosophie nur als Erfahrung elementarer Orientierungslosigkeit. Sich in der Orientierungslosigkeit – im unübersichtlichen Gelände, das wir Wirklichkeit nennen – zu orientieren, das wäre eine erste Definition von Philosophie.“
Marcus Steinweg in seiner „Philosophie der Überstürzung“ (Merve, 2013).

Auch eine erste Definition von Sprache, die eine Stellschraube ist, aber auch das, was sie verstellt. Ein kurioses Nichtding, das alles zusammenbringt. Sprache ist Philosophie.

Wenn wir von Verstehen reden, dann ist damit allermeistens unsere Fähigkeit gemeint Informationen, die uns von außen erreichen, ins Innere aufzunehmen und zu begreifen. Vornehmlich also eine Transferleistung von außen nach innen. Man könnte behaupten, daß dieser Mechanismus ein Schlüssel für Entwicklungsgeschichten ist: die Art, wie Informationen gelesen und deren Bedeutungen entschlüsselt und begrifflich integriert werden, kennzeichnet unseren Verstand und bewirkt Lebensformstabilität. Unser Transfergeschick, unsere Abbildungsleistung und Beantwortungstiefe haben eine gewisse Verwertungsqualität, die uns positioniert. Geschehnisse, die wir gut verstehen, können wir schadensfrei überleben, weil uns adäquates Handeln immunisiert. 

Ein Beispiel, das ich von dem Mathematiker Keith Devlin[1] borge: Sie fahren zum ersten Mal in ihrem Leben nach Berlin. Sie gelangen an ein rotes Stopplicht. Was tun Sie? Obwohl Sie niemals zuvor an genau diesem Ort mit seinen Alleebäumen und Hauszeilen, seinen Laternenpfählen und Leuchtreklamen waren, stoppen Sie ihr Auto und warten auf Grün. Sie wissen, Sie vermeiden damit weit größeres Unglück, als  jenes, für einen Moment in Ihrem Bewegungsvorhaben ausgebremst zu sein. Die Situation fordert eine typgegründete und in diesem Fall absolut defensive Aktivität, um sie erfolgreich zu bestehen. Unser neuronales Netzwerk weiß ein Signal mit einem Situationstyp so zu verknüpfen, daß wir uns „sinnvoll“ verhalten. In diesem Fall ist die Situation durch ein einfaches Lichtsignal klassifiziert, im Fall eines Leoparden, der im dürren Savannengras unsichtbar nach Beute späht, wäre es nicht schlecht, wenn man riechen kann, daß etwas im Busch ist. Dann sind Moleküle in der Luft der Schlüssel. Das Gnu versteht die Anwesenheit eines Moleküls, das aus dem Fell des Leoparden in die Umgebung emittiert und vom Wind herbeigeweht wird. Überall sichern solche erstaunliche Transferleistungen tagtäglich situatives Überleben. Überall wird die Welt auf individuell sinnvolle Art und Weise verstanden.

 

2. Taubenschuhe

So, ein Gnu ist auch der Dichter. Er hat vor                                    
etwas ans Tor zu stellen, ein komplexes Gem-                               
enge aus Worten zu exponieren. Im Fall endener                         

Gedichte sieht er, ob etwas im Busch ist. Gedichte, Dick-              
ichte gestalten die Alter der Situation, Lenkungsraum Wissen:     
Gefahren entstehen (beim Gebrauch welcher Orte)?                    

Wohin läuft der Text, wenn ich ihn laufen lasse und was               
sollte wer gegen Ausufern tun? Welches Outfit strebt                  
zu welcher Form? Wie wird es sichtbar? Was will ich                   

mit diesem Gedicht? Er wird zum Checker & kann                        
drängen und geheimen, kann seltsame Gedichtfragen,              
B-Antworten, ohne Zeugen überzeugen zu wollen? Wie                         

kriege ich etwas Unerhörtes hin & her? Wird man papp               
erlapp lieben oder den Zeilenanleger? Ausgezeilt im Hang, wen  
liebt die Kritik, wer den Leser, ein Nachbar im Versstand?[2]                                                                                             

(übertriebener Text von FM)

Man weiß: Text ist Situation. In ihr treten Moleküle und Signale (und Silberrücken und Bergrücken) auf. Es ist wie überall sonst in der Welt, wo Dinge in einen Kontext geraten: es gibt Reaktionen. Der Dichter löst diese Reaktionen bewusst aus. Ich bin zunächst Materialsammler, Stofflenker und Informationsheger, der seine collectibles und Schätze, seine Zutaten und Gewürze zusammenführt und werde dann (nach reichlicher Aufladung) zum Anschalter, Panscher und Mixer, Laborchef und Alchimist. Während ich mein eigenes Streben nach Form und Überdauern im Blick habe, arrangiere ich Gemenge zu gültigem Text.

Sprache sucht die Position, schafft eine Koordinate, schon wenn sie Wissen vom Nichtwissen beschreibt. Sprache weiß von der Lücke und stellt eine Frage und das Stellen ist schon ein Standpunkt. Es enthält quasi die Position der Antwort. Wenn die Weltbefragung Aspektwissen erzeugt, positioniert dieses nicht nur das Wort, das zuständig sein wird, sondern auch das Lebewesen, wie es dieses Wissen „haben“ will. Verstehen ist dann nicht mehr nur das Entschlüsseln von Gemeintem, sondern auch das Etablieren eines Standpunktes, an dem das Entschlüsseln auf spezielle Weise stattfindet.

Hier kommt diese zweite, von mir ganz heftig geliebte Bedeutung des Wortes „Verstehen“ wieder  ins Spiel, die von dem Verb „Stehen“ herrührt. Das, was man von der Welt gültig zu erfassen glaubt, bewirkt die Art und Weise, wie man sich in die Welt platziert. Das Verstehen ist also eher ein Hineinstellen, als ein Heraus-. Es stellt sich nicht heraus, daß man etwas weiß, sondern es stellt sich etwas in den Lebenszusammenhang hinein. Herausstehendes ist in erster Linie Hineingestelltes. Es ist neu, als Lesart und Ereignis, als eigenartiger Text. Sein Verstehen ficht um Positionen[3]. Ikonischer Code dient als Fixativ des Prinzips. Sprache ist im direkten Wortsinn begreifend und wirkt architektonisch. Zeigt Stehen, Stand.

„Jeder der schreibt oder künstlerisch aktiv ist, weiß, daß die Produktion zuletzt blind ist. Man bewegt sich in Richtung dessen, was man nicht kennt. Das gilt auch für die Philosophie: dass sie ihr Wissen überschreiten muss, um die Inkonsistenz ihrer Wissenbestände zu erfahren und dieser Erfahrung eine Form oder Sprache zu geben. Das Subjekt der Kunst und der Philosophie ist Subjekt einer Selbstüberstürzung und Hals-über-Kopf-Dynamik, die es über sich hinaus beschleunigen lässt. Wohin? Dorthin, wo es noch nicht war.“
Marcus Steinweg in seiner „Philosophie der Überstürzung“ (Merve, 2013).

 

3. Hau die Truhe
Ich habe zu bekennen (und dem dient insgeheim der ganze Aufwasch hier): Zu einem Lieblingslyrikbuch im vergangenen Jahr ist für mich geworden: „Flüchtige Monde“ von Yevgeniy Breyger.

Ein paar Beispielzeilen (und ich bin froh, daß ich das an Sätzen festmachen kann – ich mag Sätze und YB bietet mir sehr viele an!):
„ich atme absurde raumweiten“
Allein der zitierter Vers hat eine meditative Klasse,  die wie Geruch aus einem frisch angeschnittenen Apfel strömt. Zunächst das Klangliche: absurd nah am englischen absorb. Ein Geschenk. Dann das Substantiv: die Raumweite. Durch das Atmen fast schon ein Verb: das Raumweiten, das Verdehnen in zunächst unglaubliche Gegend. Nicht durch Händeln und Herrschen, sondern durch den sehr elementaren Prozess des Atmens. Es genügt auf der Welt zu sein und die Räume ändern sich, weiten sich, zeigen neues Ausmaß. Die Aufgabe ist nicht unlösbar: auf der Welt sein – atmen – ist alles. Dort muß man hinkommen. In seinen eigenen Atem, wie er die Welt aufschließt.

„draußen begegnest du verschlossen der luft, fiebrig / deinem körper. vögel schießen gegen unsere fenster.“ wie das hin und her gerechnet ist, das draußen, dem man sich verschließt, vögel, die als waffen auf uns zielen, dieser konflikt: draußen zu sein, ohne draußen zu sein, weil man gefangen ist im Fieber des Körpers. Man ist aufgestanden, kommt aus der beheizten Lebenszeit und steht einer Welt gegenüber, während im Kopf die Szenen des Films aus der Nacht Revue passieren.

Im Kapitel „Amphoren“ fragt YB „was ist der Raum?“ - er gibt keine Antwort darauf, die er ausspricht, sondern er setzt aufs Betreten („schneisen ist ein verb“) und will damit „tagessinn und tand vermischen“. Er vermischt damit viel mehr als er sagt, er kündigt sogar die Unterscheidung zwischen Sinn und Unsinn, und das ist kein dekonstruktivistischer Trick sich die Oberhand der Theorie zu sichern, kein tragischer Verzicht oder Verlust, sondern sowas von willkommen, auch mir willkommen. Reisst doch all die Label ab und setzt nebeneinander, was nicht nebeneinander gehört. Ihr werdet sehen, im Fall, daß ihr atmet, daß alles neu leicht oder schwer ist, neu nichtig oder richtig, im Geweiteten, Herbeigeschneisten.

Das hört sich bei schnellem Lesen nicht sehr konsequenzenreich an: da will einer Räume öffnen. Im Fall des Gedichtes ist es fast eine Platitüde. Aber darum geht es Yevgeniy Breyger nicht: Tagessinn und Tand sind nicht wirklich unterscheidbar. Wenn ich Dinge zueinander bringe, werden sie relativ und dadurch lebendig und fangen an eine poetische Farbe[4] zu haben, nach etwas zu riechen, nach etwas zu schmecken, Räume werden selbst dinghaft und haben Attribute, und es ist nicht nur die Aufgabe des Lyrikers diesen Folgenreichtum loszutreten, sondern mit und in diesen neuen Qualitäten zu spielen.

Das ist übrigens ein vollkommen anderer Ansatz als ihn das pathetische Gedicht verfolgt, welches definierte Großräume aufruft, ja geradezu aufbläst. Aufblasen als Raum schaffen – nicht besonders gelungen, wenn man bedenkt, daß da nur der fremde Atem drin steckt. Yevgeniy Breyger will deutlich darüber hinaus, will Geschehen jenseits vom Mikroblick des Insulaners und der Sinngewalt des Ichlings überhaupt erst erzeugen, will es anfragen und vor allem: zulassen.

Ich liebe Offenporigkeit in jedem Betreff und Zeilen, die selbstverständlich und wie nebenher funktionieren:
„auf welche podeste fliehen?“ - meint, unsere Fluchtbewegung hält auf ein Podest zu und auf es drauf, "Podestieren" ist eine Flucht. Es gibt keine Podeste, es sei denn man flieht auf sie. Für solche Auslösungen und sein hochkonzentriertes Spiel bei der Relativierung von Trennschärfen (eine echte Demokratisierung des „Allgemeinten“) und der Neuberaumung von Begriffen und ihrer Chemie sollte Yevgeniy Breyger bitte gerne einen beachtlichen Literaturpreis erhalten. Ich habe von ihm gelernt, wie weit das eigene Verstehen damit arbeiten kann fremdes Verstehen zuzulassen und Auflassungen zu erzeugen, die dem Steineklopfer es überlassen, was er zu finden trachtet.

 

4. Die Truhe ist ein Tor zur Ruhe
Alles was man wegschließen kann, kann auch schlafen. Alles, was als gesichert gilt, darf ins Bett gebracht werden. Aber es gibt einiges, daß in der unsicheren Zone gesagt ist, und auf das sollte man hören.

Nicht nur auf gesicherte Zonen verzichten, wäre etwas, daß man als zeitgemäß empfinden kann, sondern auch: darauf verzichten, daß ungesicherte Zonen zwangsläufig stumm sind. Sie sind meist mehr beredt als jede Verhohnepiepelung und jedes Assistenzsystem aus dem Assoziationsbereich. Eine Zeitlang hatten diese Kniffe überzeugende Textlandschaften erzeugt, aber das ist m.E. zu wenig geworden. Wir brauchen nicht das Zerbrechen, sondern das Zerbrochene und das klarer als die gebetsmühlenartige Wiederholung der Destruktion und ihres phänomenologischen Klingelzeichens. Es muß wieder erlaubt sein, Sätze als poetisch wahr zu empfinden, nur daß das poetische Wahre einem veränderten Begriff des Verstehens unterliegt. Es kann auf sehr komplexe Weise geschehen, es geht da nicht um buchstäbliches Verstehen, sondern sehr viel mehr um räumliche Tiefe, wo sonst Fläche aufgerufen wird.

Ich habe (und könnte nicht nur YB heranziehen) gelernt, wie das aussehen kann, wie sich das mischen und ganz neu ordnen kann. Wenn Sätze plötzlich wie angezündet erscheinen innerhalb eines Textes. Man darf und soll das anbieten – das hat nichts mit aus Sprachlosigkeit herausgebrochenem Pathos zu tun, sondern ist eine elementare, demokratische Begegnung, die von alleine auftaucht und sich entsprechend verselbstständigt.

Letzten Endes soll das Verstehen nicht mehr der qualvolle Abgleich mit einem Allgemeinsinn sein, sonder der mutige Schritt, der mich hinstellt, Inhalt und Raum aufzeigen, für den ich stehe, der für mich steht. Ein so veränderter Begriff führt aus den vereinnehmenden Tendenzen des Pathos automatisch in lebendige, unabgeschlossene Gegend, in der man sich begegnet wie Spaziergänger und Picknicker. Wir stehen nicht am Ende „des Verstehens“, sondern am Ende einer sklavischen Haberei, die übers Ganze gebrochen sein wollte, und insofern also am Anfang eines neuen Verstehens. Was ich mir für den Begriff Verstehen wünsche ist, daß er ein Begegnungsplatz für Iche ist, die wissen, daß ihr Ich eigentlich versteht“, was die Welt ist und warum sie mit Ichen hantiert. Es gibt kein falsches Verstehen, würde Breyger sagen. Ich glaube, ich verstehe, was er damit meint.

Frank Milautzcki 27.12.2017

 

[1]    Keith Devlin: Infos und Infone. Die mathematische Struktur der Information. Birkhäuser 1993.

[2]    Als im Juli 1941 die Deutschen die litauische Stadt Vilna besetzen, verdingen sie litauische Freiwillige als sogenannte „Greifer“ , deren Aufgabe es war, die Häuser nach Juden durchkämmen. Ein Kopfgeld von 10 Rubel  pro Jude war ausgesetzt. Der Dichter Abraham Sutzkever schafft sich im Haus seiner Mutter ein Versteck: „Die Maline erwies sich als etwas zu niedrig. Ich konnte nur in ganzer Länge dort liegen, und es war kaum möglich, sich auf die andere Seite zu drehen. Nachdem ich mit den Füßen voran hineingekrochen war, zog ich die Bretter wieder zu und verschloss von innen mit einem Draht, damit keiner eindringen konnte. So lag ich sieben Woche in der Maline. Ich bohrte in das Blech eine winzige Öffnung und bei dem kleinen Lichtschein, wie ein Nadellicht, schrieb ich meine Gedichte Gesichter in Sümpfen.“
Zitiert nach: Susanne Klingensteins „Mendele der Buchhändler“ (erschienen 2014 im Harrassowitz Verlag). Sie bemerkt nach dem Zitat: „Sutzkever war Ästhet und strebte danach, formal vollkommene Gedichte zu schaffen, die ihn  überdauern würden.“, womit sie zwei bemerkenswerte Intentionen notiert: das Streben nach Form und das Streben nach Überdauern.

[3]    Man erfährt ja täglich, daß es ein Verstehen gibt, das Positionen aufgibt, also Felder erzeugt, statt Verständnisinseln. Nicht nur Dadaismus, der aus Serendipitätseffekten lebt, oder die Collage, die als Spiel betrieben wird, sondern auch Poesie, die „landschaftlich“ gestaltet, statt punktgenau.

[4]    Die „poetische Farben“ der Welt werden in Breygers Buch überraschend genutzt,  aber in der breiten Lyrikwelt ist noch vieles anthropozentrisch grau, chemisch tot, vom Mensch und vom möglichen Beifall her gedacht und angestrengt gewollt. Wenn der Beifall der Zufall wär, der Beifang, öffnete sich was und dem könnte man nach.

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Januar 2018